Lenzburgiade
Sopranistin Simone Kermes: «Ich habe keine Angst vor Konkurrenz»

Simone Kermes gilt als unangefochtene Königin im Koloraturfach. Die artistischen Verzierungen, mit denen die Barockkomponisten ihre Sänger in den Wahnsinn treiben, die nimmt sie mit Leichtigkeit. Wir sprachen mit der Sopranistin über ihre Konzerte an der Lenzburgiade, über die Gesangsausbildung in der DDR und wie es ist, auf der Bühne zu sterben.

Jenny Berg
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Simone Kermes kommt aus der Barockmusik, hat aber keine Berührungsängste mit andere Stilen.

Simone Kermes kommt aus der Barockmusik, hat aber keine Berührungsängste mit andere Stilen.

zVg

Simone Kermes, Sie sind gerade in Paris für ein Konzert mit Weltmusik; Ihr Spezialgebiet sind die artistischen Koloraturen der Barockpartien und Sie singen auch schon mal Rocksongs von Rammstein. Macht Ihre Stimme alles mit?

Simone Kermes: Es kommt auf die Technik an. Wenn man die richtige Technik hat, kann man alles machen.

Und Sie haben die richtige Technik?

Ja. Aber ich achte auch darauf, meine Stimme nicht zu überfordern. Mit barockem und klassischem Stil kann man nichts falsch machen, da haben die Komponisten die Stimme sehr ökonomisch eingesetzt. Dafür stehen die Sänger aber auch ganz nackt da, man hört jeden falschen Ton. Das Repertoire, das danach kommt, also Belcanto, oder Wagner, da können sich die Stimmen immer auch ein bisschen verstecken.

Aber Wagner ist doch sehr anstrengend für die Stimme?

Weil die falschen Instrumente verwendet werden. Viele Leute sagen: «Wagner mag ich nicht, das ist mir zu laut.» Das muss nicht sein. Zu Wagners Zeit hatten die Geigen noch Darmsaiten ...

... die sind deutlich leiser, weicher, als die heutigen Stahl- und Kunststoffsaiten ...

... ja, und das Gleiche gilt für Gioachino Rossini, Richard Strauss und so weiter. Wenn man mehr beachten würde, wie damals musiziert wurde, dann passierte auch weniger mit den Stimmen. Die Stimme ist speziell, hier kannst du nicht einfach eine Schönheits-OP machen, wenn sie nicht mehr gut klingt!

Sie haben in der ehemaligen DDR vor Ihrem Gesangsstudium eine Ausbildung zur Facharbeiterin für Schreibtechnik absolviert. Warum dieser frühe Umweg über eine solide Ausbildung?

Immer wieder diese Frage. Bei Placido Domingo fragt doch auch niemand, ob er mal in seiner Jugend in irgendeiner Küche beim Abwasch geholfen hat. – Also: Ich bin nicht nur Facharbeiterin für Schreibtechnik, das hiess damals so in der DDR, sondern ich bin auch Sekretärin. Und das kommt mir heute sehr zugute: Ich manage mich selbst, kann alle meine Projekte eigenständig organisieren.

Wie viel Wahlfreiheit hatten Sie in der DDR bei der Berufswahl?

Gar keine. Wahlfreiheit gab es nicht. Alles wurde am Talent ausgemacht. Es gab im ganzen Land pro Jahr etwa zwölf Plätze für Gesang. Wenn du die Aufnahmeprüfung nicht geschafft hast, und die war hart, dann wars das mit dem Sängertraum. Und wenn du es geschafft hast, dann musstest du dich jedes Jahr neu beweisen in den Prüfungen, sonst fliegst du wieder raus. Aber es war auch gut, heute studieren viel zu viele junge Menschen Gesang. Nur wenige können später wirklich vom Singen leben.

Was hat sich in der Zwischenzeit in der Gesangsausbildung verändert?

Es war in allen Zeiten genau dasselbe: Du musst einen guten Lehrer finden, der deine wahrhafte Stimme findet und der dir eine Technik vermittelt, die auch zu deiner Stimme passt. Sonst bist du aufgeschmissen.

Was geben Sie Ihren Studierenden auf Meisterkursen mit?

Ihr müsst eure eigene Stimme finden, eure eigene Authentizität. Und dann müsst ihr euch auch vom Lehrer emanzipieren. Viele kapieren das nicht, bleiben unselbstständig, das ist schade. Aber das ist auch der Grund, weshalb ich keine Angst vor Konkurrenz habe. Es gibt so viel Mittelmass. Schon der wenige Musikunterricht in der Schule ist mittelmässig.

Hatten Sie in der DDR besseren Musikunterricht?

