Weihnachtslied
«Stille Nacht, heilige Nacht»: Wie wir zum Weihnachtslied kamen

Wer hat das Weihnachtslied «Stille Nach» erfunden? Die Österreicher waren – aus der Not heraus. Ein 23-jähriger Hilfspriester aus Oberndorf schreibt im Winter 1816 ein Gedicht. Zwei Jahre später wird «Stille Nacht, heilige Nacht» erstmals gespielt.

Thomas Roth
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Die Wiege des weihnachtlichen Welthits: Stille-Nacht-Kapelle im österreichischen Oberndorf.

Die Wiege des weihnachtlichen Welthits: Stille-Nacht-Kapelle im österreichischen Oberndorf.

Keystone

Alles geht den gewohnten Gang an diesem 24. Dezember. Es ist still in Oberndorf. Die Arbeit ruht, die Leute sitzen zu Hause, freuen sich auf ein karges Abendessen und auf die schlichte Feier in der Kirche St.Nikolaus. Doch kurz vor Mittag kommt im Pfarrhaus Hektik auf. Die Orgel versagt ihren Dienst – und dies ausgerechnet an Heiligabend. Ein kirchlicher Super-GAU. Eine Messe ohne Orgel. Nicht denkbar in diesem verschlafenen Dorf südlich von Salzburg.

Ausnahmezustand. Was tun? In diesem Moment schlägt die Stunde von Joseph Mohr, 23-jähriger Hilfspriester. Der uneheliche Sohn einer Strickerin und eines Soldaten erinnert sich an ein paar Blätter Papier, auf die er im Winter 1816 ein Gedicht geschrieben hat. Sechs Strophen der Hoffnung, die in diesem Jahr so wichtig ist. Im Juni hat es bis in tiefe Lagen geschneit. Die Ernten sind zu einem grossen Teil ausgefallen, Millionen Menschen hungern – Zehntausende sterben. Und das in einer Zeit, in der halb Europa noch unter den Folgen der Kriege leidet, mit denen Napoleon den Kontinent ins Elend gestürzt hat.

Mohr, unbeliebt beim Pfarrer, weil er lieber in der Dorfbeiz sitzt, um sich die Sorgen der Bevölkerung anzuhören, anstatt Liturgien zu studieren, hat das Gedicht aus Sehnsucht nach einer Zeit ohne Leiden verfasst. «Stille Nacht, heilige Nacht», nennt er es. Und hätte die Orgel in Oberndorf nicht den Geist aufgegeben, hätten die Zeilen wohl kaum einmal den Weg aus der Schublade von Mohrs Schreibtisch gefunden.

Doch an diesem 24. Dezember 1818 erinnert sich Mohr an sein Gedicht und eilt mit den Blättern zu Franz Xaver Gruber, Organist von Oberndorf. Er bittet den begnadeten Musiker und zwölffachen Familienvater, sein Gedicht zu vertonen. Für zwei Männerstimmen und eine Gitarre. Eine Messe ganz ohne Musik – das kann sich Mohr nicht vorstellen.

Bereits gegen Abend hat Gruber die Komposition vollendet. In Dur. Weil damals das Leben der meisten Menschen von Molltönen dominiert wird. Am Abend singt Mohr die Tenorstimme, der Organist zupft den Bass; begleitet durch die Gitarrenklänge des Hilfspfarrers. Die Gemeinde ist hin und weg. Und bei der Schlusszeile «Jesus der Retter ist da», stimmen – so besagt es jedenfalls die Geschichte – die Kirchgänger ausnahmslos mit ein.

Ein Welthit ist geboren, der inzwischen von Milliarden Menschen auf fünf Kontinenten gesungen wird. Übersetzt in 350 Sprachen – sechs Strophen für die Ewigkeit. Eine musikalische Erfolgsgeschichte sondergleichen. Weder Bach noch Mozart kriegten Derartiges hin, nicht die Beatles und nicht die Stones. Und auch Madonna und Lady Gaga werden diese Hürde nie nehmen. Ein Lied, dessen Wirkung derart stark ist, dass man an verschiedenen Kriegsschauplätzen im Ersten Weltkrieg während der Feiertage für einige Zeit die Waffen niederlegt, um es zu singen.

Zuvor ist «Stille Nacht» für manche Jahre in Vergessenheit geraten, ehe sich der Salzburger Orgelbauer Carl Maur-
acher wieder dafür interessiert. Er nimmt das Stück mit auf seine Dienstreisen und übergibt es im Zillertal einer Sängerfamilie, die es auf Jahrmärkten in Österreich, Deutschland und in der Schweiz zum Besten gibt.

Eine Abschrift von «Stille Nacht, heilige Nacht» schafft es auch über den Ozean, und 1839 gibt es eine Aufführung in New York. Zuvor erreicht das Lied die Höfe von Kaiser Franz und Russlands Zar Alexander. Wo man es auch hört, sind die Leute begeistert. Doch keiner weiss, wer es geschrieben und wer es komponiert hat. Bis die preussische Hofmusikkapelle in Berlin 1854 recherchiert und eine Anfrage nach Salzburg schickt um die Urheberschaft zu klären. Nach Wochen ist das Rätsel gelöst. Organist Franz Xaver Gruber hat bis dahin 70 Kompositionen geschrieben – Messen, Choräle, Kantaten. Und nun, im Alter von 67 Jahren, gelangt er zu spätem Ruhm. Joseph Mohr ist da schon seit sechs Jahren tot. Er stirbt als armer Mann. Sein Begräbnis kann nur durch den Verkauf seiner Gitarre finanziert werden.

Heute Abend wird in der 6000-Seelen-Gemeinde Oberndorf wieder «Stille Nacht» erklingen. In der Stille-Nacht-Kapelle, die nach dem Jahrhundert-Hochwasser 1906 auf dem Grund der St.-Nikolaus-Kirche errichtet wurde. Ein paar tausend Touristen werden vor der Kapelle mitsingen – und mit ihnen rund zweieinhalb Milliarden Menschen auf der ganzen Welt. In der Stille dieser heiligen Nacht.