Im August 1969 betrat ein Exot das Musikstudio namens Tera-Shirma in Detroit. Das Studio an der Livernois Avenue 15305, ein grosser grauer Klotz, eine ehemalige Bank, war bekannt dafür, dass hier die erfolgreichsten Musiker der Stadt ihre Alben aufnahmen. Aber der Mann, der nun kam, war nicht erfolgreich. Niemand hatte jemals von ihm gehört.

Er hiess Sixto Diaz Rodriguez, geboren am 10. Juli 1942, Sohn mexikanischer Einwanderer, die in den Autofabriken arbeiteten. Im Studio nahm er ein Album auf, das den Titel «Cold Fact» trug. Darauf waren Songs zu hören, die er in den vergangenen drei Jahren geschrieben hatte. Es waren Geschichten über Dealer, Süchtige und Prostituierte, über zerplatzte Hoffnungen und kaputte Träume, über sein Leben im Armenviertel. Die einzige Lichtgestalt war der «Sugar Man», der Antworten auf alle Fragen hatte und Farbe ins Leben brachte: der lokale Drogenhändler.

Die Produzenten Michael Theodore und Dennis Coffey waren beeindruckt von Rodriguez’ Songs, sie hielten den Musiker für den neuen Bob Dylan. Aber als das Album im März 1970 herauskam, wollte es niemand kaufen. Ein halbes Jahr später reiste Rodriguez nach London und nahm während vier Wochen sein zweites Album auf, «Coming from Reality». Doch auch das verkaufte sich nicht. Die folgenden Jahre gab er hin und wieder ein Konzert. Dann verschwand er.

Selbstmord auf der Bühne

Der Sänger sei an einer Überdosis Heroin gestorben, sagten die einen. Er habe seine Frau ermordet und sitze im Gefängnis, die anderen. Einem Gerücht zufolge hatte er sich inmitten einer Menschenmenge mit Benzin übergossen und angezündet. Die häufigste Version: Rodriguez habe sich an einem Konzert in den Kopf geschossen.

Das Land, in dem diese Gerüchte erzählt wurden, war Südafrika. Wie Rodriguez’ Alben dorthin gelangten, ist bis heute unklar. Klar ist, dass Rodriguez davon nichts wusste.

Seine Musik war wie geschaffen für das Südafrika der 70er-Jahre. Die Menschen lebten unter der Apartheid und waren durch Zensur und internationale Sanktionen von der Popkultur der restlichen Welt isoliert. Rodriguez’ Songzeilen voller Wut gegen jegliche Art von Autorität machten seine Musik zum perfekten Soundtrack einer ganzen Generation. Für seine Fans war er ein verkanntes Genie, ein Prophet, der ihnen aus den Herzen sprach. Und es erschien ihnen logisch, dass ihr Idol tot war – zu hart und traurig waren seine Songs. Wer über so viel Leid sang, der konnte kein Glück haben im Leben.

Einer dieser Fans war Stephen Segerman, der 1972 den Militärdienst absolvierte. «Für die Männer, die in den 70er-Jahren an der Grenze kämpften, war Rodriguez das, was Jimi Hendrix für die Amerikaner in Vietnam war», sagte Segerman in einem Interview mit der englischen Zeitung «Telegraph». Die beiden erfolglosen Alben des Amerikaners wurden immer wieder auf Kassetten überspielt und zu einem festen Bestandteil der südafrikanischen Haushalte. Kinder wuchsen mit der Musik auf und auch deren Kinder verehrten Rodriguez als tragischen, aber genialen Poeten, der wie Jimi Hendrix, Jim Morrison und Janis Joplin viel zu früh gestorben war.

Segerman eröffnete in den 90er-Jahren einen eigenen Musikladen namens Madiba Records in Kapstadt. Über einen Freund hörte er, dass die Musikfirma Polygram CDs von «Cold Fact» und «Coming from Reality» pressen wollte, aber die dafür notwendigen Master Tapes nicht hatte. Segerman machte sich auf die Suche. Dabei fand er heraus, dass die Alben seines Idols nirgends auf der Welt erhältlich waren – ausser in Südafrika und Australien. Er überlegte, dass man sich wohl nur in Südafrika die Selbstmord-Theorien des Sängers erzählte. Er begann am Tod von Rodriguez zu zweifeln.

