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Streaming: Was es braucht, damit auch Schweizer Bands davon profitieren

Noch sind nur wenige Schweizer Musiker auf Spotify vertreten (Symbolbild).

Noch sind nur wenige Schweizer Musiker auf Spotify vertreten (Symbolbild).

Ist Spotify Fluch oder Segen? Der Präsident von Indiesuisse, dem Verband der Schweizer Independent Labels erklärt, wie auch Schweizer Bands gestreamt werden.

Jonathan Winkler singt bei der Mundartband Hermann, hat selber lange im Musikbusiness gearbeitet und kann sich trotzdem noch überraschen lassen. So wie neulich, als sich die Plays seiner Band plötzlich verzehnfachten. Der Song «Plakat» wurde vom Streaming-Anbieter Spotify in die Playlist «Schweizer Mundart» aufgenommen und dort zwischen Kunz und Adrian Stern platziert. Solche Listen für jeden Geschmack stellt Spotify handverlesen zusammen und präsentiert sie auf seinem Startbildschirm.

«Ich habe keine Ahnung, warum Spotify den zwei Jahre alten Song noch einmal ausgewählt hat», sagt Winkler. Schon einmal wurde «Plakat» erwählt. Der Effekt war derselbe: Kurzzeitig viele Plays, dann flachte es ab (vgl. Grafik). Immerhin: «Bislang wusste man ja nie, ob jemand die einmal gekaufte Platte daheim auch tatsächlich hört», so Winkler.

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Der Messbarkeits-Wahn hat dank Spotify auch die Musikwelt erreicht. Plays, Hörer, Abonnenten: Alles wird vom Streamingportal sauber gelistet. «Man fühlt sich als Musiker schon etwas ausgeliefert», sagt Winkler. Nicht nur im Positiven. «Natürlich vergleicht man seine Zahlen mit jenen von anderen Bands. Das kann frustrierend sein.»

Es ist nun auch nicht unbedingt so, dass Winkler mit Hermann kurz davor wäre, die Welt zu erobern: Normalerweise hören etwa zwanzig Leute täglich «Plakat», dank der Mundartplaylist waren es plötzlich bis zu 300. Monetär zahlt sich das übrigens nicht aus, alle drei Monate überweist Spotify Hermann rund zwanzig Franken. «Das entspricht etwa dem Gewinn von zwei verkauften physischen Tonträgern», so Winkler.

«Der Song muss funktionieren»

«Auf Streamingplattformen muss man längerfristig denken», sagt Andreas Ryser. Er ist Labelchef bei Mouthwatering Records und Präsident von Indiesuisse, dem Verband der Schweizer Independent Labels. «Wenn es gut läuft, verdiene ich auf diesen Plattformen auch in vierzig Jahren mit einem Song noch etwas», so Ryser. Er verweigert sich dem allgegenwärtigen Klagelied über das Streaming. «Es herrscht gerade Aufbruch- bis Goldgräberstimmung.»

Als Ryser vor 15 Jahren mit der Labelarbeit angefangen habe, sei fast jeder ein Musikpirat gewesen und habe sich seine Musik gratis aus dem Netz geladen. «Wir gingen nie davon aus, dass man mit Indie-Musik mal Geld verdienen kann. Umso schöner ist es jetzt, wenn man tatsächlich mal etwas verdient», so Ryser. Konkret nennt er die Zahl von 4500 Franken: So viel bekommt man derzeit durchschnittlich für eine Million Streams in der Schweiz.

Ryser betreut unter anderem die Band Black Sea Dahu, die über 200 000 monatliche Hörer auf Spotify hat und deren Song «In Case I Fall For You» dort gerade die Marke von zwei Millionen Plays geknackt hat. Das ist für den eigensinnigen Indie-Folk der Band aus Zürich eine imposante Zahl, auch wenn Ryser sofort relativiert: «Wir verkaufen diese Erfolge einfach sehr gut.»

Auch hier ist das Geheimnis der Zugang über Listen. «In Case I Fall For You» ist etwa bei «Van Life» und «Frühlingsgefühle» gelistet. «Diese Editorial-Listen generieren am meisten Plays», so Ryser. «Wichtig ist dann aber, dass der Song funktioniert.» Spotify wolle natürlich Listen machen mit Musik, die bei den Hörern ankommt. Werde ein Song häufig übersprungen, falle er bald auch aus der Liste raus.

