Pop
Starsängerin Zaz: «Meine Stimme widerspiegelt meinen Charakter»

Die französische Sängerin Zaz ist im Heimatland längst ein grosser Star. Jüngst hat sie gar den Mont Blanc bestiegen und auf dem Gipfel gesungen. Sie wolte wissen, wozu sie fähig sei, sagt sie. Nun kommt sie mit einem neuem Album in die Schweiz.

Reinhold Hönle
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Von den Strassen Paris’ auf die grosse Bühne: Zaz.

Von den Strassen Paris’ auf die grosse Bühne: Zaz.

HO

Vor ein paar Monaten haben Sie auf dem Mont Blanc gesungen, kürzlich in «Schlag den Raab». Wie unterscheidet sich der Nervenkitzel?Zaz: Natürlich ist es etwas anderes, ob man einen Berg oder eine Bühne besteigt, aber in beiden Fällen musst du mental, physisch und emotional bei der Sache sein.

Was war für Sie die grösste Herausforderung bei der Besteigung des höchsten Bergs der Alpen?
Ich habe mich während sechs Monaten sehr gut vorbereitet, nicht getrunken, nicht geraucht und anderthalb Stunden pro Tag Sport getrieben. Ausserdem war ich auf Tour, bin also zwei Stunden auf der Bühne hin- und hergerannt.

Gefeierte Französin

Isabelle Geffroy (33), die sich mit 23 Jahren - abgeleitet vom Vornamen - den Künstlernamen Zaz gab, ist mit dem gleichnamigen Debütalbum 2010 nicht nur in ihrer französischen Heimat, sondern sensationell auch im deutschsprachigen Raum und weiteren Ländern von einer unbekannten Varieté- und Strassenmusikerin zum gefeierten Popstar aufgestiegen. «ZAZ» gehört zu den 25 erfolgreichsten Platten in der Geschichte der Schweizer Hitparade. Die zweite CD «Recto Verso» (Universal Music) hat nicht mehr die enorme Eindringlichkeit des Vorgängers, bei dem die raue Produktion und das starke Songmaterial ideal mit ihrem energiegeladenen Gesang und der kratzigen Stimme korrespondierten. «On ira» hat aber ähnliches Hitpotenzial wie «Je veux». Andere Lieder werden vermutlich erst in reduzierten Liveversionen und dank Zaz' grosser Bühnenpräsenz ihre volle Wirkung entfalten. (rhö)

Macht es Ihnen Freude, Ängste überwinden zu müssen?
Ich mag es, mich herauszufordern, um zu entdecken, wie ich mich in solchen Situationen verhalte und wozu ich fähig bin. Wenn ich einen Adrenalinschub habe, gibt es kein Vorher und kein Nachher. Ich lebe total im Moment. Das ist grossartig!

Ist die Mont-Blanc-Erfahrung in die neue CD eingeflossen?
Als ich nach Hause kam, hatte mir eine Freundin das Buch «Après l’extase, la lessive» deponiert. Es handelt davon, dass wir alle nach den kurzen Momenten der Ekstase schnell wieder vom Alltag auf den Boden der Realität zurückgeholt werden und von den Erinnerungen an diese Höhepunkte leben müssen. Daraus entstand das Lied «La Lessive». Ich mache übrigens gerne den Abwasch, da ich dabei meinen Gedanken nachgehen kann – anders als beim Putzen ... (lacht)

Ihr Gesang, der meist kraftvoll und energiegeladen, manchmal aber auch sensibel und gebrochen klingt, begeistert auch nicht-frankofone Musikfans. Woher nehmen Sie diese Ausdrucksstärke?
Ich glaube, dass meine Stimme meinen Charakter widerspiegelt. Ich habe die Tendenz laut zu sprechen, aber ich verstehe mich auch auf leise Töne. Meine Emotionen sind stark. Wenn ich schreie, wird meine Stimme kratzig. Da ich nicht jeden Tag singe, erholt sie sich wieder. Trotzdem hinterlässt es Spuren. Aus diesem Grund heisst die CD «Recto Verso». Ich bin die Vorder- und die Rückseite. Es gibt Licht und Schatten.

Die Single «Je veux» hat Sie vor zwei Jahren zum Star gemacht. Wollen Sie inzwischen etwas anderes, als Sie darin besingen?
Nein, als ich es schrieb, hatte ich gerade in einem Variété gekündigt, weil ich mir dort nur noch wie eine Musikfunktionärin vorkam. Ich war nicht mehr glücklich, da ich nichts mehr gelernt habe. So habe ich lieber in den Strassen des Montmartre gesungen. Dort war ich immerhin mein eigener Chef. Wenn die Leute aber meinen, ich würde kein Geld wollen, haben sie das Lied falsch verstanden. Natürlich ist es wichtig, denn es erlaubt, Dinge zu realisieren oder andere Menschen zu unterstützen.

Stimmt es, dass Sie ein Burnout hatten?
Ich habe das in einem Interview gesagt. Es wurde dann aus dem Zusammenhang gerissen, aber ich hätte dieses Wort nicht benutzen sollen. Das war übertrieben. Bei einem richtigen Burnout bist du depressiv. Ich hatte mir nur zu viel zugemutet, war aus dem Gleichgewicht geraten und hatte drei Konzerte absagen müssen.

Nun stellen Sie sich im Lied «Si je perds» vor, Sie hätten Alzheimer.
Wenn man von solchen Krankheiten redet, tut man das normalerweise nicht in der ersten Person, sondern spricht über andere. Ich versuchte jedoch, mich in die Lage eines betroffenen Menschen zu versetzen. Das Schlimmste ist, dass du merkst, wie du dabei bist, die Erinnerung zu verlieren und nicht mehr dieselbe Person zu sein, aber nichts dagegen tun kannst.

Welche Konsequenz ziehen Sie daraus?
Oft wirst du dir erst bewusst, was du hattest, wenn du es verloren hast. Vielleicht hättest du dich mehr kümmern sollen, mehr aus deinen Talenten machen oder bewusster leben sollen. Deswegen unterstütze ich auch den Verein Colibris in Paris, der sich zum Ziel gesetzt hat, das Gesellschaftssystem umzubauen und neue Lösungen für Herausforderungen in Wirtschaft und Umwelt zu suchen. Wobei das keine Utopisten sind, sondern fröhliche, kreative Arbeiter.

Dazu passt Ihre aktuelle Single «On ira», eine Hymne auf die Vielfalt der Welt.
Ich denke, die Menschheit muss nach einer Zeit des Konsumierens und Spaltens zum Essenziellen zurückkehren und wieder eine Gemeinschaft werden, wenn sie überleben will. Einer ernährt den anderen, das Publikum uns und wir das Publikum. Wenn du jemanden siehst, der glücklich ist, bist du auch glücklich.

Zaz Recto Verso, Sony, 2013.

Live 8. Juni, Nyon, Caribana Festival; 19. Juli, Luzern, Blue Balls Festival; 21. Juli, Bern, Gurten Festival.

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