Klassik und Folk
Endlich wieder Musik: Star-Sängerin sorgt für ausverkaufte Ränge bei der Lenzburgiade

Die Lenzburgiade legt einen tollen Start hin: Traumwetter, ausverkauft und gehobene Volksmusik, interpretiert von einem Opernstar.

Roman Kühne
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Endlich wieder vor Publikum: Das Eröffnungskonzert der Lenzburgiade mit Marie-Claude Chappuis war ausverkauft.

Endlich wieder vor Publikum: Das Eröffnungskonzert der Lenzburgiade mit Marie-Claude Chappuis war ausverkauft.

Bild: Pascal Rohner

Es schaukelt und brummt von allen Ecken und Enden. Schwer, dumpf und unnachgiebig. Doch während die massigen Glocken sonst meist den Winter jagen, wird auf dem Schloss Lenzburg der Auftakt in die Konzertsaison eingeläutet. Der «Treichlerclub Seeland» rockt und schwingt die Glocken, setzt einen finalen Punkt hinter die kulturlose Zeit. Abschluss und Zukunft zugleich. Die warme Sommernacht, die leuchtenden Schlossmauern, das Flattern und Schnarren der Schlossdohlen, das klingende Metall – es ist der perfekte Start für diesen ersten Musikabend der Lenzburgiade 2021.

Nachdem die letzte Saison nicht stattfinden konnte, ist die Lust des Publikums, der Veranstalter und der Künstler mit den Händen greifbar. Oder wie es die künstlerischen Leiter Fränzi Frick und Oliver Schnyder treffgenau formulierten: «Kein Live-Stream kann den Besucherstrom ersetzen.» Das Eröffnungskonzert war denn auch nach wenigen Tagen ausverkauft.

Volksmusik aus den Charts statt Opernarien

Der «Hauptact» des Abends ist die Sängerin Marie-Claude Chappuis und ihr Kammerorchester, ein Gemisch aus klassischen und Volksmusikern. Die Mezzosopranistin ist nicht mit einem Arienprogramm angereist.

Eigentlich hat sie sich vor allem einen Namen in der historisch informierten Aufführungspraxis gemacht. Sie sang am Opernhaus Zürich unter Nikolaus Harnoncourt den Idamante aus Mozarts «Idomeneo». In Salzburg interpretierte sie die Dorabella aus «Cosi fan tutte», ebenfalls von Mozart. An diesem Dienstagabend in den Lenzburger Fürstenmauern hat sie jedoch viel Volksmusik dabei.

Marie-Claude Chappuis präsentiert vor allem Ausschnitte aus ihrer letzten CD «Au coeur des Alpes». Eine Aufnahme mit Schweizer Volksliedern, welche 2018 über sieben Wochen in der Schweizer Hitparade stand, wo sie sich bis auf den Platz 24 vorarbeitete. Doch zum Glück ist das Konzert nicht nur ein Abspielen der bekannten CD-Aufnahmen.

Ein Abend mit Charme und Eleganz

Der Abend beginnt ganz Französisch. Alleine tritt Marie-Claude Chappuis auf die Bühne. Sanft und leise steigt sie in das Lied «La romance du Pauvre Jacques». Der Spieler an der Laute, Luca Pianca, setzt sich dazu. Dichter wird das Gewebe, intensiver die Musik. Stück um Stück reihen Sängerin und Musiker ohne Pause aneinander. Lieder wie «Goûtons un doux repos» oder «Ransignolets du bois joli» nehmen das Publikum mit. Barockmusik für die Versailles-Herrscher, volkstümlich angehaucht.

Marie-Claude Chappuis zieht die Hörer von Anfang an in ihren Bann. Ihre warme, oft vorsichtig tastende Stimme leuchtet das Innere der Lieder aus. Mit sparsam eingesetztem Vibrato und dichter Gestaltungsenergie formt sie die Gesangsdiamanten. Ein natürlich fliessender Erzählfluss mit Charme und Eleganz.

Starke Sängerin und hervorragendes Orchester

Das Orchester begleitet und soliert in diesem Teil hervorragend. Auf historischen Instrumenten spielend legen sie den transparenten, spritzigen Hintergrund. Die instrumentale Sonate von Arcangelo Corelli ist ein Sahnehäubchen auf dem Abend. Oder das «Weggiserlied», arrangiert für Gesang und Akkordeon strahlt und sprudelt.

Geschickt präsentieren die Musiker und die Sängerin einen bunten Mix aus Instrumenten und Texten. Einmal ist es ein Alphorn oder das Akkordeon, das begleitet. Dann sind es die barocken Zupfinstrumente, welche Atmosphäre auf dem Schlosshof schaffen.

Mit der 78-jährigen Mutter auf der Bühne

Etwas weniger spannend ist der Schlussteil des Abends, wo Marie-Claude Chappuis sich mehr den bekannteren Volksliedern, wie dem «Guggisberglied» widmet. War die Orchesterbegleitung vorher oft so lebendig und eigenständig, wird sie hier teilweise zum reinen Hintergrundsteppich. Die Arrangements entwickeln nicht mehr ganz die Raffinesse und denselben Sog mit denen das Konzert am frühen Abend begann.

Ein spezieller Moment ist die Zugabe, wo die Sängerin ihre 78-jährige Mutter auf die Bühne holt und mit ihr zusammen ein rührendes «La chanson de mon ami» singt. Zuletzt bleibt zu sagen: sommerliches Wetter und ein niveauvolles Konzert sind der perfekte Beginn der diesjährigen Lenzburgiade.

«Lenzburgiade»: 15.−20.6. Schlosshof und Metzgplatz. www.lenzburgiade.ch. Marie-Claude Chappuis «Au Coeur des Alpes», Sony Classical

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