Es ging um mehr, als um goldene Gramophone. Kendrick Lamar trat an den Grammy Awards nicht nur für sich selbst an.

Es ging um Hip-Hop, dessen Platz in der Musikindustrie und irgendwie auch um den Status des schwarzen Amerikas.

Die 11 Grammy-Nominationen des «Bob Dylan dieser Ära» (Pharell Williams) waren symbolisch aufgeladen.

Lamar hätte als erst erster Rapper in der Geschichte der Grammys den Titel «Song des Jahres» gewinnen können, oder als gerade einmal dritter Hip-Hop-Künstler den Award für das beste Album des Jahres.

Hätte, hätte.

Am Ende bekam Lamar in der Nacht auf Dienstag in Los Angeles fünf Auszeichnungen – und zählte damit trotzdem zu den Verlierern des Abends.

Denn in den Hauptkategorien des Oscars der Musikindustrie (Album des Jahres, Song des Jahres) da gingen Lamar und alles, wofür er steht, leer aus.

Die «National Academy of Recording Arts and Sciences», ein Gremium aus Medien- und Musikindustrievertretern, welche die Grammys vergeben, hat Lamar und Rap wieder in die Nische verwiesen.

Hymnen für die schwarze USA

Dabei ist Kendrick Lamars «To pimp a Butterfly» das relevanteste Album des Jahres 2015.

Denn Lamar ist mehr als bloss der technisch beste Rapper der Gegenwart. Mit seinem Werk hat sich Lamar zum Wortführer einer sozialen Bewegung gemacht. Sein Song «Alright» wurde zur Hymne der afroamerikanischen «Black-Live-Matters»-Bewegung, die gegen die Tötung schwarzer Jugendlicher durch die Polizei protestiert. Die «New York Times» sieht ihn damit in einer Linie mit US-Soul-Sängern wie Marvin Gaye oder Curtis Mayfield, die mit ihren Songs den Soundtrack zur Bürgerrechtsbewegung der 60er- und 70er-Jahre lieferten.

Mit den wuchtigen Bildern seiner Video Clips prägt Lamar das visuelle Bewusstsein der afroamerikanischen Jugend.

So liess er sich im Video zum Song «Alright» in einem Auto sitzend von vier Polizisten durch die Gegend tragen. Mit dieser Bildsprache bereitete er den Weg für andere schwarze Künstler, wie die Sängerin Beyoncé.

Musiker wie der Jazz-Virtuose Kamasi Washington und der Produzent Thundercat verwandelten das Album in ein musikalisches Meisterwerk, das von den Strassen der amerikanischen Gettos bis zu den Feuilletons der «New York Times» alle in Ekstase versetzte.

Trotz musikalischer Kompromisslosigkeit und lyrischer Radikalität stieg Lamar schon in der ersten Woche auf Platz 1 der Billboard Charts ein. Selbst Präsident Barack Obama outete sich als Fan.

Rap schien angekommen in der Mitte der Gesellschaft. Da fehlten eigentlich nur noch die Grammys.

Keine Grammys für Legenden

Die Grammys und Rap haben eine schwierige Geschichte. Sie begann schon konfliktreich. Als 1989 zum ersten Mal Auszeichnungen in diesem Genre vergeben wurden, entschied die Academy, die Rapper ins Vorprogramm ausserhalb der TV-Show zu verbannen. Die Reaktion der Szene war unmissverständlich. Sie boykottierte die Veranstaltung.

Seither hat sich die stiefmütterliche Behandlung nur ansatzweise geändert. Viele Legenden der Musik haben nie eine Auszeichnung erhalten.

Unter ihnen Grössen wie 2Pac, Notorious B.I.G. und Public Enemy. Selbst in den Sparten-Auszeichnungen setzten die grösstenteils weissen Jury-Mitglieder gerne auf weisse Rapper, was immer wieder zu abenteuerlichen Entscheidungen führte.

So gewann letztes Jahr der (weisse) amerikanische Newcomer Macklemore in drei von vier Kategorien gegen die (schwarzen) Szene-Schwergewichte Kanye West und Kendrick Lamar. Ein gewisses Muster scheint schwer von der Hand zu weisen.

Das änderte sich auch dieses Jahr nicht. Das Gremium bevorzugte in der Kategorie «Bestes Album» ein blondes Popsternchen.

Taylor Swift hat sich künstlerisch ebenfalls einer grösseren Sache verschrieben. Dem Kampf gegen die böse Streaming-Industrie um Apple und Spotify.

Damit konnten sich die Industrievertreter in der Grammy-Jury besser identifizieren als mit Lamar, dessen Musik vom Leben und Tod auf den Strassen Amerikas handelt.