Geht es Ihnen so gut, wie Ihre neue Platte klingt?

Randy Newman: Ich fühle mich ziemlich gut und bin glücklich mit dem Album. Das ist das Wichtigste in meinem Leben.

«Dark Matter» erscheint neun Jahre nach Ihrem letzten Studioalbum. Was bedeutet es Ihnen?

Die «dunkle Materie» ist eine unbekannte Grösse. Sie ist 75 Prozent von allem, doch nicht einmal die Forscher wissen genau, worum es sich handelt. Für mich ist sie ein spannendes Rätsel. So wie das Leben auch. Ursprünglich wollte ich das Album «The Great Debate» nennen. Aber so, wie die Dinge momentan laufen, hätte das falsche Erwartungen geweckt. Es ist kein politisches Album.

Randy Newman - Putin

Randy Newman - Putin

   

Es ist persönlich, aber auch politisch.

Ja, das stimmt. Es hat nicht nur eine politische Ebene, sondern ist weit tiefgründiger.

Von welchem Song ging die Initialzündung aus?

Die Anfangszeilen «Welcome, welcome, welcome to this great arena!» des Openers «The Great Debate» haben alles losgetreten. Es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat. Das hätte nicht unbedingt sein müssen. Ich brauchte nur anderthalb Jahre, um die Lieder zu schreiben und aufzunehmen. Vorher war ich mit diversen Filmsoundtracks beschäftigt, ich war aber auch einfach zu träge. Ich ging viel spazieren, und sah fern.

Welches sind die Hauptunterschiede zwischen dem klassischen Songwriting und dem Komponieren eines Filmsoundtracks?

Beim Songwriting kann ich alles sagen, was ich will. Filmmusik zu komponieren, ist einfacher, weil es ganz offensichtliche Parameter gibt. Du hast eine Deadline und weisst, was erwartet wird. Wenn du Musik für eine Verfolgungsjagd schreibst, muss sie Tempo haben. Für eine Liebesszene braucht es romantische Musik. Bei «Toy Story» oder «Cars» fehlte sie jedoch. (lacht)

Wie haben Sie am neuen Album gearbeitet?

Für meine eigenen Songs setze ich mich oft ans Klavier, ohne nur eine einzige Idee davon zu haben, wohin die Reise gehen wird. Ich wartete, ob etwas kommt – oder eben nicht.

Wie kamen Sie auf den Song «The Great Debate»?

Das grosse Thema ist «Religion versus Wissenschaft». Die Kontroverse wird im Lied als TV-Duell inszeniert. Obwohl ich eigentlich total auf der Seite der Ratio bin, muss ich zugeben, dass nichts nur annähernd die emotionale Wucht generiert wie alles, was mit dem Glauben zu tun hat: Kirchenmusik, Bach, Beethoven, Dvorak oder Gospelmusik, die ich so liebe.

Weshalb haben Sie in «Putin» den russischen Imperator aufs Korn genommen?

Es gibt einen alten Gospel-Song namens «Stalin Wasn’t Stallin’». Das hat mich inspiriert, mit «Putin Puttin’ His Pants On» etwas Ähnliches zu machen. Ausserdem hat mich die Psychologie hinter all den Fotos, auf denen er mit nacktem Oberkörper zu sehen ist, interessiert. Was will er damit? Ich denke, Putin ist einer der reichsten und mächtigsten Männer der Welt. Gleichzeitig will er noch Tom Cruise sein. Es genügt ihm nicht, in zwei Kategorien zu gewinnen. Er will überall der Grösste sein.

Was halten Sie von Trump?

Er ist schrecklich. Was kann man da noch mehr sagen? Er ist so furchtbar, dass es nicht mehr lustig ist. Die Parodien auf ihn sind unterhaltsam, doch ich habe nie über ihn geschrieben, weil ich dachte, dass es zu einfach ist. Vor der Präsidentschaftswahl stand einmal in einer Zeitung: «Donald Trump ist wie eine Figur aus einem Randy-Newman-Song.» Und das ist leider wahr!

Wie denken Sie 40 Jahre nach der Empörung über Ihren grössten Hit «Short People» über die Verwendung von Sarkasmus und Ironie in Songtexten?

Ich bin Ironie und Sarkasmus treu geblieben. (lacht) Ich war immer ein wenig überrascht, dass nicht mehr Leute zu diesem Stilmittel greifen. Viele Künstler scheinen sich vor der Verwirrung, die es stiftet, zu fürchten. Sie wollen erfolgreiche Stars sein. Dafür sind direkte Botschaften besser. Ich mache es anders.

Stammt das jazzige Element in Liedern wie «It’s A Jungle Out There» aus Ihrer Kindheit in New Orleans?

Ich weiss nicht, ob der Jazz damals schon einen speziellen Eindruck auf mich gemacht hat. Wenn mir Songs im Radio gefallen haben, kamen sie allerdings sehr oft aus New Orleans, und natürlich war die Musik überall. «It’s A Jungle Out There» habe ich für die Fernsehserie «Monk» geschrieben. Da sie nur eine Minute wollten, habe ich nur so wenig geliefert. Erst jetzt habe ich noch eine zweite Strophe und eine Bridge hinzugefügt. Dieses «schlurfende Moll» hat mir schon immer gut gefallen! (schmunzelt)

Sie kommen aus einer sehr musikalischen Familie. Drei Onkel waren Filmmusikkomponisten, Sie und zwei Cousins sind es noch. Wie verhält es sich mit Ihren fünf Kindern?

Ein Sohn vertritt als Agent für Filmmusikkomponisten u.a. Hans Zimmer und mich. Einer ist Produzent und hat die TV-Serie «Narcos» produziert. Ein Kind ist Schriftsteller und die zwei anderen haben erst kürzlich die Uni abgeschlossen. Sie arbeiten für eine Talent-Agentur und für eine Umweltorganisation.

Nur ein Kind ist nicht im Showbusiness?

Stimmt. Ich habe gehofft, dass sie etwas anderes machen, aber sie haben halt nichts anderes erlebt. Zwar hatte ich nie das Gefühl, Teil des Showbusiness zu sein – aber wahrscheinlich bin ich es halt doch.

Sie sind Oscar- und Grammy- Gewinner und auf dem Hollywood Walk of Fame sowie in der Rock’n’Roll Hall of Fame verewigt. Worauf sind Sie am meisten stolz?

Wahrscheinlich freut mich am meisten, dass ich von der Rock’n’Roll-Gemeinschaft wahrgenommen werde, denn ich habe viel Zeit mit dem Schreiben und Aufnehmen von Alben investiert – und sie scheint sie zu mögen. Aber all diese Auszeichnungen bedeuten mir nicht so viel wie das Gefühl, wenn ich einen Song fertig geschrieben habe und eine Weile mit ihm glücklich bin.

Gehen Sie noch immer am liebsten solo auf Tournee – wie momentan in den USA?

Ja, Konzerte mit Band oder Orchester sind zwar auch toll, aber ich spüre das Publikum besser, wenn es nicht von Bass und Schlagzeug übertönt wird. Und ich kann spontan das machen, was ich in einem bestimmten Moment als richtig empfinde. So werde ich auf der Europa-Tournee im Februar vermutlich ebenfalls solo auftreten.