Die Suche nach Rodriguez beginnt

Da keine Master-Tapes auffindbar waren, lieh Segerman der Firma Polygram eine gut erhaltene Schallplatte, die von nun an als Grundlage für die Herstellung von CDs verwendet wurde. Wenn man genau hinhörte, konnte man auf der CD das leise Knarzen der Schallplatte hören. Ins Booklet der CD liess Segerman eine Notiz schreiben, er suche nach Rodriguez und wer Anhaltspunkte habe, solle sich melden.

Der investigative Journalist Craig Bartholomew aus Johannesburg machte sich auf die Suche. Es war der 17.September 1996. Während der folgenden neun Monate verschickte er 45 Telefaxe, machte 72 Telefonanrufe und sandte 140 E-Mails durch die Welt. Am Ende hatte er die Telefonnummer des Produzenten von «Cold Fact», Michael Theodore in Morrison, Michigan, USA. Er rief an. Theodore sagte: «Rodriguez lebt – aber er will mit niemandem reden.»

Etwa zur selben Zeit, im April 1997, schaltete der Musikladenbesitzer Segerman in Kapstadt eine Website online, die er «The Great Rodriguez Hunt» nannte – die grosse Suche nach Rodriguez. Auf die Website lud er alle Informationen, die er über den Sänger hatte: Zeitungsartikel, Gerüchte und die wenigen Fakten, die es gab.

Am Freitag, 12.September 1997, schrieb eine Frau namens Eva Alice Rodriguez Koller aus Junction City in Kansas ein E-Mail an Segerman in Südafrika: «Rodriguez ist mein Vater, im Ernst!» Zwei Tage später, am Sonntagabend, las Segerman in Kapstadt das E-Mail und rief auf die Nummer an, die Eva geschickt hatte. Eva erzählte, sie habe ihren Familiennamen ins Internet eingegeben und voller Erstaunen die Website über ihren Vater gefunden. Sie sagte, ihr Vater lebe wie ein Einsiedler und wolle wahrscheinlich nichts mit Segerman zu tun haben, aber sie versuche, ihn zu überreden.

Um Mitternacht hängte Segerman auf. Er wollte eben ins Bett gehen, als um 1 Uhr das Telefon klingelte. «Vor Aufregung liess ich fast den Hörer fallen, als ich Rodriguez’ Stimme hörte», erzählte er 1998 dem Musikmagazin «Music Africa». Sie redeten während 20 Minuten und Segerman erzählte von Rodriguez’ Rockstar-Status in Südafrika. Der Sänger war so überrascht, dass er sich überlegte, für eine Tour nach Südafrika zu reisen.

Ausverkaufte Südafrika-Tour

Sechs Monate später, am Montag, 2.März 1998, landete Rodriguez mit seiner Ehefrau Konnie und seinen Töchtern Eva und Regan in Kapstadt, um eine ausverkaufte zweiwöchige Tour durch Südafrika zu beginnen. Die Konzertserie lief unter dem Namen «Dead Men Don’t Tour» – «Tote Männer touren nicht».

Wenig ist bekannt darüber, was Rodriguez in den Jahren tat, während denen Hunderttausende seiner Alben in Südafrika kopiert und verkauft wurden. Er verdiente keinen Cent aus Tantiemen und arbeitete auf Baustellen, um seine Familie durchzubringen. Dabei lebte er mit seiner Frau und drei Töchtern zurückgezogen ohne Telefon im Künstlerviertel Cass Corridor in Detroit. «Für harte Arbeit muss man sich nie schämen», sagte er zur amerikanischen Zeitung «New York Times».

40 Jahre nachdem Rodriguez die ehemalige Bank an der Livernois Avenue 15305 betrat, um zwei Alben aufzunehmen, die in seiner Heimat niemand verstehen würde, setzt nun der Erfolg ein. Ein Dokumentarfilm wurde über ihn gedreht (siehe Box), ein Auftritt in der bekannten «David Letterman Show» ist geplant, und ab diesem Sommer tourt er zum ersten Mal durch Nordamerika und Europa. Zudem werden seine bekanntesten Songs neu aufgelegt.

Vor einigen Wochen feierte Rodriguez seinen 70. Geburtstag. Ein Journalist fragte ihn, ob der Erfolg nicht ein wenig zu spät komme. Rodriguez sagte: «Wir wollen immer viel zu schnell ans Ziel – dabei kommt der richtige Zeitpunkt automatisch irgendwann.»