«What Happened Tomorrow» heisst das Doppelalbum, das diese Woche erscheint. Darauf lässt der Sänger und Songwriter fünfzig Jahre Revue passieren. Es sind Stationen einer für Schweizer Verhältnisse eindrücklichen Karriere, wobei dieser leistungsgetriebene Begriff eigentlich überhaupt nicht zum Wesen des Basler Musikers passt. Für einen Karrieristen war Roli Frei immer zu fein- und auch zu eigensinnig.

In den 70er-Jahren lebte er den Traum vieler Musiker dieser Zeit: in einer Kommune auf dem Land, in seinem Fall mit der progressiven Rockband Circus, zu der auch der Schlagzeuger Fritz Hauser gehörte. Dass Circus mit ihren kunstvollen, komplexen Songs einen der raren Plattenverträge dieser Zeit erhielten, war nicht nur ihrer hohen Qualität, sondern ebenfalls der Tatsache geschuldet, dass das Berner Label Zytglogge Polo Hofers Rumpelstilz verpasst hatte – und einen solchen Fehler nicht wiederholen wollte.

Seine Droge? Die Musik

Auch wenn Roli Frei zur Hippie-Generation gehört: Seine einzige Droge war stets die Musik selber, sei es als Sänger und Saxofonist bei Circus, der international aufspielenden Lazy Poker Blues Band oder bei seinem Herzensprojekt der vergangenen 25 Jahre, Soulful Desert.

Wo soll man da also anfangen? In der Mitte: Denn «Berlin» hallt nicht nur in einem Circus-Song nach, sondern auch in Eindrücken aus dem Jahr 1984. Frei war bei der Basler Lazy Poker Blues Band eingestiegen, eine aufstrebende Formation. Mit treibenden Gitarren, markanten Bläsersätzen und Freis kraftvoller Stimme begeisterten Lazy Poker das Konzertpublikum. Und sie hatten einen Major-Plattendeal in Deutschland in der Tasche. So kam es, dass ihre Plattenfirma sie mit Joe Cocker auf Tour schickte.

Für Roli Frei versprach dies die Begegnung mit einem Kindheitsidol. Denn nebst der Soulmusik von afroamerikanischen Künstlern wie Marvin Gaye oder Aretha Franklin hatte ihm auch Joe Cocker ein Erweckungserlebnis beschert, wie er sich erinnert: «Ich war 14 Jahre jung, arbeitete im Keller einer Drogerie, wo ich Kartoffelschnaps abfüllte und für meine erste Gitarre sparte. Da lief plötzlich seine Version des Beatles-Songs ‹With a Little Help From My Friends› im Radio. Das schüttelte mich völlig durch.»

15 Jahre später lernte er die Woodstock-Legende also persönlich kennen, als Special Guest auf Deutschland-Tour. Besonders unvergesslich: Der Auftritt im Berliner Olympiastadion, vor 45 000 Menschen. Für Aussenstehende schien es die Schweizer Band geschafft zu haben. Bloss was? Damit er im Olympiastadion ein Funkmikrofon benutzen konnte, musste Roli Frei vor Ort 50 D-Mark zahlen. Er sang mit einer Wut im Bauch.

Eine Tournee durch die DDR

Wer ihm zuhört, stellt fest: Er gehört nicht zu jener Sorte Leute, die alte Zeiten verklären. Er schwärmt, aber er beschwichtigt auch. Lazy Poker landeten 1984 zwar in der Hitparade, gaben 120 Konzerte. Die Mieten aber konnten sie nur zahlen, weil ihre Frauen arbeiten gingen. Solche Anekdoten gibt es viele. So wurde die Band im selben Jahr von der staatlichen Musikagentur der DDR engagiert: zehn Konzerte hinter der Mauer. Ein Grossteil der Gagen ward nie mehr gesehen. Was Roli Frei blieb, war nebst einem Stempel im Pass («Auf Einladung von Volk und Regierung») auch ein Eintrag im Fichenregister.

Während seine Konzerttätigkeit auch danach pausenlos schien, so fällt auf, dass die Abstände zwischen den Veröffentlichungen grösser wurden. Weil er mehr Zeit braucht, seine Ideen in Songs zu verwandeln, aber auch, weil ihn andere Aspekte des Lebens beschäftigt, abgelenkt, ja mitunter blockiert haben. So musste er lernen, mit gesundheitlichen Krämpfen umzugehen, Grenzen zu akzeptieren. Was schliesslich zu einem Befreiungsschlag führte: Er gab Sicherheiten auf, den Job als Musiklehrer etwa, um mit 50 wieder ein kompromissloseres Leben zu führen. So macht er Privatauftritte seit vielen Jahren nur noch unter der Bedingung, dass er seine eigenen Songs spielen kann.

Nichts zu verlieren

Und heute? Ist er 66. Ein Alter, in dem gemäss Udo Jürgens das Leben erst anfängt. «Ich singe, um zu leben», betont Frei. Zugleich kämpft er sich noch immer durch, als freier Musiker am Rand des Existenzminimums, «eine Gemeinsamkeit, die ich mit vielen jungen Musikern teile», sagt er. «Allerdings erstaunt es mich, wie oft ich 25-Jährige über schwierige Zeiten reden höre.» Und auch wenn ihn manchmal Alltagsaufgaben zu erschlagen drohen, ihm Kräfte fehlen: Seine Stimme verliert er nicht, sie hat in 50 Jahren in keiner Form nachgelassen. Was den Ausdruck angeht, so ist sein Gesang sogar noch nuancierter und vielseitiger geworden.

Was Roli Frei mit seinem jungen Ich gemein hat: die Basis des Triumvirats «Gefühle, Gitarre und Gesang». Das offenbart die Trouvaille, mit der das Doppelalbum eröffnet wird. Eine vermeintlich verschollene Aufnahme aus dem Jahr 1971.

Der Gymschüler nahm bei «Die Erste Chance» teil, einem Vorläufer heutiger Talentshows. Radio DRS hatte noch das landesweite Monopol und entsprechende Aufmerksamkeit. «Ich kam in den Final der letzten 16 und reiste als Folkmusiker mit der Gitarre nach Zürich, um meinen ersten fertig geschriebenen Song vorzutragen.» Dieser gefiel Juroren wie Hans Moeckel, wurde aufgenommen, abgespielt, ausgezeichnet. Und auch wenn der Medienrummel ausblieb, markierte es den Startschuss einer Reise. Mit einem Titel, der ein Stück weit programmatisch ist für einen, der loszog, um «sein Ding zu machen»: «Nothing To Lose».

 

Roli Frei «What Happened Tomorrow» (Doppelalbum), Radicalis Music.