Die Streicher beginnen verhalten, dann setzt die Klarinette ein. «Verweile doch, du bist so schön», möchte man sagen, doch man lässt es bleiben, denn Wolfgang Amadeus Mozarts Klarinettenquintett ist noch lange nicht zu Ende. Der Musikjournalist Thomas Meyer spricht in seinen Programmnotizen von «überirdischer Musik».

Wird diese von Sharon Kam (Klarinette), Isabelle Van Keulen und Ulrike-Anima Mathé (Violine), Volker Jacobsen (Viola) und Gustav Rivinius (Violoncello) im Rahmen der Meisterkonzerte am Künstlerhaus Boswil gespielt, darf das «überirdisch» in «musikalische Sternstunde» übersetzt werden.

Diese speist sich aus «der ganzen Skala des menschlichen Empfindens» (Richard Strauss), die Sharon Kam nicht mit einem bestehenden Streichquartett, sondern mit befreundeten Musikerinnen und Musikern teilt. Es ist dieses Miteinander und dieses ebenso hoch konzentrierte wie gelassene aufeinander Hören, das gefangen nimmt; es sind diese sprechenden Blicke, die verraten: Hier wird mit Freunden auf höchstem Niveau kommuniziert.

Was soll man weiter hervorheben? Sicher den dunkel timbrierten, ebenso samtenen wie strahlkräftigen Klarinettenton von Sharon Kam, der im Zusammenklang mit den so viele klangfarbliche Abwechslungen bietenden Streichern geradezu süchtig macht.

Unbedingt zu erwähnen sind die solistischen Ausflüge, die stets aufs Innigste verwoben sind im kammermusikalischen Geflecht der Mitstreiter; die dynamischen Schattierungen; die sensible Phrasierung und die spielerischen Zwiegespräche zwischen Violine und Klarinette. Und dann gibt es immer wieder diese Momente des Nach-Innen-Hörens, die den Zuhörer erschrecken lassen: So überwältigend schön, so heiter, aber auch so schmerzlich bewegt kann Musik sein.

Emotionale Achterbahn

Nicht nur bei Mozart, auch bei Max Reger. Manchen jagt sein Klarinettenquintett Angst ein, weil die Musik dicht und komplex ist – mit permanenten harmonischen Veränderungen, die das Spielen und Zuhören schwierig machen. Nicht erstaunlich also, dass dieses Werk im Konzertsaal selten gespielt wird. In der Alten Kirche Boswil verlieren die Zuhörer aber jede Furcht, weil sie gleichsam mitgenommen werden auf einer oft an die Grenze zum Gehtnichtmehr getriebenen, hochemotionalen Achterbahnfahrt. Das ist nervenzerreissend.

Doch verblüfft gesteht man sich ein: Die Komposition ist zwar unbestreitbar schwierig, aber sie wird in jeder Phrase so minutiös und klangsinnlich aufgelichtet, dass man die Schwierigkeiten vergisst. Deshalb folgt man den Fünf willig bei der Auslotung selbst der vertracktesten Winkel der Musik.

Die beispielhafte Verlebendigung von Regers Musik wird mit Johannes Brahms Klarinettenquintett fortgesetzt. Dieser von leiser Wehmut durchzogene, musikalische Lebensrückblick ist bei Sharon Kam und ihren Freunden in besten Händen, da von feinsinnig-anrührender Kultiviertheit. In ihrer Mischung aus Emotionalität und Intimität ist diese Interpretation gleichsam ein Lächeln unter Tränen.