Der Anlass für das Treffen der «Nordwestschweiz» mit Sänger Thom Yorke war aber nicht Radiohead, sondern «Amok», das erste Album seiner zweiten Band Atoms for Peace. Mit dieser Band treibt Sänger Thom Yorke diese Verspieltheit auf den Tanzboden.

Radiohead ist anders

Radiohead hat sich nie wie eine normale Band verhalten. Trotz dreissig Millionen verkauften Alben verhalten sich die fünf Mitglieder nicht wie normale Superstars. Interviews geben sie so gut wie nie. Und wenn sie doch einmal bereit sind, eines der seltenen Interviews zu geben, ist das nicht mit wochenlangen Verhandlungen, endlosen Verträgen und einem Aufenthalt in einem Superluxushotel verbunden. So war es auch bei diesem Gesprächstermin mit Radiohead-Sänger Thom Yorke. Völlig unerwartet erreichte den Journalisten in diesen Tagen ein E-Mail mit der Frage, ob er am nächsten Tag Zeit hätte für Thom.

Quelle: youtube/XLRecordings

Default von Atoms For Peace

Tags darauf trafen wir uns in der Nähe des Piccadilly Circus in einem Café eines Department-Store für aufstrebende Mode-Designer. «Eine Stunde werden wir sicher reden können», sagt Yorke, während er sich unerkannt ans bescheidene Tischchen setzt. «So lange geht es sicher, bis die Managerin die Schuhe gefunden hat, die sie für ein neues Video braucht.»

Grosse Bands sind vielfach deshalb gross, weil sie eine Gemeinschaft bilden, in welcher die einzelnen Musiker über sich selber hinauswachsen können. Das gilt für die Rolling Stones, aber auch für Radiohead. Vor sechzehn Jahren zeigte die Band aus der Nähe von Oxford mit «OK Computer» gänzlich neue Möglichkeiten für die Verschmelzung von Gitarren und Elektronik auf. Die Kühnheit ihrer Experimente hat danach nie nachgelassen, trotzdem füllt sie weiterhin Hitparaden und Fussballstadien.

Solo-Alben von Musikern solch grosser Bands fallen dagegen oft enttäuschend aus, gerade weil die Magie der ganzen Band fehlt. Was für normale Bands gilt, gilt aber nicht für die Bandmitglieder von Radiohead. Schon Gitarrist Jonny Greenwood hat eine Reihe von fesselnden Film-Soundtracks eingespielt und fungiert als «Composer in residence» beim BBC-Radioorchester, Drummer Ed Selway hat sich als stiller Singer/Songwriter geoutet und auch Thom Yorkes Solo-Debüt «The Eraser» glückte. Er habe herausfinden müssen, was seine Muse ihm bringen würde, wenn die Umsetzung seiner Einfälle nicht von Kommittee-Beschlüssen einer Band abhängig sei. Der Test war erfolgreich. «The Eraser» war ein Album, das Elektronik geschickt mit subtilen Songs verband.

Die Anfänge von Atoms for Peace gehen auf einen an Yorkes Musikerherz nagenden Ärger zurück. «Man hat ‹The Eraser› (2006) zwar als CD kaufen können, aber irgendwie existierte das Album nicht recht, denn ich hatte die Lieder nie wirklich gespielt. Für einen Solo-Auftritt an einem Festival musste ich die Lieder erst wieder einstudieren und ich fragte mich, was herauskäme, wenn Musiker beteiligt wären.»

Solo-Karriere mit Superband

So stellte er für seine Solo-Karriere eine Band zusammen. Nebst Nigel Godrich, dem langjährigen Produzenten von Radiohead, ist Flea, der extrovertierte Bassist der Red Hot Chili Peppers, dabei. Dazi Schlagzeuger Joey Waronker (R.E.M., Beck) und der Perkussionist Mauro Refosco (David Byrne). «Ich konnte mir niemand anders vorstellen als Flea», so York, «ich wusste, er würde den Groove verstehen.»

Die Shows mit Atoms for Peace machten derart viel Spass, dass keiner aufhören wollte, als die acht geplanten Konzerte vorbei waren. So mietete man sich kurzfristig ein paar Tage lang in einem Studio ein und spielte einfach drauflos. «Es war eine einzige lange Jamsession», sagt Yorke.

Daheim in England machten sich Yorke und Godrich daran, aus einem Laptop voller Grooves und Klangfragmente Stücke im herkömmlichen Sinn anzufertigen. Gerade das Hin und Her zwischen organischen Instrumenten und Elektronik fasziniert Yorke. Im Sommer soll es erneut auf die Bühne übersetzt werden: «Mir gefällt die verquere Ästhetik, wenn Menschen versuchen, Computer zu imitieren statt umgekehrt.» «Amok» ist ein feines, eigentümliches Album, auf dem eindringliche Dance-Beats mit subtilen Gesangsmelodien flirten und elektronische Klänge fugenlos in virtuose, organische Perkussion übergehen.

Während Radiohead – die offiziell ein Jahr Erholungspause eingeschaltet haben – eher mit Stimmungen experimentieren, pirscht Yorke durch ein Unterholz von Rhythmen, Elektronik und Klub-Musik. Tanzt er denn selber auch? «Allerdings! Erst gestern im Studio ist es mir wieder passiert. Ich spielte mit den Knöpfen und Schaltern und es klang verdammt gut, was da aus den Boxen kam, und plötzlich hüpfte ich durchs ganze Studio.»