Rock

Radiohead: Wieder stärker in die Avantgarde

Radiohead - Lotus Flower-1

Radiohead - Lotus Flower-1

Die britische Band Radiohead entfernt sich noch stärker vom Rocksound und von den klassischen Verkaufsmodellen. Ihr neues Album «The King Of Limbs» ist bis Ende März nur als Download erhältlich.

Kaum eine Musikformation weiss Überraschungseffekte vergleichbar geschickt einzusetzen wie die britische Band Radiohead. Am Valentinstag kündigte sie ihr neues Album an, vor einer Woche veröffentlichte das Quintett aus Oxford «The King Of Limbs». Allerdings nicht auf CD, sondern nur als Datenmenge, die man mit gezückter Kreditkarte auf die Computerfestplatte herunterladen kann.

Neue Online-Strategie

Schon 2007 woben Radiohead ihre neue Musik überraschend kurzfristig ins Netz, um der Online-Piraterie zuvorzukommen. Damals konnten die Konsumenten den Kaufpreis selber bestimmen. Ob dieses bahnbrechende Konzept, dieser Appell an die Eigenverantwortung der Käuferschaft, aufging, darf bezweifelt werden. Radiohead gaben zwar keine Zahlen bekannt, doch rechnet man die Umfrageergebnisse einiger Online-Medien hoch, dann dürfte nur die Hälfte der geschätzten 1,2 Millionen Konsumenten für «In Rainbows» Geld ausgegeben haben.

Das würde erklären, weshalb die Band fürs neue Album die Preise nach Regionen festgelegt hat: 7 Euro zahlen wir Kontinentaleuropäer für die acht Lieder, ein Russe fährt etwas günstiger (6 US-Dollar). Dafür erhält man 38 Minuten Musik im MP3-Format. Diese Beträge sind noch immer bescheidener als der Preis für die CD, die in einem Monat in die Läden kommen soll. Manche Fans dürften gar bedeutend tiefer in die Tasche greifen und das Album in Deluxe-Versionen erstehen.

Die Anschaffung lohnt sich: Man unterstützt eine Band, die 25 Jahre nach ihrer Gründung noch immer für Überraschungen gut ist. Ihr achtes Studioalbum ist zwar ihr kürzestes, aber nicht etwa leicht verdaulich. Im Gegenteil: Bereits der Opener «Bloom» irritiert angehörs der Klangspuren, die da vielschichtig zusammengeführt wurden. Was im ersten Moment verwirrt, entfaltet bei genauerem Hinhören eine faszinierende räumliche Tiefe: Seitlich wimmern und zirpen Synthesizerarpeggi, frontal tänzelt ein hektischer Breakbeat, der aus mindestens zwei Schlagzeugaufnahmen zusammengebastelt wurde. Diese meisterhafte Verästelung, die im Albumtitel «The King Of Limbs» angedeutet wird, erdet ein ruhiger, phrasierter Kontrabasslauf. Und über all diesem scheinbar zufälligen Gewusel sorgt Sänger Thom Yorke mit seinen lang gezogenen Gesangsmelodien für die natürliche Vertrautheit – und für die Orientierung.

Wille zum Nonkonformismus

Jene Fans, die noch immer der Ära des epochalen Neunzigerjahre-Albums «OK Computer» nachtrauern, worauf Radiohead brillant den alternativen mit dem progressiven Rock kombinierten, werden sich an der experimentellen Tanzbarkeit von «The King Of Limbs» stossen, werden die E-Gitarren vermissen, ebenso die eingängigen Melodien.

Doch gerade diese Unberechenbarkeit, dieser Wille zum Nonkonformismus, zeichnet Radiohead aus. Dass sie dabei auch das Spannungsfeld zwischen Tanzfläche, Lounge und Neuer Musik ausloten, ist nicht neu: Vor zehn Jahren drangen die Briten mit «Kid A» und «Amnesiac» schon in diese Gebiete vor. So steht «The King Of Limbs» für eine weitere, clevere Verästelung ihrer Stilinteressen. Sprich: für ein gelungenes Experiment.

Radiohead The King Of Limbs. Das Album erscheint am 28. März auch auf CD und Vinyl, XL/Musikvertrieb.

www.thekingoflimbs.com

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1