Das vermeintlich letzte Konzert der Scorpions sollte im Dezember 2012 in München über die Bühne gehen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die deutsche Hardrockband 100 Millionen Alben verkauft und mit Hits wie «Rock You Like a Hurricane», «Still Loving You» und «Wind of Change» die internationalen Charts erobert. Man hätte es sich durchaus leisten können, punkto Live-Auftritte in Frührente zu gehen.

Scorpions - Rock You Like A Hurricane Live @ Wacken Open Air 2012 - HD

Scorpions - Rock You Like A Hurricane Live @ Wacken Open Air 2012 - HD

«Eine abartige Vorstellung»

Doch dann, im Verlauf der Abschiedstournee, sagt Leadgitarrist Matthias Jabs: «Das Adrenalin auf der Bühne ist so stark, dass man sich fühlt wie ein Junkie, weil man das immer wieder erleben möchte.» Beim letzten Konzert fügt er an: «Gerade jetzt, wo's uns so viel Spass macht, ist es ehrlich gesagt eine abartige Vorstellung, das nicht mehr zu machen.»

Der langjährige Bandmanager Peter Amend sagt: «Wir waren jetzt ausverkauft ohne Ende. Also… wer will da aufhören? Das kann man nicht!» Nein, die Scorpions konnten nicht. Bis heute ist die Band um Gitarrist Rudolf Schenker und Sänger Klaus Meine auf Achse. Auf der Jubiläumstour zum 50-jährigen Bandbestehen schauen die Scorpions auch einige Male in der Schweiz vorbei, unter anderem Ende November im Hallenstadion in Zürich.

Zuvor kommt «Forever and a Day» in die Kinos, ein Dokumentarfilm, der grösstenteils die angebliche Abschiedstournee festhält. Regisseurin Katja von Garnier hat aus Konzertausschnitten, Backstageaufnahmen, Archivmaterial und Statements von Bandmitgliedern sowie zugeneigten Künstlern (unter anderen Kiss-Sänger Paul Stanley) ein anderthalbstündiges Potpourri der guten Laune gemixt. Das Ganze wirkt wie eine hundertminütige Promotion in eigener Sache; nur selten werden Schwierigkeiten (wie das zeitweilige Versagen von Klaus Meines Stimme) thematisiert.

Wind Of Change - Scorpions (live in Moscow) (With Lyrics)

Wind Of Change - Scorpions (live in Moscow) (With Lyrics)

Tot oder Kult müssen sie sein

Das Überraschendste an diesem Film ist der Name der Regisseurin: Katja von Garnier reüssierte bislang vor allem mit unterhaltsamen Frauenausbruchsfantasien. Da waren die Paarungswilligen in «Abgeschminkt!» (1993), die Gefängnisband in «Bandits» (1997) und – nach längerer Durststrecke – die pferdevernarrten Mädchen in «Ostwind» und «Ostwind 2» (2013/15). Mit gestandenen Hardrockern hätte man von Garnier nicht unbedingt in Verbindung gebracht.

Dass der Dokumentarfilm über die erfolgreichste deutsche Band nur in drei Schweizer Kinos anläuft, mag erstaunen. Tatsache ist aber: Dokumentarfilme über Rock- und Popmusiker haben hierzulande einen schweren Stand; um Erfolg zu haben, sollten die Porträtierten kultartig verehrt oder tot sein. Wer erfolgreich und lebendig ist, kann da nicht mithalten; zum Beispiel Metallica. 2004 spielten James Hetfield und Co. vor rund 35 000 Fans im Zürcher Letzigrund. Den gleichzeitig startenden Dokumentarfilm «Some Kind of Monster» über die grösste Krise der Band wollten nur 3200 Zuschauer sehen. Als hätten sich die Fans gefragt: Warum soll ich für eine Band, die ich live erleben kann, ein Kinoticket lösen?

«Scorpions – Forever and a Day» Ab heute Kino.