Montagsinterview

Popstar Stephan Eicher: «Solange es mein Körper zulässt, stehe ich auf der Bühne»

Der Popstar und Liedermacher Stephan Eicher spricht im Interview über sein Bühnen-Comeback, Balkan-Musik und was Frankreich von seiner Heimat lernen kann.

Ganz vorsichtig setzt sich Stephan Eicher in den Lounge-Sessel im Radiostudio Zürich, wo wir uns zum Interview treffen. Ein im letzten Jahr erlittener, schmerzhafter Bandscheibenvorfall hat den Berner Liedermacher ein halbes Jahr ausser Gefecht gesetzt. Betroffen waren die Bandscheiben L4-L5. Alle Konzerte mussten abgesagt werden. In einer Spezialklinik liess sich der Popstar wieder «tourneetauglich» machen.

Wie geht es Ihren lädierten Bandscheiben L4-L5?

Stephan Eicher: So weit, so gut. Ich muss mich einfach alle 20 Minuten strecken. Vielleicht hören Sie es dann knacken und knirschen. (Stöhnt) Ich war dumm. Nach einem solchen Bandscheibenvorfall sollte man nicht noch einen Film drehen, keine Konzerte geben und mit einem holprigen Bandbus durch Frankreich touren. Erst mal habe ich mich wie ein Chef eines KMU-Unternehmens gefühlt, der Verantwortung für seine Angestellten übernehmen muss. Insgesamt sind es 26 Leute, die nicht arbeiten können, wenn ich nicht arbeite.

Können Sie wieder Konzerte geben?

Ja, es klappt. Ärzte haben mir zwar geraten, im Januar und Februar noch zu pausieren, aber das geht nicht. Ich kann nicht noch mal so viele Rendez-vous mit meinem Publikum absagen.

Als es passierte, standen Sie vor einer Deutschland-Tour mit Martin Suter. Ich glaube ja, das hat irgendwie mit Deutsch- land zu tun: Deutschland und Eicher, das passt einfach nicht zusammen.

(Lacht) Ja, vielleicht. Sie spielen auf die Tour 2003 mit Herbert Grönemeyer an. Tatsächlich konnten die Deutschen mit meinen französischen Liedern nichts anfangen. Diesmal bin ich aber optimistisch: Im Schlepptau von Martin Suter, der in Deutschland ja ein Bestseller-Autor ist, sollte es klappen. Drücken Sie mir die Daumen.

Jetzt folgt aber zuerst das Projekt mit dem Schweizer Bläserensemble Traktorkestar. Wie kam das zustande?

Schuld ist eigentlich meine Plattenfirma Universal, mit der ich seit Jahren im juristischen Dauerclinch stehe. Ein Konflikt, der in Frankreich auch vor Gericht ausgetragen wird.

Aha, interessant.

Das dauert nun schon sechs Jahr. Universal hat in der Musikindustrie ihre Leistung mir gegenüber einseitig halbiert. Als ich mich dagegen wehrte, haben sie mich blockiert. Keine Interviews, keine Fernsehauftritte, nichts. Um Geld zu sparen, entwickelte ich mein Solo-Projekt mit den Automaten und war anderthalb Jahre allein unterwegs. Das funktionierte zwar, war aber trotzdem manchmal etwas traurig. Während der fast 110 Konzerte merkte ich, dass ich gern ein Team um mich habe.

Sie sind immer noch bei Universal. Wie ist die Situation heute?

Gemäss meinem Anwalt könnte mich Universal noch bis zu zehn Jahre blockieren. Bei diesen Aussichten habe ich beschlossen, das Solo-Projekt aufzugeben. Die Grossformation Traktorkestar kam da wie gerufen. Bei ihr bin ich wie ein Mitglied in einer Grossfamilie, herrlich.

Welche Rolle spielt dabei der berühmte bosnische Filmkomponist Goran Bregovic?

Goran Bregovic hat mich auf den Geschmack gebracht mit den Balkan-Bläsern. Vor sechs Jahren hat er mich eingeladen, bei seinem Album «Champagne For Gypsies» mitzuwirken. Er reiste mit seinen Bläsern zu mir in die Camargue, über Nacht schrieb Martin Suter Songtexte zu zwei Stücken. Auf der nachfolgenden Tour mit Goran habe ich den Reiz der Balkanmusik kennen gelernt. Eine Musik, die dich zum Tanzen und zum Weinen bringt. Eine Musik auch, die mich nicht mehr losliess. Für das Repertoire mit Traktorkestar hat Goran zwei Songs arrangiert.

Wie ist Steff la Cheffe zur Truppe gestossen?

Das war mein Vorschlag. Das Projekt mit zwölf Männern war mir zu testosteron-lastig. Als weibliches Korrektiv habe ich deshalb Steff la Cheffe vorgeschlagen. Sie ist bei mir auch schon als Beat-Boxerin aufgetreten.

Das Traktorkestar ist eine Schweizer Formation, die eine helvetische Version des Balkan-Brass pflegt. Eigentlich ist sie eine Folge des Balkankrieges.