Der ganze Umgang mit Kultur war ein anderer. Wer ins Theater wollte, konnte für fünfzig Pfennig gehen, oder für ’ne Mark, das konnten sich alle leisten. Aber heute? Klassische Musik ist ein Luxus geworden. Und unser Publikum stirbt aus – da stehen wir fünf vor zwölf!

Warum, meinen Sie, ist das so?

Weil klassische Musik nicht mehr zeitgemäss präsentiert wird.

Was wäre denn zeitgemäss?

Neue Formen. Für mein Programm in Lenzburg bringe ich Tänzer mit. Sie tanzen in ganz verschiedenen Stilen. Warum auch nicht? Madonna hatte auch Tänzer! An so etwas mangelt es.

Mangelt es auch am Vertrauen der Veranstalter?

Ja, auch. Wenn ich dieses Programm anbiete, können sich viele Veranstalter nichts darunter vorstellen. Manche sind zu altmodisch, wollen das Risiko nicht eingehen. Das ist furchtbar! Wenn das so weitergeht, weiss ich nicht, wer da in zehn Jahren noch im Publikum sitzen soll.

Spüren Sie, dass zu Ihren Konzerten ein jüngeres Publikum kommt?

Natürlich. Neulich habe ich in Moskau ein Konzert gegeben, danach kamen fast nur junge Leute, um Autogramme zu holen. Es ist einfach wichtig, dass du dem Publikum Energie gibst. Ein gutes Konzert ist ein Austausch von Energien. Wenn man die Menschen berührt, kriegt man auch als Sänger was zurück.

Sie sind berühmt für Ihre rhythmischen, rockigen Interpretationen von Barockmusik. Nun haben Sie ein Album mit eher ruhigen Stücken aufgenommen. Wie kommt’s?

Die Stücke stammen aus einer anderen Zeit, aus dem Frühbarock, Claudio Monteverdi, Henry Purcell, John Dowland. Da ist viel Lamento, viel Trauer dabei. Da ist so etwas Schönes, Intimes – da stehe ich ganz blank da. Aber das wollte ich auch so, meine innerste Seite zeigen, zeigen, dass die Liebe das Wichtigste ist im Leben, das, was uns Menschen im Innersten berührt.

Das Programm singen Sie auch in Ihrem zweiten Konzert in Lenzburg, als Abschluss des Festivals. Funktionieren auf der Bühne die gleichen Programme wie auf CD?

Ja. Im Konzert wird es ein bisschen mehr Instrumentalstücke geben und natürlich: die Tänzer! Mit dem ganzen Drumherum ergibt das fast eine kleine Oper. Wir haben viel Stücke neu arrangiert, es gibt auch arabische Einflüsse von meinem tunesischen Mitspieler Jasser Yousseff – auch das ist zeitgemäss: Wir spüren die arabischen Einflüsse gerade überall in der Welt.

Das verbindende Element des Programms ist die Liebe – was sagen uns diese alten Lieder über die Liebe heute?

Sie erzählen ganz pur, ganz ehrlich von der Liebe mit all ihren Gefühlen – ohne diese ganze Oberflächlichkeit, die wir heute haben. Heute müssen wir immer parat sein, schick angezogen, jung, perfekt – das interessiert mich nicht mehr. Ich möchte mit diesen Liedern singen: Heute bin ich melancholisch.

Die Lieder spannen einen Bogen von der ersten Verliebtheit über Sehnsucht, Liebesschmerz, Wahnsinn und Tod ...

... ja. Das ist auch ein bisschen meine private Geschichte. All die Auf und Abs in der Liebe. Und dann der Liebestod – das ist keine barocke Erfindung, das gehört zum Menschsein. Maria Callas ist an Liebeskummer gestorben, auch Romy Schneider, Whitney Houston, auch Prince. Das mit Musik auf der Bühne darzustellen, ist ein wunderbar schönes Gefühl. Ich könnte mir vorstellen, dereinst auch so zu sterben: Auf der Bühne von der Liebe zu singen und zu sterben. Aber davor möchte ich noch ein bisschen leben!

Die Höhepunkte im Schlosshof und in der Altstadt

Zwölf Klassik- und Folk-Konzerte im Schlosshof und in der Lenzburger Altstadt, Kultur-Spaziergänge und musikalische Schlossführungen verspricht die Lenzburgiade vom 14. bis 19. Juni. Die Highlights:

- Jazz und Zigeunermusik mit dem Geiger Geza Hosszu-Legocky: Di, 14.6., Metzgplatz Lenzburg.

- Musik des Balkans mit Jordi Savall: Do, 16.6., 20 Uhr, Schlosshof. 

- mit Streichquartett und Barockorchester: Simone Kermes. Fr, 17.6. und So, 19.6., je 20 Uhr, Schlosshof.

Restkarten unter Tel. 044 380 23 32 oder unter
www.lenzburgiade.ch

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