Miles Davis

«So müsstest du immer sein: mies und ekelhaft»

Miles Davis: 40 Jahre nach seiner Entstehung wird sein epochales Werk «Bitched Brew» neu aufgelegt

Miles Davis

Vor 40 Jahren entstand «Bitches Brew», das epochale Werk von Miles Davis. «Bitches Brew» hat es in der Liste der 500 grössten Alben aller Zeiten im Rockmagazin «Rolling Stone» auf Platz 94 geschafft.

Komm doch raus! Ich bring dich um», schrie Miles Davis. «Verpiss dich doch mit deiner Scheisstrompete. Und deine Scheissmusiker sollen auch gleich abhauen», entgegnete Miles langjähriger Produzent Teo Macero. In dieser angespannten Atmosphäre entstand vor gut 40 Jahren «Bitches Brew»: ein epochales Werk, das Jazz und Rock gleichermassen beeinflusst hat. Das «Hurengebräu» lenkte die Richtung des Jazz entscheidend und drang weit in die Sphären der damals aufkommenden Rockmusik vor. «Bitches Brew» hat es in der Liste der 500 grössten Alben aller Zeiten im Rockmagazin «Rolling Stone» auf Platz 94 geschafft.

Geburtsstunde des Jazz-Rock

«Bitches Brew» gilt heute immer noch als die Geburtsstunde des so genannten Rock-Jazz oder Jazz-Rock. Tatsächlich hat Miles (1926-1991) zuvor noch nie so konsequent auf den binären Rock-Rhythmus und auf elektrische Instrumente gesetzt. Der Prozess verlief aber organisch und hat schon in den innovativen Vorgängeralben «Filles de Kilimanjaro» und «In a Silent Way» begonnen. Insofern ist «Bitches Brew» vor allem die Weiterführung oder das Fazit des eingeschlagenen Weges.

Das soll aber die Bedeutung des Werks nicht mindern. «Bitches Brew» ist unglaublich reich und komplex. Es geht dabei nicht nur um die Annäherung an den Rock und die elektrisch verstärkte Musik. So polyrhythmisch und vielschichtig klang der Jazz zuvor noch nie. Das hat vor allem mit der Besetzung der Band zu tun. Die Rhythmussektion war mit den heutigen Stardrummern Lenny White, Jack de Johnette und Billy Cobham und den Bassisten Dave Holland und Harvey Brooks immer doppelt besetzt. Dazu kamen die Perkussionisten Don Alias, Jim Riley, der Brasilianer Airto Moreira und in zwei Aufnahmen auch indische Perkussionisten. Das heisst, mindestens ein Bassist und ein Schlagzeuger waren für das rhythmische Grundgerüst verantwortlich. Die anderen Musiker waren frei und erzeugten polyrhythmische und klangliche Strukturen von einer bis dato ungeahnten Vielfalt.

Ekstatische Gruppenimprovisation

Die Elektro-Pianisten Herbie Hancock, Joe Zawinul, Chick Corea und Larry Young, Gitarrist John Mc Laughlin, die Saxer Wayne Shorter und Steve Grossman sowie Bassklarinettist Bennie Maupin waren nicht Solisten im eigentlichen Sinn, sondern mischten in einer ekstatischen Gruppenimprovisation das Hurengebräu, über dem der Meister seine Trompete erklingen liess.
Und Miles Davis spielte in Hochform. Kräftiger, mit längeren Melodielinien, kühneren Rhythmen und bis in die höchsten Register. «Er spielte nahezu übermenschlich», stellte der Trompeter und Miles-Biograf Jan Carr fest. Es sei durchaus möglich, mutmasst er in seinem Buch, dass Miles den Streit mit Macero absichtlich suchte, um sein Adrenalin in Schwung zu bringen. «Du Hurensohn», fuhr Macero den Meister nach der Session an, «so müsstest du immer sein - mies und ekelhaft.»

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