Genau! Traktorkestar ist das fruchtbare Produkt des Zusammentreffens der Kultur aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Schweiz. Für mich hat das Projekt starken Symbolcharakter.

Inwiefern?

Ich wohne in der Camargue, einer armen Gegend mit viel Landwirtschaft. Mein Sohn ist in Lunel zur Schule gegangen. Es ist die Gemeinde, von der am meisten Dschihadisten in den Krieg gezogen sind. Die Einwohner von Lunel waren verwirrt und mit dieser Situation überfordert. Mir wurde bewusst, dass die Integration von Ausländern, der Umgang mit fremden Kulturen in der Schweiz, bei allen Problemen, die es dabei auch gibt, doch viel besser verläuft. Die Franzosen können damit nicht umgehen, obwohl die Überfremdung dort viel geringer ist. Viele Franzosen versuchen es gar nicht erst, stattdessen grenzen sie sich ab, wollen mit Fremden wenig zu tun haben. Das Resultat ist Konfrontation und Hass. In der Schweiz findet man sich spätestens auf dem Fussballplatz und schon junge Eritreer reden in breitem Berndeutsch.

Sie reden von einer Gegend der Gilets jaunes, der Gelbwesten?

Ja, in Frankreich gibt es Gegenden, die einfach vergessen und sich selbst überlassen werden. Mein Dorf wählt auch den Front National. Doch wenn ich die Einwohner frage: Weshalb wählt ihr so, ihr seid doch keine Rassisten. Dann sagen sie: Wir haben die Nase voll, es reicht. Protest ist aber keine politische Haltung. Das Problem ist: Nach dem Wahlsieg von Emmanuel Macron wurden die politischen Haltungen mit den Parteien ausgeschaltet. Es gibt nur noch Macron und Marine Le Pen. Aber wenn nur Le Pen sich wehrt und auf Probleme auf dem Land aufmerksam macht, wenn meine Dorfbewohner gar nichts anderes kennen, wählen sie halt sie.

Was halten Sie von Michel Houellebecq und seinen Thesen?

Houellebecq gibt den Problemen der Vergessenen eine Stimme. Er hinterlässt mit seinen Thesen und Büchern Abdrücke in der Gesellschaft. Wie kein anderer in Frankreich vermag er die Probleme unserer Gesellschaft so zu vermitteln, dass man sie versteht. Houellebecq führt uns in einen Tunnel, aber es ist immer noch viel besser, ihm zuzuhören, als einem Präsidenten, der das Parteiensystem zerstört hat. Ob sich die Linke je wieder erholen wird, ist sehr fraglich. Houellebecq ist umstritten, auch in Frankreich, aber immerhin eröffnet er neue Sichtweisen, stösst Debatten an. Für mich ist Houellebecq einer der intelligentesten Franzosen. Lasst Houellebecq doch reden. Der kann das. Vor allem sagt er: Die Lösung ist das Schweizer System, die direkte Demokratie. Doch diese Passagen werden in den Beiträgen immer rausgeschnitten.

Aha, die Lösung ist die Schweiz, das ist ja auch Ihre Botschaft?

Ja, definitiv. Die Schweiz ist ein Vorbild. Ich habe das lange auch nicht gemerkt, war ein schlechter Demokrat. Aber wenn man in einem Land lebt, wo man nur einmal seine Stimme abgeben kann und dem Präsidenten danach fünf Jahre ausgeliefert ist und nur noch hoffen kann, dann wird dir der Vorteil des Schweizer Systems bewusst. Man kann sich schon lustig machen, dass in der Schweiz sogar über etwas wie die Kuhhorn-Initiative abgestimmt wird. Aber eben: Man kann es. Das ist ja das Wunderbare.

Kommen wir zurück zu Ihrem neuen Projekt. Inwiefern hängt es mit Ihrer Familiengeschichte und Ihren jenischen Wurzeln zusammen?

Die Balkanmusik ist von Zigeunern geprägt. Vielleicht fasziniert sie mich deshalb so. Aber das Geheimnis um die jenischen Wurzeln der Eichers wurde erst im Dokumentarfilm «Unerhört Jenisch» 2017 gelüftet. Wir wussten es schon. Aber es war das Problem meines Vaters und einer schmerzhaften Vergangenheit. Ihm wurde eingetrichtert, dass es besser sei, die Herkunft zu verheimlichen. Meiner Grossmutter hat man in Obervaz, weil sie jenisch war, liederlichen Lebenswandel und Trunksucht vorgeworfen. Man versuchte, sie zu versorgen und zu sterilisieren. Inzwischen ist das Familien-Geheimnis bei mir einem gewissen Stolz und einer Freude gewichen. Mein Vater lebt in jeder Note, die ich spiele, und ich bin überzeugt, dass sich die DNA auch aufs Gemüt abfärbt. Wenn ich an meine jenischen Wurzeln denke, habe ich ein dunkles, schweres Gefühl. Es ist eine undefinierbare Traurigkeit in mir, die auf mich übertragen wurde und die ich in mir trage.

