Während andere in Rente gehen, starten sie richtig durch. Die Rede ist von berühmten Dirigenten – und vielleicht auch den grössten. Bernard Haitink feierte im März seinen 88. Geburtstag und wird am Lucerne Festival Mahler und Mozart dirigieren. Sein älterer Kollege Herbert Blomstedt gastiert dieser Tage in der Tonhalle. Mit im Gepäck: Beethovens Siebte und Achte sowie Blomstedts bald 90 Lebensjahre. Dagegen wirken beider berühmte Kollegen Mariss Jansons und John Eliot Gardiner mit 71 Jahren beinahe jugendlich.

Dass Dirigenten sehr oft sehr alt werden, ist in der Klassikwelt, nun ja, ein alter Hut. Aber einer, den man seit Jahrhunderten mit gehörigem Stolz trägt. Denn schon im 19. Jahrhundert geborene Orchesterleiter neigten neben der musikalischen auch zur biologischen Gabe, erst Altmeister und dann auch noch Uraltmeister zu werden. So lebte und wirkte Otto Klemperer (geboren 1885) ganze 88 Jahre. Zeitgenosse Bruno Walter (*1876) legte den Dirigierstab ebenfalls erst mit 86 Jahren nieder. Das unerhörte Lebensalter seiner Kollegen kommentierte Leopold Stokowski (selbst Dirigent und bei seinem Tod 95 Jahre alt) mit der Frage: «Warum Dirigenten und Generäle so alt werden? Vielleicht liegt es am Vergnügen, anderen seinen Willen aufzuzwingen.»

Antiautoritäre Altmeister

Tatsächlich. Der Auftritt einstiger Maestri erinnerte an jenen von Generälen, sodass unter Furtwängler, Toscanini und Celibidache manche Musikerhand auch zitterte, wenn in der Partitur nicht «Tremolo» stand. Die Altmeister von heute haben das autoritäre Auftreten ihrer Vorgänger längst hinter sich gelassen – ohne ihrer Lebenserwartung zu schaden. Was aber ist es, was sie von den Jungen unterscheidet? Was können sie besser?

«Nichts», meinte Dirigier-Jungstar Gustavo Dudamel als Zwanzigjähriger. «Ob man mit 20 oder 80 am Pult steht, macht keinen Unterschied.» Der quirlige Venezolaner gehört gemeinsam mit Daniel Harding (*1975) oder Andris Nelsons (*1978) zu den meistgehypten Jungdirigenten der Jahrtausendwende.

Heute, mit 36, räumt Dudamel ein: «Es gibt einen Unterschied im Wissen und in der Erfahrung.» Seine heutige Antwort spricht auch zwischen den Zeilen. Als Zwanzigjähriger mit dem Kopf durch die Wand, lernen Jungstars wie er mit zunehmendem Alter, den Kopf auch anders einzusetzen. Denn der Hype um die Jugend eines Dirigenten mag gut sein für dessen Ego – für die Musik ist er es nicht immer. Das einstige Dirigierwunderkind Daniel Harding meint dazu: «Ich wurde sehr früh sehr erfolgreich, und alle hatten dazu eine Meinung. Mit Mitte Dreissig bin ich nicht mehr interessant und kann mich endlich auf die Musik konzentrieren.»

Jahrzehntelange Konzentration

Die jahrzehntelange Konzentration auf das Wesentliche ist es wohl auch, was die Altmeister der Klassik von den Jungspunden unterscheidet. Denn der Hype um Jung- und Jüngestdirigenten ist ein Phänomen des neuen Jahrtausends. Zwar wurde einst auch Riccardo Chailly (64), kaum den kurzen Hosen entwachsen, Claudio Abbados Assistent an der Scala. Heute aber werden Neuentdeckungen gepusht, mit ständigen Auftritten omnipräsent gehalten oder von Superlative zu Superlative navigiert. So dirigierte Gustavo Dudamel im Januar 2017 als jüngster Orchesterleiter das legendäre Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Ein strahlender Höhepunkt, grundiert allerdings von dunklem Gemurmel: Der Venezolaner solle weniger oft, dafür besser vorbereitet ans Pult treten.

Ob da das immer schneller drehende Karussell der Klassik seine Hände mit im Spiel hat oder Labels, die ihre Shootingstars pushen wollen? Jedenfalls tönt Beethoven bei Dudamel ungleich bombastischer, die Akkorde wummernder, ja selbst der Spannungsbogen wird zum Flitzebogen. Es ist sozusagen Beethoven tiefer gelegt. Doch will man ihn immer so hören? Ungleich leichtfüssiger erscheint der kolossale Klassiker bei Herbert Blomstedt. Statt Sturm und Drang empfängt den Hörer ein elegant federnder Ludwig. Als hätte er einige Kniebeugen gemacht, bevor er sich in unter den bald neunzigjährigen Händen mit grösster Klarheit seinen Weg ins Publikum bahnt. Das Casting zu «The Fast and the Furious» würde Beethoven so zwar verpassen. Aber keine Bange. Denn Action gibt’s bei ihm auch so genug.

Blomstedt und Tonhalle-Orchester mit Beethoven. Mi, 17., Do, 18. und Fr, 19. Mai.