Der ungarische Pianist András Schiff ist ein Phänomen. Wahrscheinlich wussten in den letzten 20 Jahren wenige Spezialisten der historisch informierten Aufführungspraxis so viel über das Musizieren auf historischen Instrumenten wie dieser Querdenker. Trotzdem hat er sich (fast) immer gesträubt, auf Hammerflügeln die Sonaten Mozarts oder gar auf dem Cembalo die Partiten Bachs zu spielen. Seine Devise: Wenn man gut ist, kann man diese Musik auch auf dem modernen Konzertflügel spielen. Und Schiff ist gut.

Dogmatischer Historismus war ihm ein Graus, das «richtige» Spiel aber immer sein Ziel. Gerade deswegen spottete er früher über das historisierende Spiel auf nachgebauten Instrumenten und wollte es partout nicht selbst vor grossem Publikum wagen. Doch in einem bemerkenswerten kleinen Aufsatz im Booklet zu seiner neusten CD gibt er zu, dass er sich gewaltig geirrt habe, und zeigt damit seine Grösse.

Mozarts Flügel öffnete die Ohren

Schiff bekennt, dass seine Kenntnisse darauf beruhten, in den 1970er-Jahren auf einem schlechten Beethoven-Flügel gespielt zu haben. Doch das Spiel auf Mozarts Hammerflügel im Salzburger Mozart-Haus Mitte der 1980er-Jahre öffnete ihm die Ohren und liess die Finger zappeln. Er lernte danach viele Dutzende historische Instrumente kennen, ohne deren Kenntnis er die Werke von Bach und Mozart nie so gespielt hätte, wie er es in den letzten Jahren tat. Und er wartete. Nun endlich hat er den Schritt gewagt: Schiff spielt auf einem 1820 gebauten Hammerflügel Werke von Franz Schubert ein – die Moments Musicaux, die Sonate D 894 und 960, die Impromptus D 935 und kleinere Werke.

Entstanden ist ein kleines Wunder, eine Aufnahme des Glücks. Die grosse Kunst des Pianisten Schiff glänzt in den kleinsten Tönen dieser Schubertschen Zauberwelt. Grummelnde Basslinien sprechen, dunkle Akkorde sind voller Farben, hohe Töne leuchten nie grell auf, sondern erscheinen im schönen sanften Licht. Das Erstaunlichste sind vielleicht die Fortissimo-Ausbrüche: Hier geht es nicht um Lautstärke, sondern um Klangfülle. Harte Klaviermusik wird in Schiffs Spiel zu seelenvollem menschlichem Gesang, dem schönsten, was die Kunstwelt in all den Jahrhunderten hervorgebracht hat.

Typisch Schiff. Am Ende des erwähnten Booklet-Aufsatzes vermutet dieser Zweifler und Denker, ohne zu kokettieren, dass sein Spiel nicht allen gefallen werde, hofft aber, dass einige konvertieren werden.

Geschätzte Alte-Musik-Zweifler: Lassen Sie sich nicht abschrecken von Theorien und Dogmen. Es wäre zu schade, würden Sie, Bewunderer der modernen donnernden Flügel, diesem Pianisten nicht auf dem Weg zurück ins frühe 19. Jahrhundert zu folgen, wo er einen neuen Glauben gefunden hat.

Franz Schubert, András Schiff, ECM 2015