In der Camargue hat es auch viele Fahrende. Ein Zufall?

Hm … tut mir leid, wenn ich Sie und viele Touristen enttäuschen muss, aber die Zigeuner in Saintes-Maries-de-la-Mer sind eine Illusion. Sie sind nur im Mai und Oktober geduldet, und das auch nur von 9 bis 15 Uhr, dann müssen sie wieder draussen sein. Das ist extrem rassistisch. Manchmal glaube ich ja, dass die zwei Bettlerinnen bei der Kirche, welche die Zukunft aus der Hand lesen, bezahlte Schauspielerinnen sind, die aus touristischen Gründen dort stehen. (Lacht)

Aber der Einfluss der Fahrenden in der Schweizer Volksmusik ist keine Illusion.

Oh nein. Vieles von dem, was heute als Schweizer Volksmusik gilt, ist von Jenischen importiert worden. Jenisches Liedgut, das von den Fahrenden auch erhalten worden ist. «Grüezi wohl, Frau Stirnimaa», «S’Guggisberglied», Tänze wie Mazurka, Polka: Hudigääggeler ist nicht in Herrliberg erfunden worden. Vielleicht geht ja die Lieblingsmusik der SVP auf jene zurück, die man eigentlich nicht hier haben will.

Die Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien sind Entwurzelte, bei den Fahrenden ist das Entwurzelte eine Lebenshaltung. Ist Stephan Eicher auch ein Entwurzelter?

Definitiv. Wenn man meine Biografie anschaut. Ich war immer unterwegs, als Musiker sowieso. Mein 19-jähriger Sohn ist nicht mehr so abhängig von mir. Die Camargue ist mir zu abgelegen geworden. Deshalb suche ich jetzt wieder einmal eine neue Lebensstation.

Wie Sie ausführten, haben Sie sich wieder der Schweiz angenähert. Da wäre es doch logisch, wieder in die Schweiz zu ziehen. Vielleicht zu Ihren Wurzeln in Chur oder Obervaz?

Das könnte durchaus sein. Nach der Camargue in die Berge. Also: Wenn das jemand liest und eine Hütte in den Bergen kennt. Ich wäre interessiert. Zwei Zimmer genügen, ein Küchentisch, auf dem ich meine Lieder schreiben kann, eine Dusche, ein 90-Zentimeter-Bett und Aussicht. Ich bin jetzt noch bis April auf Tournee und dann, das ist keine Koketterie, weiss ich noch nicht, wohin es mich treibt und was ich mache. Mal schauen, ich bin selber gespannt.

Und was ist Ihr nächstes Projekt?

Ich habe schon 2016 ein ganzes Album aufgenommen, das aber nie erschienen ist: Es heisst «Homeless Songs».

Wie bitte?

Die Plattenfirma hat mich dazu gezwungen. Per eingeschriebenem Brief wurde ich aufgefordert, innert kürzester Zeit ein Album mit zwölf Songs abzuliefern. Ich war zunächst etwas schockiert. Im Vertrag stand aber nicht, wie lang die Songs sein müssen. Weil mein Budget massiv gekürzt wurde, habe ich die Songs dementsprechend gekürzt. Es sind Kürzest-Songs ohne Intro, ohne Schluss, nur die Essenz, maximal zwei Minuten. Es war schon als kleine Provokation gedacht, aber es gefällt mir. Es ist kein «Fuck-you-Album». Trotzdem wollte die Plattenfirma nichts damit machen.

Aber ich meinte eigentlich, wie es künstlerisch mit Stephan Eicher weitergeht?

Weiss ich ja eben nicht. Vielleicht haben Sie eine Idee. Was soll ich machen?

Wie wärs mit einer Wiederbelebung Ihrer ersten Band Grauzone?

(laut) Ha! Eine Reunion von Grauzone, ja das wäre was. In diesem Jahr veröffentlichen wir sowieso die gesammelten Vinyl-Werke. Im April besucht mich mein Bruder Martin, der andere Teil von Grauzone, in der Camargue. Ich schaue gern hoch zu meinem kleinen Bruder. Keine Ahnung, was er dazu sagen wird.

Super! Aber die wunderbar dilettantische Saxofonistin vom «Eisbär» müsste auch dabei sein.

Claudine Chirac, ja klar. Ich habe ihre Adresse leider nicht. Dafür ist Schlagzeuger Marco Repetto schon involviert. Der Bassist GT Christian Trüssel lebt heute sehr zurückgezogen. Aber mein Traum wäre es, vierzig Jahre nach der Gründung das zweite Album von Grauzone zu machen.

Elton John hört auf, Phil Collins wahrscheinlich auch, Kiss und Krokus gehen auf Abschiedstour? Wie lange stehen Sie noch auf der Bühne?

Solange es mein Körper zulässt. Der letztjährige Vorfall war schon heftig und einschneidend. Ich mache immer noch gern Musik, aber ich würde gern ein Jahr lang Schule geben. Ich würde zum Beispiel gern über Kreativität und den Umgang mit dem Digitalen dozieren. Also wenn jemand das liest und an mir interessiert wäre …

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Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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