Porträt
Solothurner wird Dirigent eines weltberühmten Chores – weshalb er dafür Fussballkenntnisse braucht

Der Solothurner Andreas Reize ist der erste Katholik, der bald einen der berühmtesten Knabenchöre der Welt leitet. Einer seiner Vorgänger war Johann Sebastian Bach.

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In der St. Ursen Kathedrale war Andreas Reize einst ein Singknabe, jetzt wird er Dirigent des berühmtesten, geistlichen Knabenchors der Welt in Leipzig.

In der St. Ursen Kathedrale war Andreas Reize einst ein Singknabe, jetzt wird er Dirigent des berühmtesten, geistlichen Knabenchors der Welt in Leipzig.

Britta Gut

Wer Dirigent eines weltberühmten Chores werden will und damit rechnet, dass im Bewerbungsgespräch die erste Frage lautet: «Können Sie Fussball spielen?», hat den Job auf sicher. Andreas Reize war bei seinem Probedirigat mit dem Thomanerchor darauf gefasst, sagte «ja» – und hatte die Stelle.

Die jungen Mitglieder des weltberühmten Knabenchors hatte der Solothurner damit im Handumdrehen gewonnen, aber während des zweitägigen Probedirigats stellten sich noch ganz andere Herausforderungen. Als der Thomanerchor vor fünf Jahren einen neuen Leiter suchte und die Probedirigate pro Kandidat eine Woche dauerten, erfüllte niemand die Anforderungen sämtlicher beteiligter Gremien.

Und wenn in der Vergangenheit jemand die Stelle bekam, war es ein deutscher Protestant – ein sächsischer Lutheraner. Noch nie aber hat ein Katholik sie bekommen, und schon gar kein Schweizer. Thomaskantor wird nur eine Person mit breitem liturgischem Wissen. Die alten religiösen Zöpfe sind noch lange nicht abgeschnitten. Und das ist schön so.

Reizes Mutter war katholische Religionspädagogin, ihre beste Freundin die reformierte Pfarrerin von Solothurn. Katholik Reize wuchs somit in einem ökumenischen Umfeld auf und setzte sich für die Bewerbungstage intensiv mit religiösen Fragen auseinander. Und so erfüllte er schon mal einen von vier Parametern, die für dieses Amt unerlässlich sind. Reizes Wissen war offen­bar so gross, dass die Pfarrerin und der Pfarrer der Leipziger Thomaskirche unbedingt ihn als Kantor haben wollten.

Daneben kommt es auf das pädagogische Können, die musikalische Erfahrung im Leiten eines Knabenchors und den Umgang mit einem Orchester an, hat der Thomaskantor mit dem Leipziger Gewandhausorchester doch nichts weniger als einen der besten Klangkörper der Welt zu dirigieren. Und was hatte Reize zu bieten? Er entwuchs den Singknaben der St.-Ursen-Kathedrale Solothurn, wurde 2007 ihr Leiter, dirigiert seit fast 20 Jahren Orchester und mit seinen Chören sehr viel geistliches Repertoire. Bingo?

Fussball spielen können ist fast so wichtig wie dirigieren

Die Mitglieder des Gewand­haus­orches­ters hatte er praktisch mit dem ersten Einsatz auf seiner Seite. Allein die älteren Choristen hätten lieber jemanden aus den eigenen Reihen gehabt. Nach einem langen Gespräch wurde Reize von den «Oberen», wie die Jahrgänge der 11. und 12. Klasse heissen, zugesichert, dass sie hinter ihm stehen. «Man hat nie alle hinter sich, aber es gab offenbar noch nie eine so klare Wahl wie jetzt», sagt Reize. Dass er zuerst die Jüngsten auf seiner Seite hatte, ist typisch für Reize, den 45-jährigen Familienvater fasziniert die pädagogische Arbeit enorm.

Nichts scheint er mehr zu bewundern als einen guten Knabenchor. «Ein Chor, bei dem es nur Knaben und keine Mädchen hat, ist ein ganz anderes gesellschaftliches Gefüge. Die Verantwortung, die die älteren Männerstimmen übernehmen, wie sie die jungen führen, ist bewundernswert und faszinierend. Sobald man Mädchen dazu nimmt, werden die Jungs zu Gockeln, dann kommt alles durcheinander. Sind diese Zehn- bis Achtzehnjährigen aber unter sich, entsteht etwas Einzigartiges.»

Entscheidend sei, dass viele Knaben nicht mitsingen würden, wenn Mädchen zugelassen wären. Für Reize völlig verständlich: «Mädchen und Buben machen im Leistungsbereich ja auch nicht zusammen Leichtathletik, spielen nicht zusammen Fussball. Ich will nicht sagen, Buben seien schneller oder besser, sie sind anders.»

Trotz individueller Unterschiede: Thema Nummer 1 ist bei den Knaben der Fussball. «Fussball spielen zu können, ist für den Knabenchorleiter fast genauso wichtig wie das Dirigieren», sagt Reize, ohne zu kokettieren, «ich muss mich auf diese Jungs einlassen.»

Wer dem Thomanerchor beitritt, bekennt sich zum Dreiklang Glaube, Musik und Lehre.

