Evolution ist eine ziemlich coole Sache – gerade für Musikfans. Schliesslich gäben wir ohne sie akustisch kaum etwas her: Blubbernd würden wir durch trübe Gewässer krabbeln oder Urlaute ausstossend auf Bäumen sitzen. Arien von Rossini, Mozart und Co? Könnte der Mensch sich abschminken. Und unter uns: Dass die Weltgeschichte das ehrgeizige Projekt namens Tyrannosaurus Rex schliesslich zu einem Tyrannosaurus Ex werden liess, kann man der Evolution nicht persönlich vorwerfen.

Doch in einem weiteren Punkt hat es die Evolution nicht leicht: Da hat sie den Menschen in jahrtausendelangem Trial-and-error-Verfahren mit einem Paar Hightech-Stimmbändern versehen, doch seit rund 150 Jahren wirken diese plötzlich wie Auslaufmodelle. Weil moderne Orchester aufrüsten: von Darmsaiten auf Stahlsaiten, von Naturhörnern auf Ventilhörner. Stärker, lauter, mehr ist die Devise. Dagegen kommen Sänger nicht mehr an. Pech für die Evolution?

Ändern statt anschreien

Ach was, findet Cecilia Bartoli, Primadonna assoluta, mit einer für Primadonnen eher zarten Stimme. «Wir müssen den Dialog zwischen Mensch und Instrument neu suchen. Schliesslich können wir Sänger uns keine Stimmbänder aus Stahl zulegen. Wenn es um Sport ginge, würde man angesichts dieser Tatsachen von foul play sprechen», erklärte sie in einem früheren Gespräch mit der «Nordwestschweiz». Und sie entschied: Statt gegen ein Orchester anzuschreien, muss sich das Orchester ändern. Deshalb gründete sie 2016 «Les Musiciens du Prince», ein Barock-Ensemble mit Sitz in Monaco und mit Musikern auch aus der Schweiz, darunter Konzertmeister Andrès Gabetta (Bruder von Sol Gabetta). Das Resultat? Macht hörbar Spass. Allen voran Cecilia Bartoli selbst, die den halbszenischen Abend (Regie: Claudia Blersch) zum Abschluss des Lucerne Festival in ihrer Paraderolle «Cenerentola» sichtlich geniesst.

Es ist ein Wiedersehen wie aus dem Bilderbuch: Mit von der Partie sind die bösen Schwestern mit den schönen Stimmen (Martina Jankova, Rosa Bove), der Stiefvater (ein stimmlich wie komödiantisch kolossaler Carlos Chausson), Alessandro Corbelli als auch sängerisch gewiefter Diener – und in der Rolle des Prinzen: Edgardo Rocha, uruguayischer Tenor, der mit dem Ausmass an Samt in seiner wunderbaren Stimme locker sein ganzes Schloss auskleiden könnte. Kantiger und stimmlich reifer klingt Cecilia Bartoli als Cenerentola, was zwischen dem Liebespaar zu einem feinen Ungleichgewicht führt.

Die Frau mit den vielen Klappen

Doch sobald Bartoli ihren Koloraturen freien Lauf lässt, vergisst man solche Gedanken, weil man nicht anders kann, als zu lauschen und zu staunen: Wie macht sie das bloss – diese Perfektion! Als hätte die Italienerin auf ihrem Zwerchfell Tasten und Kläppchen installiert. Auch die «Musiciens du Prince» lassen sich nicht zweimal bitten. Geleitet vom Dirigenten Gianluca Capuano, klingen sie leise, aber oho – und präsentieren dabei überbordende Spiellust. Etwa, wenn sie ausgerechnet die grosse Trommel den Subtext zu einer Arie schlagen lassen. Oder das Blech eine Gesangsmelodie mit solch markerschütternder Inbrunst nachtutet, dass das Publikum loslacht. Und tatsächlich: Dieses Orchester lässt den Gesangssolisten Raum. Doch auch in der instrumentalen Konstellation sind die Musiker eine Wucht: In der Ouvertüre tönt das Pianissimo nach flirrenden Lüften, rauschendem Bach, nie aber nach Notentext. Und die schnellen Passagen sprudeln förmlich. So entsteht ein Bild zum Hinlauschen statt Hinschauen – und ein Versprechen für die kommenden drei Stunden.

Dieses wird mehr als eingelöst. Der Abend lässt einen aber auch darüber hinaus aufhorchen, indem sich die Musiker dem heute herrschenden Perfektionszwang lustvoll entziehen (es lebe der menschliche Makel!). Kleine Unstimmigkeiten in den Streichern? Ein dezenter Kiekser im Horn? Schwamm drüber. Und dass im finalen Sextett «Questo è un nodo avviluppato» ein Sänger seinen Einsatz verträumt, führt selbst bei Cecilia Bartoli zu kaum kaschierbarer Erheiterung. Rossini wäre es wahrscheinlich ähnlich ergangen. Für den gelernten Koch und wohl heitersten aller Komponisten spielten Arien und Antipasti, Cavatine und Cotolette, Ouvertüren und Osterien in derselben Liga. Das oberste Gebot bei allem? Dolce Vita natürlich!