Immer Zielpublikum im Auge

Mit Glück habe der Erfolg von Black Sea Dahu nichts zu tun, sagt Ryser. Entscheidend sei es, dass man den Song zu den richtigen Leuten bringe. «Es bringt nichts, wenn man in einer Liste landet, die vom Zielpublikum nicht gehört wird.»

Zwar hat man bei Spotify kein Vorschlagsrecht, aber es sei sicher nicht verkehrt, dass man die Listenmacher in Berlin kenne. Diese decken mit ihren Listen den ganzen deutschsprachigen Raum ab. Das wiederum macht es für Schweizer Bands gleich mehrfach attraktiv, auf einer solchen zu landen.

Auch bei Black Sea Dahu habe man «mittlerweile zehnmal mehr Hörer aus Deutschland als aus der Schweiz», sagt Ryser. Spotify weist dem Künstler aus, in welchen Städten seine Musik am meisten gehört wird, was für Konzertveranstalter ein gutes Argument ist. Auch dank guten Spotify-Zahlen touren Black Sea Dahu derzeit gerade durch Europa und spielen in gut gefüllten Clubs. Auch das dient wieder als Verstärker: «Viele Bands machen den Fehler, dass sie rasch ins Ausland gehen und dann vor leeren Clubs spielen. So eine Band bucht ein Veranstalter kein zweites Mal mehr.»

«Verstopfung im Flaschenhals»

Ganz grundsätzlich findet Ryser, dass sich die Mechanismen im Musikgeschäft nicht gross verändert haben. «Die Vermarktungsmittel sind moderner geworden.» Aber auch heute stehe der Song im Vordergrund: «Wenn der nicht gut ist, klappt er auch auf einem Streamingportal nicht.»

Und die Algorithmen von Spotify, die zumindest teilweise über Sein oder Nichtsein entscheiden, lassen auch externe Infos einfliessen. Erhält eine Band Besprechungen auf Blogs und in Zeitungen, generiert das Relevanz; mit Relevanz landet man bei den Streaming-Diensten auf guten Plätzen; auf guten Plätzen hat man gute Chancen in Listen zu kommen.

«Jede Woche erscheinen knapp 140 000 neue Songs, und alle wollen gehört werden», so Ryser. Auch darum seien Labels und Promo nach wie vor unverzichtbar, sagt er nicht ganz uneigennützig. «Nie war es einfacher, Musik zu veröffentlichen, nie war es schwieriger, gehört zu werden», formuliert es Hermann-Sänger Jonathan Winkler.

Während Ryser die Chancen und Möglichkeiten des Streamings lobt, ist Winkler skeptischer: «Lohnen tut sich das vor allem für die grossen Labels, die einen grossen Back-Katalog Katalog und mehr Geld und Einfluss haben.» Die schiere Masse auf den Streamingportalen führe eher zu «einer Art Verstopfung im Flaschenhals». Man grabe sich gegenseitig die Plays, Listener und Abonnenten ab, und am Ende würden die Grossen grösser und die Kleinen blieben klein.

Sängerin Janine Cathrein hat mit ihrer Band Black Sea Dahu in Deutschland zehn Mal mehr Hörer als in der Schweiz. Paul Maerki

Sängerin Janine Cathrein hat mit ihrer Band Black Sea Dahu in Deutschland zehn Mal mehr Hörer als in der Schweiz. Paul Maerki

Winkler und Ryser sind beide über 40 Jahre und damit alte Hasen im Musikgeschäft. Sie haben sich ihre Leidenschaft durch die deprimierenden Zahlen nicht zertrümmern lassen. Janine Cathrein, Sängerin von Black Sea Dahu, hat kürzlich in ein Mikrofon gesagt, sie habe erst lernen müssen, dass man auf Spotify tatsächlich Geld verdienen könne.

Sie hat wohl gedacht, dass man das auch gratis nützen könne und es daher logischerweise auch kein Geld für die Künstler gäbe. Wenn man mit nichts rechnet, dann ist man auch mit wenig zufrieden. Das ist keine schlechte Grundvoraussetzung im Musikgeschäft.

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