Jazz

Pierre Favre: Der mit den Klängen spielt

Pierre Favres Solo-Konzerte sind musikalische Weltreisen. FRANCESCA PFEFFER

Pierre Favres Solo-Konzerte sind musikalische Weltreisen. FRANCESCA PFEFFER

Morgen wird der Schlagzeuger Pierre Favre 80 Jahre alt. Ein Schweizer, der Jazzgeschichte geschrieben hat.

Wer das Glück hatte, Pierre Favre Mitte der 70er-Jahre in einem seiner ersten Solokonzerte zu erleben, der musste erst einmal umdenken. Da sass nicht einer hinter seinem Schlagzeug und prügelte wild, laut und virtuos auf seine Trommeln und Becken ein, wie man das von Schlagzeugern damals gewohnt war. Ganz im Gegenteil: Bei Pierre Favre ging es meist eher leise zu und her, es raschelte und flüsterte, es dingelte und dängelte, zischelte und sirrte weit öfter, als dass es krachte und donnerte.

Keine Zirkusnummer also, schon eher ein klassisches Konzert, das ohne weiteres auch in einem klassischen Kammermusiksaal hätte stattfinden können. Das auf den ersten Blick Spektakulärste war das Instrumentarium: Rings um das konventionelle Drum-Set gruppierte sich eine Unzahl von Becken, Cymbals, Glocken, Klangstäben und Rascheln; von diversen Trommeln und Trömmelchen; von Bongos und einer Pauke; vorne auf der Bühne eine Kalebasse, eine Art ausgehöhlter, mit Wasser gefüllter Kürbis, auf dem ein kleinerer, hohler Kürbis schwamm; hinter dem Drum-Set ein ganzes Gestell mit grossen und kleinen Gongs verschiedenster Herkunft. Und mitten drin Pierre Favre, der mit Schlagzeug-Sticks, mit Stricknadeln, mit Paukenschlägeln, Reisigbesen, Schwingbesen, hölzernen Kochlöffeln und Kinderrätschen und mit was auch immer seine Instrumente traktierte und streichelte. Das hatte es vor Pierre Favre, zumindest im Jazz, meines Wissens noch nicht gegeben.

Der Übersetzer

Aber nicht nur das: Favres Solokonzerte waren und sind so etwas wie musikalische Weltreisen. Von Afrika nach Bali, von der Karibik in den Balkan, vom Jazz zur Folklore und zur europäischen Kunstmusik des 20. Jahrhunderts. Allerdings: Alle diese Musiken verwendet Favre nicht als oberflächlich angeeignete Dekoration, als exotisches Parfüm. Favre ist vielmehr der kluge Übersetzer, der, auf die eigene Sprachkraft vertrauend, diese verschiedenen musikalischen Idiome in seinen eigenen Sprachkosmos übersetzt.

Was für seine Solokonzerte, dieses Favresche Einmannorchester gilt, gilt erst recht für die Duos, die Trios, die kleineren und grösseren Ensembles, mit denen Favre natürlich vor allem spielte. Allerdings: In die Wiege gelegt wurde dies dem 1937 in Le Locle Geborenen nicht. Die Klarinette legte er weg, bevor er damit richtig angefangen hatte. Beim Schlagzeug blieb er dann. Er lernte es autodidaktisch, aber von Grund auf: Als Jugendlicher Dixieland im Amateurorchester seines Bruders, dann Tanzmusik; durch Vermittlung des Schlagzeugers Stuff Combe, seines Mentors, erste professionelle Engagements beim Unterhaltungsorchester von Max Strittmatter, ab 1957 (und bis 1960) Schlagzeuger beim Radio-Unterhaltungsorchester Basel, später bei Max Greger und dem Jazzensemble des Bayerischen Rundfunks. Daneben zahlreiche Konzerte und Tourneen mit nationalen und internationalen Koryphäen, von George Gruntz und Franco Ambrosetti bis Barney Wilen und Chet Baker. Kurz: die Ochsentour durch die Höhen und Tiefen der damaligen Jazz- und Unterhaltungsszene. Die damals erworbene stilistische Breite und Flexibilität hört man in seinem Spiel bis heute: Er kann fast alles und, wenn er will, mit fast jedem.

