In der halben Welt gespielt, Wettbewerbe gewonnen, gar im Hallenstadion aufgetreten: Es wird jedem schwindlig, wenn er die Kurzbiografie der 16-jährigen Elea Nick überfliegt. Und doch weiss die Schweizer Geigerin sehr genau: So famos sie auch Geige spielt, so schön das Palmares ist: Sie ist noch nirgends.

Das war vor zwei Jahren so, als ich Elea bei einem Meisterkurs in Andermatt traf – «Sagen Sie ihr doch Du», ermahnte damals die Mutter Cornelia Nick. Und das war vor zwei Wochen so, als ich Elea im zürcherischen Oerlikon traf – nun siezend und alleine.

Jetzt ist die Karriere fortgeschritten, bereits stellen sich wichtige Weichen. Im Juni ist Elea vom namhaften Olympus Festival in St. Petersburg eingeladen und im Oktober tritt sie in Zürcher Tonhalle mit den Zürcher Symphonikern auf.

Doch bei allem Zauber rund um diese Auftritte gibt es auch viele Fragen. Zum Treffen in Oerlikon kommt Elea Nick ohne Geige, dafür mit dem Schulrucksack: Die AKAD will gemeistert sein. Für Elea ist die Erwachsenen-Matur via Fernstudium die einzige Form, Schule und Geigenspiel unter einen Hut zu bringen. Mehr oder weniger jedenfalls. Elea ist nicht der Typ, der etwas halbbatzig macht. Das ist keine Floskel. Sechs bis sieben Stunden Geigenspiel pro Tag sind der Richtwert in ihrem Leben. Seit Jahren. Und so stellt sie sich die Frage: «Soll ich alles auf die Geige setzen, die Matur verschieben?»

Entweder Solistin – oder nichts

Falls es mit dem Geigenspiel tatsächlich nicht klappt, bliebe noch Zeit für die Matura. Doch diesen Gedanken gibt es offiziell nicht. Elea ist nicht zufällig Schülerin der Pädagogen-Legende Zakhar Bron: «Wer mit 12 Jahren zu Bron kommt, will Solist werden. Ich arbeite seit 10 Jahren darauf hin. Es ist gar keine Frage, ob ‹Ja› oder ‹Nein›.» Gemünzt auf eine irgendein 16-jähriges Mädchen, das eine Lehre als Köchin beginnen würde, hiesse das: «Ich will in 10 Jahren meinen ersten Michelin-Stern.»

Nicht mal den Gedanken ans Orchesterspiel lässt Elea zu. Der Alles-oder-nichts-Gedanke ist verinnerlicht, da mögen noch so viele grossartige, junge Geiger, «Genies», auf den Markt drängen . . . und scheitern.

Mit einigen von ihnen sitzt sie nun gar im LGT Young Soloists-Orchester – und geniesst es, obwohl das alles ihre Konkurrenten auf dem Geigerweltmarkt sind. Doch Elea winkt ab: «Den Konkurrenzkampf führen die Eltern. Aber die sind beim LGT meist gar nicht mehr mit dabei.» Anders gesagt: Geigen-Diven mögen um den Thron kämpfen, wer aber 16 ist und «nur» hochbegabt ist, hat mit den anderen Hochbegabten viel gemeinsam. Das eint. Apropos Thron: Bron-Schüler und Weltstar Maxim Vengerov (*1974) hat sich einst über meine kritischen Interviewfragen beim Management beschwert, Elea Nick hingegen ging nach dem Interview aufgestellt nach Hause.

Wie Vengerov damals 1990 steht auch Elea vor entscheidenden Entwicklungsjahren: Es gilt, Dirigenten vorzuspielen, Orchester anzufragen, Werbung zu machen und Stiftungen anzugehen. Ihre Mutter ist damit viel beschäftigt, denn sie weiss: Je mehr Elea auftritt, je mehr kann sie sich entwickeln.

Ein harter Weg, denn selbst mit Wettbewerb-Trophäen aus Nowosibirsk, Busan oder Verona sind Konzertengagements nicht zugesichert. Und doch wäre es falsch, so Elea, Wettbewerbe zu missen: «Es gilt, viele Programme auf Top-Niveau zu erarbeiten – das ist ein ideales Training für mich. So mache ich Fortschritte. Bei Wettbewerben geht es vielleicht sogar mehr um die Vorbereitung als um den Sieg.» Wer erst bei diesen Worten den Vergleich mit Spitzensportlern zieht, ist ein Träumer.

Wirklich karriereentscheidend sind nur zwei, drei Top-Wettbewerbe – etwa der «Queen Elisabeth». Dort in Brüssel war sie sogar schon, wenn auch erst als staunenden Zuhörerin. Doch dieses Podium ist durchaus ein Ziel – und der Respekt davor enorm: «Wer nach Brüssel geht, muss extrem gut vorbereitet sein, muss sicher darüber sein, was er macht: Da geht man nicht einfach so mal so zum Spass hin.»

Ein Leben mit vier Vätern

Vielleicht ist es gut, dass Elea Nick in diesen Jahren gleich vier Väter hat. Da ist natürlich der echte, der Komponist und Musiktheorie-Dozent – und da sind drei andere, ihre drei Lehrer. Eine Dreifaltigkeit. Der 68-jährige Zakhar Bron steht zuoberst, zur Rechten dessen ehemaliger Schüler, der 34-jährige Alexander Gilman – und zur Linken zurzeit der 66-jährige Pierre Amoyal.

Bron ist für die letzten Inputs da, wenn Elea Nick ihre Werke konzertreif beherrscht. Gilman sorgt für die tägliche Arbeit. Bei Amoyal schliesslich gilt es, Ideen zu sammeln, die ausserhalb des Bron-Universums liegen.

Das ist für Elea wohl gar nicht so leicht, obwohl gerade in den letzten zwanzig Jahren viele Geiger und vor allem Geigerinnen international triumphierten, die aus einer anderen Schule als jener von Bron kamen: Sie zelebrierten nicht die Virtuosität, sondern spielten weicher und verinnerlichter – weniger brillant, weniger virtuos.

Muss davon überzeugt sein

«Es ist nicht meine Welt», sagt Elea ehrlich, und fügt dann entschuldigend, aber auch etwas stolz an: «für mich als Bron-Schülerin.» Sie sieht etwa das Violinkonzert von Felix Mendelssohn, das sie diese Woche in Baden mit der sinfonia.baden spielt, durchaus in romantischer, virtuoser Tradition, auch wenn diese Musik noch mit einem Bein im 18. Jahrhundert steht.

Muss man es besser als die anderen spielen, wenn man das berühmte Werk traditionell spielt? «Ich muss es so spielen, dass ich davon überzeugt bin, dann kann ich es rüber bringen. Es muss bei den Leuten ankommen.»

Nächstes Konzert Baden, 11. März, 20 Uhr, Stadtkirche Baden.Karten: Info Baden, Bahnhofplatz 1.

TV Sternstunde: Meisterschülerinnen, der Traum von der Solokarriere, Dokumentarfilm von Nico Gutmann, SRF1, Sonntag, 20. März, 11.55 und 23.20 Uhr.