Die Erfolgsgeschichte von «Jesus Christ Superstar» beginnt mit einem Misserfolg. Als der damals gerade mal 21-jährige Musical-Komponist Andrew Lloyd Webber und der 25-jährige Texter Tim Rice ihr neues Stück Ende der 60er-Jahre in England auf die Bühne bringen wollten, erhielten sie zuerst nur Absagen. Also beschlossen sie, ein Studioalbum aufzunehmen – eine Entscheidung, die sich als Geniestreich herausstellen sollte. Das Album landete innert kürzester Zeit auf Platz eins der US-Charts und ebnete dem Musical den Weg auf die Bühne und zum Welterfolg.

Auch der unverkennbare Sound des Musicals wurde durch die Studioaufnahme entscheidend geprägt. «Hätten wir das Stück gleich zu Beginn auf die Bühne gebracht», erinnert sich Rice, «hätte es wohl wie ein klassisches Broadway-Stück geklungen». Stattdessen holten Lloyd Webber und Rice den Sänger Ian Gillian, der eben erst zu Deep Purple gestossen war, und Musiker aus Joe Cocker’s Grease Band, die den Sänger beim Woodstock-Festival begleitet hatte, ins Studio. Die Rockmusik der Zeit war in der Musical-Welt angekommen.

BBC boykottierte das Album

Die Bedingungen für eine Rock-Oper, wie Lloyd Webber und Rice ihr Werk zu nennen pflegen, waren günstig: Ende der 60er-Jahre erzielten Alben zum ersten Mal mehr Umsatz als Singles. Es war die Zeit von Konzeptalben wie «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band» der Beatles oder «Tommy» von The Who. Was ein solches Konzeptalbum braucht, ist eine grosse Geschichte. Für sein Libretto bediente sich Rice bei der grössten Geschichte, die jemals geschrieben worden sei, wie er sagt: der Passion Christi.

Ein Musical über Jesus? Einigen religiösen Zeitgenossen ging das entschieden zu weit. Sogar die BBC boykottierte das Album zunächst, weil sie es für gotteslästerlich hielt. Auch die Tatsache, dass «Jesus Christ Superstar» die letzten sieben Tage im Leben von Jesus aus der Perspektive von Judas Ischariot erzählt, dem Jünger, der Jesus an die Römer verrät, trug zur Kontroverse bei.

Sie hätten mit ihrem Stück niemanden provozieren wollen, sagt Rice. «Wir standen am Anfang unserer Karriere und wollten bloss ein gutes und unterhaltsames Stück schreiben.» Er habe die Geschichte aus der Perspektive eines Zeitzeugen erzählen wollen und Judas habe sich dafür sofort angeboten: «Für mich als Autor war Judas eine wunderbare Figur, weil in den Evangelien sehr wenig über ihn gesagt wird. So konnte ich verhindern, von der Vorlage eingeschränkt zu werden.»

Rices Texte bringen durchaus Verständnis für die zum Inbegriff des Verräters gewordene Figur auf. «Judas bezweifelte, dass Jesus wirklich Gott ist», führt Rice aus, «und war besorgt ob all der Anhänger, die sich erhofften, von Jesus erlöst zu werden.» Bezüglich der Frage, wer Jesus war, beziehe das Stück aber keine Stellung, betont Rice.

720 Broadway-Aufführungen

Um theologische Deutungen geht es bei «Jesus Christ Superstar» nicht. Weder bezeichnet sich Rice selber als religiös, noch interessiere er sich besonders für Religion. «Eine gute Geschichte, zu der sich sehr viele Menschen in Beziehung setzen können – das war alles, was ich wollte.» Der enorme Erfolg des Musicals – die Originalinszenierung am Broadway schaffte es auf stolze 720 Aufführungen – hält bis heute an. Noch immer wird «Jesus Christ Superstar» regelmässig in Theatern rund um den Globus aufgeführt. Dazu werden durchschnittlich 300 Amateur-Produktionen pro Jahr lizenziert.

Wer sich «Jesus Christ Superstar» wieder einmal oder zum ersten Mal ansehen will, ist in der Schweiz derzeit gut bedient: Neben der am Theater Basel bereits angelaufenen Inszenierung startet Ende März in Zürich eine weitere. Daran beteiligt sind gestandene Musical-Macher wie der Regisseurs Bob Tomson und der Produzenten Bill Kenwright; dazu zahlreiche Sängerinnen und Sänger aus dem Londoner West End, dem Herzen der britischen Musical-Welt.

Die Produktion hat auch den Segen von Rice, der sie vergangenen Sommer im englischen Cornwall gesehen hat. An den Figuren, der Geschichte und sogar dem Look sei im Vergleich zu früheren Inszenierungen wenig bis nichts verändert worden. «Sie schafft es auf jeden Fall, die Leute mitzureissen», bringt Rice sein Urteil auf den Punkt. Der viermalige Tony-Award- und dreimalige Oscar-Gewinner, der 1994 von der britischen Königin zum Ritter geschlagen wurde, muss es wissen: Laut eigenen Aussagen sieht er «Jesus Christ Superstar» jedes Jahr ein- bis zweimal. Insgesamt bringe er es so bestimmt schon auf über 100 Aufführungen.

Jesus Christ Superstar Vom 29. März bis zum 3. April am Theater 11 in Zürich (Informationen und Tickets unter www.musical.ch) und regelmässige Vorstellungen bis Mitte Juni am Theater Basel.