Lucerne Festival

Riccardo Chailly: Erst an Abbados Sarg, nun auf seinem Dirigentenpult

Ab 2016 an der Spitze des Lucerne Festivals: Dirigent Riccardo Chailly.

Ab 2016 an der Spitze des Lucerne Festivals: Dirigent Riccardo Chailly.

Mit dem 63-jährigen Italiener Riccardo Chailly hat Lucerne Festival einen idealen Ersatz für Claudio Abbado gefunden.

Vergessen die schwelende trübe Stimmung, vorbei die Zeit der ausweichenden Antworten. Lucerne Festival schreitet wieder mit geschwellter Brust in die Zukunft, hat nach einigen Umwegen den Nachfolger von Claudio Abbado gewählt: Der Italiener Riccardo Chailly wird ab 2016 das Festspielorchester dirigieren.

Die Position dieses Chefdirigenten ist für das Festival enorm wichtig. Mit Claudio Abbado hatte man eine Ausnahmegestalt, die Luzern eine weltweite Exklusivität verlieh. Einzig in Luzern bzw. auf Tournee mit dem LFO dirigierte Abbado grosssinfonische Werke. Das nur im Sommer sich bildende Orchester ist der Festival-Botschafter, Riccardo Chailly, sein neuer Chefdirigent, wird nun weltweit ein Lucerne-Leuchtturm.

«Musik, eine Reise fürs Leben»: Ein Porträt über den Dirigenten Riccardo Chailly (2014)

«Musik, eine Reise fürs Leben»: Ein Porträt über den Dirigenten Riccardo Chailly (2014)

Eine Produktion von Accentus Music in Koproduktion mit dem MDR in Kooperation mit ARTE, gefördert von der Mitteldeutschen Medienförderung.

Der Italiener ist ein impulsiver und leidenschaftlicher Dirigent - ein Alleskönner, der die besten Orchester der Welt geleitet hat und leitet, der seit vielen Jahren Luzerner Festival-Stammgast ist, aber fern des trällernden Klassik-Zirkus lebt. Will heissen: Man kann auch Stardirigent sein, ohne das Wiener Neujahrskonzert dirigiert zu haben. Zurzeit ist der 63-Jährige Chefdirigent der Mailänder Scala und Chefdirigent des ältesten deutschen Orchesters, des - auch dank ihm wieder famosen - Gewandhausorchester Leipzig.

Vor einem Jahr sass ich in seinem Büro in Leipzig, redete mit ihm unter anderem über den verstorbenen Claudio Abbado und stellte dann die Frage: „Maestro, Abbados Luzerner Idee des Orchesters der Freunde, würde Sie das reizen?“ Er nickte und sagte: „Ich hoffe, dass man das auch hier in Leipzig mit meinem Gewandhausorchester spürt. Ich habe hier wunderbare Menschen kennen gelernt, da herrscht nicht nur auf der Bühne gegenseitig viel Sympathie. Das ist für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ungemein wichtig. Allerdings braucht es auch Disziplin, und die beruhte einst wohl auf einer Dirigentendiktatur. Die Disziplin ist aber eine Folge der Liebe, die wir zueinander haben.“

Die Worte hätten auch von Abbado sein können – ein Dirigent, der Chailly sehr nahe stand, denn er spielte in meinem Leben nicht nur als Interpret, sondern auch als Mensch eine grosse Rolle. „Seine Einfachheit war einnehmend, man war immer willkommen, die Tür seines Dirigentenzimmers war immer offen.“ Als Daniel Barenboim in der leeren Scala zwei Wochen nach dessen Tod den Trauermarsch für Abbado dirigierte, stand Chailly mit Tausenden von Menschen, von denen viele weinten, draussen auf der Piazza Scala. In den späten 1960ern hatte Chailly den älteren Kollegen hier kennen gelernt, in den frühen 1970ern war er sein Assistent. „Ich war im Publikum, als er 2012 nach vielen Jahren zurückkehrte und in Mailand Mahler dirigierte. Und ich habe mit meiner Frau Gabriella die Kirche in Bologna besucht, wo er aufgebahrt war.“

