Am Dienstagabend bestritt Emel Mathlouthi mit Aline Frazão den Auftakt der «Stimmen»-Konzertreihe im Rosenfeldpark. Das Publikum bekam zwei junge, talentierte und vor allem stimmgewaltige Sängerinnen zu hören. Beide musikalisch experimentierfreudig – und mit politischen Botschaften. «In Angola haben wir eine falsche Demokratie», sagte Aline Frazão über ihr Heimatland. Bei einigen Songs würden ihr Landsleute abraten, diese zu singen.

Auch Emel Mathlouthi erhob ihre Stimme gegen das Regime. Das Video, wie sie inmitten eines Protestes gegen den tunesischen Diktator Ben Ali ihr Lied «Kelmti Horra» (Mein Wort ist frei) anstimmt, ging um die Welt. Emel Mathlouthi wurde zur Stimme der Jasminrevolution. Die bz traf die 33-Jährige vor ihrem Konzert.

Frau Mathlouthi, was sind Ihre Erinnerungen an den Tag, als Sie inmitten einer Demonstration Ihren Song «Kelmti Horra» vortrugen?

Emel Mathlouthi: Dass ich das Stück sang, entstand spontan aus der Situation heraus. Eine Freundin forderte mich dazu auf. Ich hatte zwar Angst, sang aber aus tiefstem Herzen. Mir war damals nicht klar, was das Video auslösen würde. Heute freue ich mich, dass dieses Lied die Geschichte der jungen Bewegung musikalisch begleitet hat.

Mit welchen Gefühlen spielen Sie diesen Song heute?

Ich singe das Lied nicht mehr so oft, denn ich schrieb neue Musik und will damit experimentieren.

Die Musik von Emel Mathlouthi hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Die neuen Songs, die sie in Lörrach präsentierte, basieren grösstenteils auf einem elektronischen Grundgerüst. Der Einfluss von Trip-Hop-Bands wie Portishead oder Massive Attack ist gross. Harte Beats treiben die Stücke voran, sphärische Klänge räumen ihnen ruhige Abschnitte ein. Im Zentrum steht die Stimme von Emel Mathlouthi: kraftvoll, durchdringend. Sie trägt einzelne Töne mühelos über längere Passagen, kostet sie aus – und kreierte mit ihrem Gesang die betörenden arabischen Melodien.

Heute ist die Revolution in Tunesien vorbei. Wie beeinflusst dies Ihre Arbeit als die «Stimme der Jasminrevolution»?

Emel Mathlouthi: Dies veränderte meine Musik nicht so sehr. Meine Entwicklung ist ein schleichender Prozess, der Neues entstehen lässt – ähnlich wie beim Älter werden. Nach meinem ersten Album begann ich, mit verschiedenen Arrangements zu experimentieren und neue Songs zu schreiben. Dabei ging es nicht mehr primär um die Revolution, sondern um die Gesellschaft und den Umgang der Menschen untereinander. Daneben schrieb ich auch Songs über mich, über meine Suche nach Identität. Ich bin gespannt, wie das Publikum auf die Lieder reagieren wird. Ich selbst bin immer noch am Entdecken von dieser neuen Seite an mir.

Suchen Sie eine neue Identität, um sich vom Image der Protestsängerin zu lösen?

Ich versuche nicht, darüber nachzudenken, als was ich bezeichnet werde. Das Wichtigste ist, den eigenen Weg zu gehen. Ich habe in Tunesien, in Paris oder New York gelebt. Meine Identität setzt sich aus all diesen Orten zusammen. Mir ist es wichtig, eine Weltbürgerin zu sein und stets neue Menschen und Orte kennenzulernen. Das bereichert mich und meine Kreativität. Zwar sind in Tunesien meine Wurzeln, doch für mich als Künstlerin ist es wichtig, stets in Bewegung zu bleiben.

In Lörrach zeigte Emel Mathlouthi auch keine Berührungsängste, ihre eigene Version von Songs der irischen Sängerin Sinéad O’Connor oder Rammstein zu spielen. Diese trug sie ohne elektronischen Spielereien vor, was in ihrem Konzert eine willkommene Abwechslung war. Sie sei bislang an den Stücken von Rammstein gescheitert, sagte Mathlouthi einem hörbar verblüfften Publikum. Mit dem Song «Frühling in Paris» stimmte sie eine der wenigen Balladen der deutschen Rockband an – und kreierte damit einen Höhepunkt. Sanft, tiefgründig und verheissungsvoll sang sie das Stück und begleitete sich selbst mit der akustischen Gitarre.

Wie kamen Sie mit der Band Rammstein in Berührung?

Emel Mathlouthi: Es gab in Tunesien eine Metal-Szene – vor allem unter den jungen Menschen. As ich den schwedischen Film «Lilja 4-ever» sah, der mit einem Lied von Rammstein eröffnet wird, war ich wie elektrisiert. In den Bibliotheken suchte ich ihre Alben zusammen, hörte alle ihre Lieder. Mir gefällt es sehr, wie Rammstein ihre Musik gestaltet. Komponiere ich selbst, fühle ich mich mit ihnen verbunden. Ihre Melodien sind berührend und tiefsinnig, ihre Texte passen gut zu den Rhythmen. Zudem sind sie ihrer Muttersprache stets treu geblieben und werden trotzdem auf der ganzen Welt gehört.

Wieso singen Sie nicht mehr in einer Rockband – so wie in Ihrer Studentenzeit?

Wer älter wird, verändert seinen Kleider- oder eben auch seinen Musikstil. Rockmusik wird immer eine grosse Bewegung in der Musikgeschichte sein. Für mich ist es heute noch wichtig, durch diese Phase gegangen zu sein – ich trage die Rockmusik noch in mir. Doch ich fühle mich auch eng mit der klassischen Musik verbunden, die ich als Kind hörte. Heute versuche ich, mit all diesen Einflüssen zu experimentieren, sie zu verbinden und somit meinen eigenen Sound zu kreieren.