Am Mittwoch- und Donnerstagabend musste man eine nicht gebrauchte Konzertkarte nicht lange in die vibrierende KKL-Luft halten: Schnell hätte sich ein Abnehmer gefunden. Die Berliner Philharmoniker ziehen in Luzern seit Karajans Tagen wie kein anderes Orchester. Ganz anders die Szenerie am Donnerstagmittag vor der Lukaskirche. Da trat ein Geiger-Kaliber wie Ray Chen auf, die nicht-nummerierten Bänke füllten sich nur allmählich – kurz vor Konzertbeginn dann aber deutlich. Die «Debut»-Reihe des Lucerne Festivals immer noch ein Geheimtipp? Nein: Die Atmosphäre ist zwar gelassen, aber beim Kartenkauf auf den letzten Drücker zu warten, wäre falsch.

Die Luzerner vertrauen den Festivalmachern durchaus, erleben um 12.15 Uhr regelmässig grossartige Musikstunden für wenig Geld. Den Stempel «Debut» tragen nämlich alles andere als Anfänger. Bisweilen ists ja nur ein Zufall, ob einer das Tschaikowsky-Konzert ins KKL zaubert oder eine Bach-Sonate in der Lukaskirche predigt. Der 24-jährige Geiger Chen Ray jedenfalls ist schon in allen grossen Konzertsälen der Welt aufgetreten, nachdem er 2009 den legendären Concours Reine Elisabeth gewonnen hatte. Umso interessanter, ihn im nüchternen, aber intimen Kirchenrund zu erleben.

Schokoladenüberzogenes Bonbon

Chens technische Überlegenheit ist unheimlich, aber sie langweilt keinen Moment: Zu gut, seine Bogenkunst, als nicht minimalste Regungen hörbar gemacht würden, als dass nicht in grossem Ton piano gespielt werden könnte. Eindrücklich, wie klug tanzend er sich durch Strawinskys «Divertimento» schlängelte, wie Klang und Form betonend durch Prokofjews D-Dur-Sonate! Allein bei Bach – ein Jüngling-Problem – könnte er durchaus mal zweifeln, anstatt ihn als schokoladenüberzogenes Geigenbonbon zu präsentieren.

Szenenwechsel! Anstelle Polo-Shirts und Jeans herrschen nun dunkle Anzüge und Abendkleider vor – anstelle der nach Kirchenbasar riechenden Lukaskirche lockt der Champagner-Duft des KKL – die Berliner Philharmoniker sind zu Gast!

Seit 2002 ist Simon Rattle ihr Chefdirigent und beherrscht sein Orchester heute mit fabelhafter Gelassenheit. Der 1955 geborene Brite kann auch enorm auf die individuellen Stärken der einzelnen Musiker bauen. Arnold Schönbergs hochromantische, auf der Schwelle zum 20. Jahrhundert stehendes Streichsextett «Verklärte Nacht» wurde in der Fassung für Streichorchester zu einer Feier der Emphase, zu einem unbändigen Ausdruck der Sinne. Von einer so rauschhaften Nacht kann man sonst nur träumen. In den «Drei Bruchstücken» aus Alban Bergs «Wozzeck» wollte man sich erneut am Orchester nicht satt genug hören. Sopranistin Barbara Hannigan versuchte etwas verrucht zu wirken, es gelang ihr weder durch gestische noch durch stimmliche Mittel.

Dort beginnen, wo andere aufhören

Das war schnell vergessen, als nach der Pause die ersten Töne von Igor Strawinskys «Le Sacre du printemps» erklangen – von jenem Stück also, das vor 100 Jahren komponiert worden war und die Musikwelt revolutionierte: Die Moderne war eingeläutet. Die Berliner spielen dieses jedes Orchester (über)fordernde Werk mit einer Selbstverständlichkeit, dass Rattle dort beginnen kann, wo andere aufhören. Noch selten war der «Sacre» so klar, so durchhörbar – und doch so pulsierend brutal. Doch dieser Orchesterrausch war frei von billigen Effekten, denn Rattle meidet jede aufgesetzte Übertreibung, sondern formt alles aus dem lyrischen Fluss. Seine eben eingespielte «Sacre»-CD wurde für die Präzision kritisiert, es fehle ihr der Rausch. Im Konzertsaal, wo gar nicht so anders gespielt wird, kam das kaum zum Tragen. Gewiss: Wenn sich andere zum Finale noch in einen wilden Schlag flüchten, muss Rattle nur noch einen nüchternen Abschluss finden. Warum auch nicht: Alles, wirklich alles, hatte er vorher gesagt.

Debut Die Konzerte mit Regula Mühlemann (3.9.) und Gilles Vonsattel (5.9.) sind quasi ausverkauft, für Sopranistin Julia Westendorp (10.9.) und Flötistin Daniela Koch (12.9.) gibt es noch Karten.

CD Strawinsky, Simon Rattle, EMI 2013.