Der globale Perkussionist

1966 übernahm Favre für vier Jahre bei Paiste, der weltberühmten Produzentin von Becken, Cymbals und Gongs im luzernischen Nottwil, einen Job als Workshopleiter und Mittüftler an neuen Legierungen und Werkstoffen. «Ich sah damals für mich keine grosse Entwicklungsmöglichkeit mehr als konventioneller Jazzschlagzeuger», sagte er später. Die Arbeit bei Paiste öffnete ihm die Ohren für ganz neue Erfahrungen, für die Erweiterung der Klangpalette seines Schlagzeugs. Im Labor, vor allem aber auf seinen Reisen nach Indien, Südostasien und Afrika entdeckte er die ungeheure Vielfalt von Becken, Gongs und Cymbals, aber auch von Trommeln und anderen Rhythmusinstrumenten in der aussereuropäischen Musik. Hier entwickelte er sich vom Jazzschlagzeuger zu einem globalen Perkussionisten. Dies erst machte Favre, den verspielten Tüftler, zu dem, was er heute ist: zum Melodiker, zum Klangfarbenmaler, auch zu einem grossen musikalischen Poeten. Heute spielt fast jeder Schlagzeuger mit Klängen; damals, in den 70er-Jahren, war Favre einer der ersten und wenigen, ein bis heute etwas unterschätzter Pionier. Dass es für diesen gewaltigen Entwicklungssprung auch die Begegnung mit dem Freejazz brauchte, vor allem auch die Begegnung mit der Pianistin Irène Schweizer, bestätigt Favre im Interview selber: «Der Freejazz war eine sehr wichtige Periode für mich. Er hat mir erlaubt, mich selber zu finden. Ich bin sehr glücklich, an dieser Bewegung teilgenommen zu haben. Meiner Meinung nach war das keine formale, sondern eine eher psychologische Revolution.» Nicht zufällig klingt in dieser Erklärung aber auch eine kleine Distanzierung an. Pierre Favre war nie ein typischer Freejazz-Musiker. Er war, auch wenn er zuweilen mit Musikern aus diesem Kreis gespielt hat, nie ein Zertrümmerer, ein bärbeissiger Kaputtspieler wie Peter Brötzmann & Co. Wenn schon free, dann hielt er sich lieber an Musiker wie den Saxofonisten/Klarinettisten Michel Portal, den Trompeter Manfred Schoof, den Posaunisten Albert Mangelsdorff oder eben Irène Schweizer, die Melodien nicht a priori für reaktionäres Teufelszeug hielten. Er blieb immer, wie er selber sagte, ein tonaler Musiker, ein «Dur-Moll»-Typ: «Die ständigen Dissonanzen machen mich heute müde. In den 60er-Jahren habe ich das vielleicht gebraucht. Heute empfinde ich die dauernden Dissonanzen als brav.»

Der Leisetreter

In der stillen Ablehnung des damals dominanten Brachial-Freejazz hat Favre immer konsequenter seine eigene, sanfte, poetische Art von Freejazz entwickelt. Wie nur wenige Schlagzeuger sonst demonstriert Favre konsequent, dass Intensität, Dringlichkeit und «Feuer» nichts mit Lautstärke und Verdichtung zu tun haben. Oder es zumindest auch andere, leisere, entspanntere Möglichkeiten gibt, mitreissend, leidenschaftlich und intensiv zu spielen. Favre ist, durchaus im positiven Sinn, ein Leisetreter.

Der Melodiker

Neben seiner offensichtlichen Freude an schönen Melodien und Schönklängen ist die Lust, nicht bloss dekorative, sondern gleichsam «architektonisch» stimmige Räume zu schaffen, wohl die wesentlichste Intention seiner Kompositionen für seine grösseren Ensembles, für sein «Window Steps»- und European Chamber Ensemble oder für das Arte-Quartett. Favres Kompositionen sind vor allem Projektionen seines melodischen Schlagzeug-Klangspiels auf grössere Besetzungen. Erstaunlich, von der gängigen Jazzkritik ist Pierre Favre als Komponist von Orchesterwerken nie so anerkannt worden wie als Solo-Performer und Begleiter anderer Musiker.

Wer mit Musikerinnen und Musikern redet, die viel mit Pierre Favre geprobt und gespielt haben, der bekommt durchweg zu hören, dass Favre im Gegensatz zu vielen anderen Jazzmusikern, die stundenlang über ihre Musik reden wollen und können, lieber über alles Mögliche, über Gott und die Welt redet und lacht. Die Musik kommt dann, scheinbar ohne grosses Zutun, fast ganz von allein.

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