Schweizer Musikpreis 2021
Wer hätte das gedacht! Der Aargauer Avantgarde-Komponist und Klarinettist Jürg Frey erhält den Schweizer Musikpreis

Neben dem Grands Prix an Chansonnier Stephan Eicher wurden 14 weiter Musiker prämiert - so auch der Aargauer Jürg Frey.

Sibylle Ehrismann
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National ausgezeichneter Avantgarde-Komponist: Jürg Frey wird mit dem Schweizer Musikpreis geehrt.

National ausgezeichneter Avantgarde-Komponist: Jürg Frey wird mit dem Schweizer Musikpreis geehrt.

Bild: zvg

Selten werden Avantgarde-Künstler, die in ihrem musikalischen Laboratorium Neues suchen und ausprobieren, mit einem nationalen Preis ausgezeichnet. Der Schweizer Musikpreis macht das möglich, denn er richtet sein Augenmerk auf kreative, oft auch schräge Musikerinnen, die unermüdlich an ihren Visionen arbeiten.

Der Grands Prix geht zwar an den weltbekannten Chansonnier Stephan Eicher. Neben Eicher wurden jedoch 14 weitere Musiker aller Sparten ausgezeichnet, so auch Jürg Frey. In der Aargauer Musikszene kennt man Frey gut, als Klarinettist, Komponist und engagierten Veranstalter der Konzertreihe «Moments musicaux». Bei «Moments musicaux» stellte er dem Publikum eben die neue Musik vor, die ihn als Komponist interessierte. So entwickelte sich diese kleine, aber feine Konzertreihe in Aarau zu einem Treffpunkt grosser Avantgarde-Künstler, darunter Christian Wolff aus den USA, der aus dem Umfeld von John Cage kommt. Wolff hat für die Konzertreihe sogar den Liederzy­klus «Aarau Songs» geschrieben.

Anfang der 90er-Jahre hat Frey das «Ensemble Moments musicaux» gegründet, das nicht nur in Aarau auftrat. Das Ensemble gastierte auch an bedeutenden Festivals und trug so den Namen der Stadt Aarau in die Welt hinaus.

Ein Ende schafft Zeit fürs Komponieren

Mit dem Erfolg wuchs der organisatorische Aufwand − Jürg Frey machte das alles ehrenamtlich. «Ich hätte eine administrative Teilzeitkraft einstellen müssen», so Frey, «und auch auf eine etwas höhere Grundsubvention zählen können, um nicht derart viel Zeit für die Geldsuche zu verlieren, so jedenfalls konnte das nicht weiter gehen.» Doch Freys Antrag auf eine Subventionserhöhung wurde abgelehnt, 2013 gab er seine «Moments musicaux»-Reihe frustriert auf.

Etwas Gutes hatte dieser Abschied dennoch: Nun hatte Frey endlich Zeit, sich intensiv dem Komponieren zu widmen. Als Komponist war er bereits 1991 aufgefallen, wurde er damals doch mit einem Stück zum Thema «Stille Musik» Preisträger am Internationalen Komponistenseminar im Künstlerhaus Boswil.

«Unhörbare Zeit »spielt Jürg Frey demnächst in Montréal.

Heute wird seine Musik rund um die Welt gespielt: 2015 war er am britischen «Huddersfield Festival» Composer in Resi­dence, und dieses Frühjahr wurde sein Streichquartett Nr. 4 in Berlin uraufgeführt. Bald reist er nach Kanada, wo am 3. Juni in Montréal sein Stück «Unhörbare Zeit» gespielt wird.

Auf der Suche nach dem Wesentlichen des Klangs

Wie bringe ich Stille zum Klingen? Dieser grundsätzlichen Frage widmet sich der Komponist Frey seit jeher. Seine Musik hat etwas Statisches, der Klang ist da, aber es passiert kaum etwas. Umso stärker nimmt man kleinste Veränderungen in der Partitur wahr. Das gemächliche Tempo lässt uns Zeit zur inneren Klangvorstellung. Was kommt wohl als Nächstes? Und dann folgt ein Akkord, wie er so nicht zu erwarten war – das überrascht.

Mit dieser Suche nach dem Wesentlichen des Klangs ist Jürg Frey aber nicht allein. Er hat sich erneut mit Gleichgesinnten zur «Wandelweiser Komponisten Gruppe» vernetzt. Rund zwölf Komponistinnen und Komponisten tauschen sich hier aus, in ihren Projekten spielen Klang, Raum und Stille eine zentrale Rolle.

Die «Wandelweiser»-Gruppe ist weltweit vernetzt, dementsprechend finden deren Konzerte auch weltweit statt. «Für mich war es als Komponist sehr wichtig», so Frey «mit dieser Gruppe einen grösseren Resonanzraum zu gewinnen für das, was ich mache. Wir ‹Wandelweiser› sind zwar geografisch weit verstreut, uns verbindet aber eine ähnliche ästhetische Fragestellung, es ist ein geistiger Ort der Inspiration, der Diskussion und des professionellen Feedbacks.»

Geschätzt im Aargau, gespielt in Berlin

Als Komponist wurde Frey vom Aargauer Kuratorium stark gefördert, 1997 ermöglichte man ihm etwa einen dreimonatigen Atelieraufenthalt in Berlin. «Ich hatte schon vor diesem Aufenthalt Kontakte zur Berliner Musikszene, deshalb fühlte ich mich dort wie zuhause. Es war für mich ungemein inspirierend, einmal für drei Monate dort zu arbeiten,» sagt Frey.

So still Freys Musik auch ist, die hochkarätige Jury des Schweizer Musikpreises hat sie nicht nur gehört, sondern auch prämiert.