Wer dem Thomanerchor beitritt, bekennt sich zum Dreiklang Glaube, Musik und Lehre.

ho

Auch das ist kein Klang der Schalmei. Später im Gespräch nachgebohrt, was denn ein guter Chor und wie wichtig das Individuum darin sei, sagt er: «Ich nehme jeden Jungen als Individuum wahr. Ich spreche mit ihm aber nicht über seine Stimme, sondern der eine erzählt mir, wie es seinem Hamster geht, der andere, welches Game er gerade spielt.»

Wenn der Journalist dann «schön und gut» murmelt, darauf hinaus will, dass sich ein Dirigent am Ende des Tages allein für eine exzellente Chorstimme interessiere, da er doch einen einzigartigen Klang aus Individuen schaffen wolle, erhält er von Reize zur Antwort:

Mich interessiert der Hamster eines Jungen oder welches Panini-Bild ihm fehlt. Schenke ich ihm mein Vertrauen, tut er es auch mir gegenüber – und singt im Konzert wunderschön.

Bei allem pädagogischen Eifer ist für Andreas Reize der klangliche Aspekt eines Knabenchors entscheidend. Kein anderer Chor habe ihn je so berührt, kein anderer sei so ideal für viele frühbarocke Werke: «Kinder haben die unglaubliche Fähigkeit, diese Musik auf ideale Weise zu transportieren.» Und er gesteht, dass viel dafür getan werde: «In Solothurn proben wir zweimal pro Woche, in Leipzig tun sie es jeden Tag. Dazu kommt die individuelle Stimmbildung. Das Level ist enorm hoch.»

Bekenntnis zum Dreiklang Glaube, Musik und Lehre

Einst hatten die Spitzen­knaben­chöre regen Zulauf, die Knaben dort erhielten eine perfekte Schulausbildung und konnten auf den Tourneen erst noch die Welt sehen. Aber sie waren auch weggeschlossen von der Welt. Schulen waren anderswo genauso gut, reisen konnte bald jeder. Das führte zu Kritik und Nachwuchsproblemen.

In Leipzig gibt es 120 Internatsplätze, besetzt sind 100. Reize sagt, dass man den Eltern den Leipziger Bildungscampus sehr wohl schmackhaft machen müsse.

Aber wer dem Thomanerchor beitritt, bekennt sich zum Dreiklang Glaube, Musik und Lehre. Das muss einer Familie wichtig sein.
Andreas Reize Dirigent des Thomanerchors

Andreas Reize Dirigent des Thomanerchors

Britta Gut

Während der Woche gibt der Unterricht die Struktur, am Wochenende tritt man auf: Freitag, Samstag, Sonntag. Jene, die in Leipzig wohnen, können nachmittags heimgehen, die anderen erhalten einmal im Monat ein freies Wochenende. Wer nach dem Besuch der Thomaner-Vorbereitungsklassen mit zehn Jahren dem Chor beitritt, muss begeistert von und diszipliniert bei der Sache sein. Reize beschönigt nichts: «Der Tagesplan ist durchgetaktet. Das ist bei Kaderathleten in Sportzentren nicht anders. Die Struktur ist wichtig, sie hält die Mitglieder aber nicht ab, normale, lärmige Jungs zu sein. Wenn es Silentium heisst, ist Ruhe.»

Ohne Disziplin geht es nicht. Aber geht es ohne Zucht? «Das ist nicht meine Art. Ich schreie höchstes dreimal im Jahr, danach tut es mir sofort leid. Das ist wie beim Papa zu Hause, der schreit, wenn er überfordert ist.» Er sei aber furchtbar konsequent: «Die Proben beginnen auf die Sekunde genau – und enden auf die Sekunde genau.»

Ein Blick in die Geschichte relativiert die Coronaklagen

Bald wird Reize in einer herr­schaft­lichen Dienstwohnung in Leipzig leben. Dabei will er der Schweiz und Solothurn verbunden bleiben, die Oper Schloss Waldegg und sein Ensemble Cantus Firmus weiter leiten. 2023 spielt man auf dem Schloss «Platée» von Jean-Philippe Rameau. Schon am 26. März 2021 wird er am Theater Biel/Solothurn «Zaïs» von Rameau, die Premiere, dirigieren, sofern es die Coronasituation zulässt.

Unvergessen bleibt, wie Barockspezialist Reize bei seinem Theaterdébut im Mai 2019 in Solothurn mit Purcells «Dido and Aeneas» die nichtspezialisierten Musiker und Musikerinnen auf seine Seite holte, welch dramatisches Farbenspiel er entfachte und das Publikum vom ersten bis zum letzten Moment fesselte.

Leipzig kann sich freuen. Dumm nur, ist Singen zurzeit out und die Schule geschlossen. Ein Blick in die Geschichte des Thomanerchors relativiert das Klagen. Der Chor wurde 1212 gegründet, Johann Sebastian Bach leitete ihn von 1723 bis 1750. Ab September 2021 steht ihm Andreas Reize vor. Und der ist überzeugt, dass die Thomaner noch in hundert Jahren ein Knabenchor sein werden. «Darin steckt eine unglaubliche Tradition, die man bewahren muss.» Und Fussball werden die Jungs 2121 auch immer noch spielen.