In den 1970ern war Chailly glücklich, so viele von Claudio Abbados Proben wie nur möglich mitzuerleben. Chailly war fasziniert von der Schlagtechnik von Abbados rechter Hand.  Und vor allem lernte Chailly von ihm, dem Orchester immer mehr Freiheit zu geben – und sich selbst auch. „Das ist eine Kunst, es beruht auf einem festen Glauben ans Orchester. Das sah man am besten bei der Arbeit mit dem Lucerne Festival Orchestra. Man spürt sofort diese ungeheuerliche Vertrautheit. Sie ist der Schlüssel. Eine Stufe nach der Vertrautheit kommt die Freiheit – das ergibt grosse Musik.“

Chaillys Vertrag wird fünf Jahre dauern, 2016 dirigiert er das Eröffnungskonzert: nichts Geringeres als Mahler 8. Sinfonie, die gigantische „Sinfonie der Tausend“. Und nichts liebt Chailly mehr als die Sinfonien Mahlers – so wie Abbado es auch tat. Vier bis fünf Konzerte wird Chailly jeden Sommer dirigieren.

Den Namen Abbado soll man nicht vergessen, aber Abstand nehmen. Wiederholen kann man dieser Glückszustand nicht. Mit dem kurzfristig gewonnenen Abbado-Ersatz Andris Nelsons fuhr Lucerne Festival 2014 bestens. Und im Herbst hätte der Lette auch als Nachfolger präsentiert werden sollen, sagte dann aber kurzfristig ab. Nelsons merkte, dass er im Sommer mit seinem Bostoner Orchester in Tanglewood präsent sein muss und dass er weiterhin in Bayreuth dirigieren möchte – und 2017 in Salzburg „Lady Macbeth von Mzensk“ leitet. Mit der Geburt seines zweiten Kindes kam auch die Erkenntnis: Ich muss neben dem Dirigieren auch noch leben.

Schon diesen Sommer dirigiert er in Luzern „nur“ einen Teil der Konzerte, die glamouröse, prestigeträchtige Eröffnung des Lucerne Festival heute Abend - vom TV übertragen, auf DVD aufgezeichnet -  leitete mit Bernard Haitink ein 86-Jähriger: Wahrlich nicht die Zukunft des Festivals.

Mit Chailly hat man nun einen eigenständigen Dirigenten, der immer etwas unter seinem Wert gehandelt wurde. Dabei wird gerne vergessen, dass er einer der wenigen Dirigenten ist, die bei einem grossen Label, bei Decca,  CDs einspielen darf. Kein Wunder: In Amsterdam beim legendären Concertgebouw, dann in Leipzig beim Gewandhaus zeigte er, wie sehr er Orchester formen kann. Und wie breit sein Repertoire ist: Seine Bach- und Mendelssohn-Aufnahmen sind genauso grossartig wie die revolutionäre Einspielung der Beethoven-Sinfonien. Vom spätromantischen Repertoire - von Brahms, Bruckner und Mahler - ganz zu schweigen. Angst vor Vorgängern hat er keine: An der Scala ist er in den Fussstapfen von Riccardo Muti und Claudio Abbado - und reüssiert. Warum soll ihm das in Luzern nicht gelingen?

Abbados Bezeichnung „Orchester der Freunde“ wird er leben und sein eigenes Orchester aufbauen. Wie viele des ehemaligen Stammes bleiben werden, ist egal. Denn wer immer noch dem Abbado-Orchester nachtrauert, sitzt im Chailly-Orchester am falschen Platz.

Als Chailly bei einem Pressegespräch im Jahr 2007 im Palace Luzern per Zufall erfuhr, dass der holländische Dirigent Willem Mengelberg – sein Vorgänger beim Concertgebouw Orchester Amsterdam, in der Nähe begraben sei, wollte er sogleich dessen Grab besuchen, Mengelberg „finden“. So eine Figur kann das Luzerner Festspielorchester brauchen.

Nebenbei: Im Herbst erscheint Chaillys Buch „Das Geheimnis liegt in der Stille. Gespräche über Musik“. Der Titel könnte von Abbado sein.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1