Igor Levit, ich beginne mit einem für Sie unerträglichen Satz. Wenn jemand das sagt, schiessen Sie durch die Decke.

Igor Levit: Na los. Ich bin gespannt.

Es missfällt Ihnen angeblich, wenn jemand sagt, er müsse so viel Klavier üben, dass er für Politik keine Zeit hat.

Ja, das ist eine enge Formulierung für ein grundsätzliches Problem, das mir sehr missfällt. Ja, sogar extrem missfällt.

Weshalb?

Es ist falsch, dass ein Mensch und Staatsbürger sich mit seinem Beruf dafür entschuldigt, seinen staatsbürgerlichen Pflichten nicht nachzukommen. Das ist im besten Fall gedankliche Faulheit und im schlechtesten Fall eine ungeheure, situative Arroganz. Denn ein Mensch, der in der Lage ist, einen solchen Satz zu sagen, geniesst offenbar gewaltige persönliche Freiheiten. Ansonsten könnte er sich nicht so aus der Verantwortung stehlen. Um sich so einen Satz leisten zu können, hat dieser Mensch von der Gesellschaft unheimlich viel bekommen – um dann, wenn es ihm gerade gut geht, zu sagen: «Liebe Gesellschaft, ich zeige dir den Stinkefinger». So können wir unsere Demokratie einpacken.

Und die Kunst gleich mit?

Aber sicher. Denn welcher Kunstbegriff steckt dahinter? Ein absolut kunst- und weltfremder. Wer die Kunst benutzt, um zu sagen: Kunst ist gross und alltägliche Probleme sind klein, hat etwas Wesentliches nicht erfasst. Insofern kommt in dieser Aussage vieles zusammen. Ich gehe mittlerweile nicht mehr an die Decke. Aber ich empfinde eine Mischung aus Missfallen und einer abgrundtiefen Langeweile. Ein kraftvolles Kunstwerk ist nun mal von Menschenhand gemacht. Geschaffen. Erfunden. Erdacht. Erlebt. Wo kämen wir hin, wenn wir die Kunst vom Leben und der Gesellschaft trennten?

Wenn beides zusammengehört, was weiss dann ein Beethoven, ein Mozart, ein Schostakowitsch von unseren Problemen, von unseren politischen Herausforderungen?

Die Frage ist nicht richtig gestellt. Es geht überhaupt nicht darum, was Schostakowitsch oder Beethoven beispielsweise über Trump wissen. Oder über die AfD. Oder über Mitmenschlichkeit. So wird die eigene Verantwortung, die eigene Individualität, das eigene Leben verbal beiseitegeschoben. Beethoven hat seine Fragen gestellt. Manche dieser Fragen sind unseren heutigen Fragen sehr ähnlich. Aber wir müssen unsere eigenen Fragen stellen. Und bleiben wir bei der Musik: Sie ist nicht haptisch. Sie gehört niemandem. Niemand hat Deutungshoheit über sie. Sie ist frei. Sie ist die freieste Form von Kunst überhaupt. Sie ist irgendwo in der Luft. Sie ist in uns drin. Nein, die Frage ist nicht richtig. Wir haben unsere Empfindungen, und um diese zu erkennen, machen Menschen Kunst. Nicht um zu hören, was Beethoven zur AfD sagt.

In Zürich werden Sie Schostakowitschs grossen Zyklus «24 Präludien und Fugen» spielen. Welche Fragen stellen Sie an diese Musik?

Schauen Sie: Das inspirierendste Moment in meinem Leben war, ist und wird es immer bleiben (solange ich nicht meschugge werde): der Mensch. Das ist meine Inspiration. Ich sehe Menschen, wenn ich Musik mache. Ich bin ein menschbezogener Typ. Ich glaube an etwas Freies und Unhierarchisches bei einem Konzert. Die Intentionen des Komponisten existieren. Meine existieren. Und die Vorstellungen, Gedanken und Ideen im Publikum existieren. Sie alle stehen auf gleicher Ebene. Wenn sie sich treffen, dann entsteht Kunst. Dann erleben wir etwas miteinander.

Steht dieses Miteinander bei einem Schostakowitsch-Konzert unter besonderen Vorzeichen, weil seine fortschrittliche Musik in der Stalin-Diktatur lebensgefährlich war?

Auf Englisch würde ich antworten: Give me a break. Es ist nicht essenziell, das im Detail zu wissen. Es ist wichtiger, offen für sein eigenes Leben zu sein. Und insofern ist dieser Typ, Schostakowitsch, so besonders, weil er so wahnsinnig individuell ist. Seine Musik ist auch in den 24 Präludien und Fugen eine selbst-entblössende Tagebuchmusik. Bis dann am Ende, in der letzten Fuge, aus dem Ich ein Wir wird. Das ist ein unglaublicher Moment – das ist Wahnsinn.

