Ella Yelich-O’Connor alias Lorde ist vor vier Jahren mit dem Debütalbum «Pure Heroine» und ihren Hits «Royals» und «Tennis Court» zum gefeierten Star geworden und hat bewiesen, das sich Mainstreampop und intelligente Songs nicht ausschliessen. Mit ihrer zweiten Platte «Melodrama» lässt die erst 20-jährige Neuseeländerin die Hörer offen, ehrlich und musikalisch variantenreich an ihrem eigenen Leben teilhaben. Im Interview beweist sie, dass sie der wohl schlaueste und reflektierteste aller jungen Popstars ist.

Lorde, Sie singen auf Ihrer Single «Green Light» leidenschaftlich darüber, endlich loslaufen zu können. Wohin genau wollen Sie rennen, sobald die Ampel auf Grün schaltet?

Lorde: Den Song habe ich als Motivationshilfe an mich selbst geschrieben, endlich abzuschliessen mit einer Sache und weiterzumachen mit meinem Leben. Das grüne Licht, das ich wollte, war die Freiheit, nicht länger festgezurrt in einer Situation zu stecken, in der ich nicht stecken und mir das Hirn über jemand anderen zermartern wollte.

Können Sie konkreter werden?

Es geht um die herrliche Freiheit nach einer langen Beziehung, genauer gesagt: nach meiner ersten langen Beziehung überhaupt. Ich geniesse es, wieder solo zu sein. Ganz ohne Wirrwarr der eigenen Gefühle.

Leben Sie in New York oder noch in Neuseeland?

Mein erster Wohnsitz ist immer noch Auckland. Ich brauche das Leben dort, die Kleinstadt, die Übersichtlichkeit, meine Familie, meine Freunde. Zuhause ist es egal, ob ich gerade bei den Grammys aufgetreten bin. Meine Freunde dort kennen mich schon fast so lange, wie ich lebe. Sobald ich aus Auckland weg bin, vermisse ich die Leute da sofort tierisch. Zugleich musste ich auch raus in die Welt, um neue Eindrücke zu sammeln. Ich dachte, als ich mit dem Schreiben von «Melodrama» anfing, dass ich ja schon alles erzählt hatte, was mein kleiner Kosmos hergibt. In New York konnte ich massenhaft Erfahrungen anhäufen und zugleich ein bisschen Abstand gewinnen. Ich brauche also definitiv beides, die Grossstadt und die Beschaulichkeit.

Sie haben «Melodrama» nicht nur geschrieben, sondern auch mitproduziert. Warum war Ihnen das wichtig?

Schon bei «Pure Heroine» habe ich gemerkt, dass ich eine starke Meinung in Fragen der Produktion habe. Das ist vor allem eine Sache des Selbstvertrauens. Je älter ich werde, desto sicherer werde ich bei meiner Arbeit und desto mehr traue ich mir zu. Musikproduktion ist ein extrem männlich dominiertes Feld. Es ist viel schwerer, dort mitzumischen als beim Songwriting. Wenn du als Frau im Studio den Mund aufmachst und sagst «Das Schlagzeug will ich aber anders haben», dann blickst du in offene Münder. Aber da musst du durch. Das Album klingt halt nur dann genau so, wie es klingen soll, wenn ich es selber mache.

Manche bezeichnen Sie als «Die Stimme einer Generation». Was beschäftigt Ihre Generation momentan am stärksten?

Auf dem ersten Album habe ich immer über «wir» gesungen, über ein Uns, bestehend aus meinen Freunden und mir. «Melodrama» dreht sich viel mehr um das Ich, um meine ganz eigenen Erfahrungen. Gut möglich, dass ich damit ein untypischer Fall bin. Denn die Leute sind ja politisch und sozial viel interessierter und engagierter als noch vor zwei, drei Jahren. Sie wollen verstehen, was da vor sich geht. Stell dir vor: Einige meiner Freunde lesen sogar wieder Zeitung.

Sie auch?

Ich habe gar nicht erst mit dem Zeitunglesen aufgehört (lacht). Informiert zu sein, finde ich total wichtig.

In den Songs «Green Light» und «Liability» geht es um Einsamkeit. Mögen Sie es, allein zu sein?

Ja. Ich bin ein kommunikativer Mensch, aber ich mache trotzdem vieles, was mich beschäftigt, mit mir allein aus. In «Liability» geht es insbesondere darum, mich selbst zu mögen. Wenn alle um dich herum immer so «Hey, ich will deine Freundin sein» oder «Hey, lass uns zusammen abhängen, weil ich dich so cool finde» drauf sind, du selbst aber gar nicht genau weisst, ob du selbst gern mit dir befreundet sein möchtest — dieses Gefühl habe ich versucht, dort zu beschreiben. Das klingt jetzt deprimierend, ist es aber gar nicht.

Fällt es Ihnen inzwischen leichter, sich selbst zu mögen?

Ich denke schon. Das war eine der Sachen, in denen ich besser geworden bin. Wenn du 17 bist, neigst du dazu, dich selbst fertigzumachen, von dir selbst zu denken «Ach, Ella, was willst Du denn, so toll bist du doch gar nicht». Je älter ich werde, desto mehr realisiere ich, wer ich bin. Ich habe mich gütlich in der Erkenntnis eingerichtet, dass ich ziemlich singulär bin.

Einzigartig ist auch Ihr Gesangsstil. Eine so tiefe Stimme wie die ihre ist selten in der kommerziellen Popmusik. Warum eigentlich?

Pop liebt und fetischisiert Jugendlichkeit. Die meisten Leute mögen es halt, wenn ein Mädchen superjung und unschuldig und hoch singt.

Nervt das?

Vielleicht kann ich ja dazu beitragen, dass Pop offener wird und nicht immer so mädchenhaft klingt. Ich hatte immer schon eine tiefe Stimme, und ich mag meine Stimme ganz gern. Ich singe auch jetzt nicht betont tief, um herauszustechen oder um besonders wenig jung zu wirken. Ich singe da eher nach Gefühl.

Sie haben eine tiefe Stimme und eine alte Seele. War der 7. November 2016, also der Tag, an dem Sie 20 wurden, der glücklichste Ihres Lebens?

Na, der glücklichste war es nicht, ich dachte nur «endlich!». So vom Kopf her war es wirklich höchste Zeit, kein Teenager mehr zu sein, diese Phase hinter mir zu lassen.

Benehmen Sie sich trotzdem hin und wieder wie ein Teenager?

Ja klar, ich stehe auf den ganzen Scheiss. Ich gehe gerne einen trinken, gammle zu Hause rum, penne ewig lange, gucke Netflix leer und brate mich am Strand. Ein bisschen bin ich immer noch Teenager. Meine Freunde behaupten allerdings trotzdem, ich sei eine 200 Jahre alte Hexe, und ich glaube, damit haben sie auch recht.

Lorde Melodrama. Universal. Ab 16. Juni.