«Gott oder Scharlatan», fragt das «Rolling Stone». Was ist Bob Dylan für Sie?
Polo Hofer:Weder Gott, noch Scharlatan. Dylan hat gesellschaftliche Relevanz in die Popmusik gebracht. Zuvor war alles nur Schubidu und Trallala. Er hat gezeigt, dass man im Pop eine Botschaft vermitteln kann. Dazu ist er ein überragender Kenner der amerikanischen Musiktradition, ein musikalischer Archäologe, ein Historiker mit einem riesigen Wissen. Ein Shakespeare der Popkultur.

Sie bezeichnen sich selber als Dylanologe. Für mich hat die Bezeichnung einen negativen Beigeschmack. Wird Dylan nicht überinterpretiert?
Doch. Aber er ist halt eine faszinierende Figur und sein Werk unüberblickbar gross. Dazu ist er der Musiker, der am meisten gecovert wurde. Von «Blowin’ In The Wind» gibt es 1600 Cover-Versionen. Und Dylan ist aktuell geblieben. Neue Bands wie Fleet Foxes, Wilco oder Jack White spielen Dylan. Und er ist wohl der reichste Musiker der Welt. Schon mit 23 hat er pro Monat 80000 US-Dollar (damals rund 3 Franken) nur an Tantiemen verdient. Bis heute hat er über 100 Mio. Tonträger abgesetzt.

Was sind Ihre Gemeinsamkeiten?
Wir gehören zur selben Generation und sind beide Chronisten, Beobachter und Geschichtenerzähler. Das hab ich von ihm gelernt. Wir beide beziehen uns auf die amerikanische Musiktradition. Dazu wechseln wir öfters die Musiker. Siebenmal habe ich meine Band neu formiert.

Und sie beide malen.
Ja, das Porträt von Dylan im Album habe ich gezeichnet und er selber malt ja immer mehr. Dylan hatte schon einige Ausstellungen und ich bin jetzt auch angefragt worden. Ich könnte in Beromünster beim Künstler Wetz im ehemaligen Radiosender eine Ausstellung machen. Dazu müsste ich im Sommer fleissig malen und weniger Konzerte geben.

Was sind die Gemeinsamkeiten im Privatleben?
Wir sind pensioniert, geschieden und wieder verheiratet. Wobei... bei ihm weiss man das ja nicht so genau. Von seinem Privatleben gibt er nichts Preis. Man weiss ja nicht einmal, wie viele Kinder er hat. Aber bestimmt mehr als ich. Ich habe nur einen Sohn aus erster Ehe.

Ich finde, es gibt mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel fühlte sich Dylan am falschen Ort geboren. Sie sind mit ihrer Heimat verbunden und schweizerisch.
Das hat mit der Sprache zu tun. Aber es stimmt, mir gefällt es in der Schweiz und es geht uns vergleichsweise gut. Mein Verhältnis zur Schweiz ist aber ambivalent. Politisch und gesellschaftlich läuft nicht alles so, wie ich mir das vorstelle.

Dazu die Persönlichkeiten – Dylan ist zynisch, mürrisch, verbissen und missionarisch. Ein Einzelgänger. Sie sind nichts von dem.
Ich habe sicher ein sonnigeres Gemüt und ich bin gern unter den Leuten. Ich habe gelernt, mit meiner Bekanntheit umzugehen, und kann auch mit mir unbekannten Leuten kommunizieren. Vielleicht habe ich auch einfach mehr Humor.

Es gibt noch mehr Unterschiede: Dylan hat sich jeglicher Vereinnahmung entzogen. Ist ein Rebell geblieben. Sie sind viel anpassungsfähiger und haben sich arrangiert.
Oh, nein, ich bin mein eigener Herr und Meister, mein Plattenboss und Produzent. Dylan hatte das lange nicht gemacht und hatte deshalb immer Probleme mit jenen, die an sein Geld wollten. In diesem Sinn bin ich freier und unabhängiger als er.

Sind Sie immer noch ein Rebell?
Eher ein Skeptiker, im Sinne eines Hofnarrs. Doch als angepasst würde ich mich nicht bezeichnen. Im kleinen Markt Schweiz muss man als Musiker schon gewisse Konzessionen machen, wenn man überleben will. Um von einem breiten Publikum wahrgenommen zu werden, muss man in einer solch traurigen Sendung wie «Benissimo» auftreten.

Rock und Pop sind doch schon lange nicht mehr rebellisch.
Wogegen rebellieren? Der Rock ist erwachsen geworden und viele der Anliegen von damals sind umgesetzt.

Übrigens: Dylan soll nie ein Hippie gewesen sein. Dem Summer of Love 1969 hat er sich jedenfalls völlig entzogen. Wo waren Sie damals?Im Militär, im WK. Ich habe davon gar nichts mitgekriegt und auch Woodstock habe ich verpasst. Ich war sieben Wochen im Knast in Witzwil und habe Zwiebeln gesetzt.

Das ist ja eine Tragödie. Weshalb waren Sie im Gefängnis?
 
egen «Sachentziehung». Das ist kein Diebstahl, aber fast. Ich habe ein Schlagzeug verkauft, das in meinem Club in Interlaken stehen geblieben war. Meine Zeit im Knast habe ich im Song «Hotel Gitterblick» thematisiert. Dylan war nie im Knast.

Den grössten Unterschied zwischen Ihnen und Dylan sehe ich in der Religion. Dylan hat eine christliche Seite. Sie sind nicht gläubig.
Ich bin mit 18 aus der Kirche ausgetreten und bin ein Ungläubiger. Die Heilige Schrift, angeblich Gottes Wort, besteht für mich aus aramäischen Lagerfeuer-Geschichten, von Menschen niedergeschrieben. Dylan, der gebürtige Jude, hatte übrigens auch eine jüdische Phase. Ich behaupte, dass Dylan mit seinem religiösen Getue einfach ein neues Publikum erobern wollte. In Amerika gibt es einen grossen Markt für christlich-fundamentalistische Gospel-Musik. Das ist weniger Überzeugung als Kalkül und kommerzielle Berechnung. Die biblischen Zitate und Ereignisse in seinen Liedern kommen mir vor wie Anbiederung. Das passt nicht. Denn Dylan hat immer für selbstständiges Denken geworben.

Und noch ein Unterschied: Dylan wurde nach seinem Bruch mit dem Folk ausgebuht. Sie noch nie.
Oh doch! Mehrmals! Ich wurde Anfang der 80er in Zürich von der damaligen Bewegung der «Unzufriedenen» mit Eiern und Bierflaschen beworfen, weil ich mich mit Roger Schawinskis «Radio 24» eingelassen hatte. Es hiess, ich sei ein «Kapitalisten-Schwein». Ich habs überlebt.