Aber ist es für einen bequemen Westler überhaupt vorstellbar, dieses Wir von Schostakowitsch zu erfassen? Er hat jahrelang mit einem Koffer neben seinem Bett geschlafen.

Ich habe nie so gelebt – wenn Sie mir diese Frage stellen, müsste ich ehrlicherweise sagen: nein. Aber was heisst das? Ich bin heilfroh, dass wir in anderen Zeiten leben. Soll man sein Gewissen plagen, weil man kein leidvolles Leben lebt? Das kann es nicht sein. Wir müssen einfach emphatisch sein. Wir müssen verständnisvoll sein. Wir haben ein unglaublich privilegiertes Leben. Zu uns kommen gerade Millionen von Menschen, die überhaupt kein Leben mehr hatten. Ihnen wurde alles genommen. Auch durch die Verantwortung von Politikern, die westliche Werte predigen. Jetzt sind diese Menschen da. Wir sollten nun das geben, was die Menschheit ausmacht: nämlich anderen Menschen helfen. Sich selber verletzbar machen.

Sie kümmern sich um einen Flüchtlingsjungen, waren auch bei der Auflösung des Flüchtlingscamps in Idomeni zugegen. Ihnen ist persönliches Engagement wichtig?

Ja, das war schon immer so. Das ist der Kern von allem. Ich bin ein Mensch und Staatsbürger, der zum Pianisten wurde. Ich bin nicht Pianist, der gerade mal ein bisschen seine Menschlichkeit entdeckt.

Hat das auch mit Ihrer Biografie zu tun? Sie sind selber quasi ein Kontingentsflüchtling, Ihre Familie kam 1995 von Nischni Nowgorod nach Hannover. Da waren Sie acht.

Das weiss ich nicht. Diese Gedanken mache ich mir nicht. Mein Engagement hat nicht damit angefangen, dass ich mir gedacht habe: Ich bin ja auch ein Einwanderer-Kind! Es spielt sicher eine Rolle, aber es beschäftigt mich nicht näher.

Wie haben Sie zur Musik gefunden?

Ich bin zum Klavier gekrabbelt und habe angefangen zu spielen. Die Musik war immer schon da. Meine Mutter hat gespielt. Meine Schwester hat gespielt. So einfach war das. Und ich habe bis heute nicht aufgehört damit. Mehr habe ich dazu auch nicht zu sagen.

Ihre Karriere verdanken Sie einem Vulkan.

Ich bin als 23-Jähriger im Rahmen einer Austauschreise für junge Pianisten nach China geflogen und etwas früher angereist, um mir Peking anzusehen. Als ich gelandet bin, kam eine Stunde später die Meldung, dass in Island ein Vulkan ausgebrochen und der Luftraum gesperrt ist. So habe ich die «FAZ»-Musikkritikerin Eleonore Büning kennen gelernt, die dann einen grossartigen Artikel über mich geschrieben hat. In Kurzform: der Vulkan ist hochgegangen und ich war dann zur Stelle.

Bünings Lobeshymne können Sie sich ein Leben lang übers Bett hängen. Waren Sie jemals gefährdet, durch den Applaus und durch den Rummel überzuschnappen?

Nein. Gar nicht.

Aber Sie lesen die Rezensionen.

Ich kriege einiges mit. Aber ich bin, was das angeht, ein mittlerweile entspannter Kerl.

Die «Zeit»-Journalistin Christine Lemke-Matwey schreibt über Ihre politischen Äusserungen kritisch: «Die Verneinung alles selbstverständlich zu Verneinenden (Krieg, Gewalt, Faschismus) wirkt rasch wohlfeil. Und betulich. Und nervt.»

Mein Gott. Nein. Das ist ... Nee, das kommentiere ich nicht.

Das prallt an Ihnen ab?

Aber mit Vollgeschwindigkeit.

Sie hören auch Rap oder Hip-Hop. Ist das für einen klassischen Musiker erstaunlich?

Überhaupt nicht. Alle predigen immer: Musik ist universell. Ich versuche, das zu leben. Von klein auf. Wenn wir damit nicht anfangen, sind das nur Starkworte.

Was unterscheidet dann einen Popmusiker von einem klassischen?

Sie scherzen wohl. Das kann ich auf gar keinen Fall beantworten. Jede Antwort wird doof und eng sein.

Bei Pop-Musikern hat man doch immer das Gefühl, dass sie das Hotelzimmer zerstören. Bei Klassikern meint man, sie gehen vorher noch feucht drüber. Bei Ihnen kommt glücklicherweise beides zusammen: das Rauschhafte und die Disziplin.

Danke für die Blumen, aber das ist mir zu pauschal. Mich interessiert original einfach alles, solange es mir meine Zeit und meine Kraft erlauben.