Die Spannung konnte man förmlich greifen: Paavo Järvi trat nach seiner Wahl zum designierten Chefdirigenten auf die Saison 2019/20 erstmals wieder mit dem Tonhalle-Orchester Zürich auf. Mit Mahlers «Fünfter» entzündete er im ausverkauften Saal grosse Begeisterung.

Die Wahl Paavo Järvis liess 2015 aufhorchen. Vor ihm hatte der noch relativ junge Franzose Lionel Bringuier die schwierige Nachfolge des langjährigen Chefdirigenten David Zinman angetreten. Mit Bringuier wollte man, zusammen mit der neuen Intendantin Ilona Schmiel, einen Generationenwechsel einläuten. Doch er war diesem hochkarätigen Chefposten nicht gewachsen, nach nur vier Jahren nahm diese Episode ein Ende.

Doch vielleicht war diese Interimszeit nach Zinman gar nicht so schlecht, nun suchten andere Kräfte nach einem neuen Chef. Dass jetzt ein Künstler aus Osteuropa das künstlerische Zepter übernehmen wird – Järvi stammt aus Estland –, ist nach dem US-Amerikaner Zinman ein interessanter Aspekt.

Erfahrung und Netzwerk

Paavo Järvi ist der Sohn des renommierten Dirigenten Neeme Järvi und er bringt ein spannendes, für Zürich neues Beziehungsnetz mit. Er ist seit 2015 Chef des NHK Symphony Orchestra in Tokio, war bis zum Sommer 2016 Chef des Orchestre de Paris und ist Künstlerischer Leiter der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen.

In Frankreich hat man ihn bereits zum «Commandeur de l’Ordre des Arts et des Lettres» ernannt. Ihm scheint also die Französische Musik ein Herzensanliegen zu sein. Riskant, aber hoch interessant ist sein Vorhaben, diese Saison in Zürich in seinen Gastkonzerten schwerpunktmässig Olivier Messiaen zu dirigieren: im Januar «Les offrandes oubliées» und «Le tombeau resplendissant» und im April das Stück «L’Ascension».

Kommt dazu, dass Paavo Järvi der asiatische Raum vertraut ist, von seiner Arbeit in Tokio her. Die grosse Asien-Tournee, die er nun zum 150-Jahr-Jubiläum der Tonhalle-Gesellschaft Zürich am 21. Oktober antritt, führt das Orchester in «seine» Welt, mit Konzerten in China, Taiwan und Südkorea.

Eines der beiden Tournee-Programme präsentierte Järvi im Konzert vom Mittwoch. Dabei debütierte Zee Zee, das «Klavierwunder aus China», mit dem Tonhalle-Orchester, sie spielte Franz Liszts Klavierkonzert Nr. 1 Es-Dur. Der zweite Teil galt Gustav Mahlers gewichtiger Sinfonie Nr. 5 cis-Moll.

Die junge Chinesin Zee Zee hat bereits eine steile Karriere gemacht, auch dank ihres Mentors Alfred Brendel. Mit Paavo Järvi hat sie übrigens schon öfter musiziert. Was sie nun in Zürich darbot, grenzte tatsächlich an ein Wunder. Unerhört, mit welcher Leichtigkeit sie die weit ausholenden Arpeggien Liszt’s hinhauchte, wie sie dabei anschlagstechnisch raffiniert dosierte, um dann in den rasend schnellen Oktav-Kaskaden schwung- und kraftvoll drauflos zu donnern. Das war keine technische Show, sondern musikalisch durchdrungenes Spiel mit der höchsten Virtuosität, wobei es auch zu ganz zauberhaften, ja magischen Momenten kam. Schade, dass es in der Koordination mit dem Orchester ein paar Unstimmigkeiten gab.

Begeisterung auch beim Orchester

Doch die Freude des Publikums war entfacht, der Applaus war grossartig. Nach Mahlers Fünfter aber waren die Zuhörer erst recht aus dem Häuschen. Paavo Järvi disponierte diese gross besetzte, fünfteilige und rund 70-minütige Sinfonie mit souveräner Übersicht und schaffte es auch, den eher «engen» Saal akustisch nicht zu überfordern.

Die Tempi nahm er extrem, entweder sehr langsam oder sehr schnell, und die Zurücknahme ins Pianissimo, in die jeweilige Ruhe vor dem Sturm, hatte Spannung. Er überzeichnete auch das Karikierende nicht, was sonst bei Mahler gerne vorkommt, indem die Synkopen gerne deutlich überdehnt werden; Järvi liess sie ganz natürlich laufen.

Die 5. Sinfonie wird hauptsächlich von den Bläsern getragen, die Blechbläser sind sehr exponiert, auch solistisch, und die Holzbläser sorgen für kecke Einschübe. Die Tonhalle-Bläser waren ganz in ihrem Element und spielten nicht nur technisch sehr sauber, sondern einfach hinreissend. Järvi koordinierte ruhig, genoss die «ländlerischen» Stellen sichtlich und führte stringent durch die vielschichtige und kontrastreiche Partitur. Zum Schluss waren alle hell begeistert, das Publikum wie auch das Orchester.

Nächstes Konzert: Freitag 12. 10. Paavo Järvi, Tonhalle-Orchester, Solistin Khatia Buniatishvili (Klavier). Debussy, Rachmaninow, Brahms.