Stephan Diethelm

Problematische Doppelrolle im Aargauer Kuratorium: «Es riecht nach Vetterliwirtschaft»

Amerikanische Musikerinnen und Musiker, wie hier die Sängerin und Gitarristin Becca Stevens, werden in Muri bevorzugt.

Amerikanische Musikerinnen und Musiker, wie hier die Sängerin und Gitarristin Becca Stevens, werden in Muri bevorzugt.

Problematische Doppelrolle: Der Vizepräsident des Kuratoriums, Stephan Diethelm, ist gleichzeitig Geldgeber und Geldempfänger.

Es brodelt in der Aargauer Jazzszene. Die Unzufriedenheit von Musikern und Veranstaltern gegenüber dem Aargauer Kuratorium ist schon seit einiger Zeit gross und nimmt immer mehr zu. In der Kritik steht dabei Stephan Diethelm in seiner Doppelrolle als Vizepräsident und Leiter der Fachgruppe Jazz und Rock/Pop sowie als Veranstalter der Konzertreihe «Musig im Pflegidach Muri». Denn Diethelm ist gleichzeitig Geldgeber und Geldempfänger.

«Das geht auf keinen Fall», ereifert sich der Schlagzeuger Marco Käppeli, «diese Doppelrolle ist unhaltbar.» Für ihn ist klar, dass ein gewählter Kurator nicht gleichzeitig Gesuche stellen und Geld erhalten kann. Umso störender ist dies, als Diethelms Jazzreihe heute mit 40 000 Franken absolute Spitzenreiterin ist. Vergleichbare Jazzclubs wie der Jazz Club Aarau (12 000 Franken) oder der Verein Jazz in Baden (22 000 Franken) müssen sich mit deutlich kleineren Programmbeiträgen begnügen. «Das riecht nach Vetterliwirtschaft», sagt die Musikerin Renata Friederich, «das Kuratorium bewegt sich hier zumindest in einem Graubereich.»

Schweizer Musiker finden in Muri nicht statt

Interessant und aufschlussreich ist die Entwicklung der Zuschüsse an die Konzertreihe in Muri. Bevor Diethelm 2012 Kurator wurde, erhielt seine Veranstaltung noch bescheidene 15 000 Franken. Danach, mit Diethelm, wurden die Beiträge kontinuierlich auf heute 40 000 Franken aufgestockt. Das entspricht beinahe einer Verdreifachung.

Renata Friederich schätzt Diethelms Konzertreihe. «Musig im Pflegidach ist eine Bereicherung für die Aargauer Konzertlandschaft», sagt sie, «problematisch» findet sie aber, dass Diethelm vor allem amerikanische Musiker ins Freiamt holt und Schweizer Musiker und Bands übergeht. «Schweizer Jazz findet in Muri seit Jahren nicht statt», sagt sie. Die Jazzclubs in Baden und Aarau, die sich explizit und bewusst auf den Schweizer Jazz konzentrieren, haben dagegen das Nachsehen. Mit der Aufstockung der Beiträge an Muri gibt das Kuratorium ein fatales Signal. Es scheint die amerikanische Ausrichtung beziehungsweise die Benachteiligung von Schweizer Musikern sogar noch zu belohnen.

Auf die Frage dieser Zeitung, wie diese Spitzenposition von «Musig im Pflegidach» zu rechtfertigen sei, wollten weder Stephan Diethelm noch Kuratoriumspräsident Rolf Keller antworten. Stattdessen haben sie sich auf das Amtsgeheimnis berufen. Auch die problematische Doppelrolle von Diethelm blieb unbeantwortet.

Die Vernachlässigung des heimischen Jazz im Aargauer Kuratorium wird auch bei den Beiträgen an Musiker und Musikerinnen deutlich. Denn von allen Sparten erhält der Jazz mit Abstand am wenigsten vom kantonalen Kulturkuchen. In der Ära Diethelm ab 2012 dümpelt die Sparte Jazz bei einem Anteil von 2 bis 4 Prozent. Klassische Musik und Pop/Rock bewegen sich dagegen stets im zweistelligen Bereich. Immerhin zwischen 11 bis 16 Prozent. Auch zu diesem Ungleichgewicht wollte sich das Kuratorium nicht äussern.

Schweizer Musiker haben Angst vor Konsequenzen

Interessant ist, dass Aargauer Jazzmusikerinnen und Jazzmusiker sich im Gespräch oft heftig und dezidiert gegenüber dem Kuratorium und zum Leiter der Fachgruppe äussern, aber dann doch nicht namentlich genannt werden wollen. Aus Angst vor den Konsequenzen: «Wenn ich etwas sage, dann werde ich erst recht nie mehr Geld erhalten», heisst es oft. Es ist die Angst vor der institutionellen Macht der Aargauer Kulturförderer.

Diethelm äussert sich über Schweizer Jazz abschätzig

Für die befragten Aargauer Musiker und Musikerinnen ist der Zusammenhang der Vernachlässigung des heimischen Schaffens und Stephan Diethelm aber offensichtlich. Über Schweizer Jazz äussert sich Diethelm offen abschätzig. Er hält nichts von Schweizer Jazzmusikern. Renata Friederich etwa sagt: «Er hat mir direkt ins Gesicht gesagt, dass es in der Schweiz keine einzige gute Jazzsängerin gäbe.»

Das steht in krassem Widerspruch zum internationalen Renommee des Schweizer Jazz. Helvetische Jazzmusiker gewinnen seit Jahren reihenweise internationale Preise und das Magazin «Der Spiegel» schrieb euphorisch von der «Jazz-Nation Schweiz», die im europäischen Jazz eine Führungsrolle einnimmt und durch eine «immense Originalität und Individualität fasziniert». Dabei mischen Aargauer Musikerinnen und Musiker zuvorderst mit. Der Jazz-Publizist Beat Blaser hat in dieser Zeitung kürzlich vom «Aargauer Jazzwunder» geschrieben. Nur das Kuratorium hat es offenbar noch nicht bemerkt.

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Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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