Royal Garden Hotel, London, es regnet und stürmt. Der 65-jährige Weltstar, der im Herbst eine schwere Rückenoperation hatte, geht am Stock, das rechte Bein steckt in einer Schiene. Er ist hier, um über sein grosses Comeback und das Wiederveröffentlichungsprojekt seiner acht Solo-Alben zu sprechen. Zu privaten Dingen, so hiess es vorher, möchte er nicht befragt werden. Nun denn, es kommt anders.

Vor fünf Jahren haben Sie sich zur Ruhe gesetzt. Was hat Sie zu Ihrem Comeback bewogen?

Phil Collins: Die Zeit ist reif, wiederentdeckt zu werden. Jetzt ist der richtige Moment für alle diese Leute, jüngere Leute zumeist, die in irgendeinem Zusammenhang von diesem Typen namens Phil Collins gehört haben, mal zu sehen, was er eigentlich so getrieben hat. Und ich denke, für alle, die mich schon kennen, war ich lange genug verschwunden, um sagen zu können «Okay, hören wir uns diesen Kerl doch mal wieder an. Vielleicht haben wir uns ja getäuscht, als wir dachten, seine Musik sei Mist.»

Sie sind immer so kritisch mit sich selbst.

(lacht) Im Verlauf meiner Karriere hatte ich immer wieder mit zum Teil hasserfüllter Ablehnung zu kämpfen, eine lautstarke Minderheit hat sich bisweilen verächtlich über mein Schaffen geäussert, teilweise wurde das sogar richtig persönlich. Was mir zu schaffen gemacht hat, das können Sie sich ja sicher denken. Aber das ist keine Trotzreaktion mit diesen Re-Issues, kein «Das-letzte-Wort-haben».

Junge Künstler wie Lorde, Kanye West oder Pharrell Williams finden Sie doch cool. Wem müssen Sie was beweisen?

Sie können sich kaum vorstellen, wie gut das tut. Soviel Zuspruch wie in den letzten Jahren hatte ich sonst nie. Wenn ein paar Kids, die sonst Kanye oder Beyoncé hören, durch ihre Stars auf mich und meine Musik aufmerksam werden, ist das doch super.

Sind Sie ein wahrer Phil Collins Groupie?

Beweisen Sie, dass niemand Phil Collins besser kennt als Sie!

Wann wurde Phil Collins geboren?

13. Februar 1950

30. Januar 1951

4. Februar 1948

Wo wurde er geboren?

Chiswick, London

Llandindrod Wells

Birmingham

Welcher Band verhalf er zum Erfolg?

Nirvana

Pink Floyd

Genesis

Wann trat er Genesis bei?

1968

1970

1972

Welche Funktion hat er bei Genesis inne?

Schlagzeug und Gesang

Gitarre und Bass

Backround-Sänger und Keyboarder

Neben seiner Mitgliedschaft bei Genesis wurde er auch als ... bekannt.

Zeichentrick-Cartoonist

Gemälde-Fälscher

Solokünstler

Wieviele goldene Schallplatten erhielt Collins bisher?

76

278

4

Welchen Platz nimmt Phil Collins auf der Billboard Hot 100 All-Time Top Artists-Liste ein?

4

22

35

Bei welcher Britischen Jazz-Rock-Gruppe war Phil Collins Mitglied?

Soft Machine

Brand X

Weather Report

Wo lebt Phil Collins heute?

Noch immer in Chiswick

Im sonnigen Miami

Im beschaulichen Schweizer Dörfchen Féchy (VD)

Phil who?

Genesis ist für Sie nicht mehr als ein Buch des Alten Testaments, und Phil Collins ist Ihnen nicht nur egal, Sie hatten bis heute keine Ahnung, wer er überhaupt ist. Ihre Musik-bewanderten Freunde müssen Sie regelmässig korrigieren, wenn Sie Phil Collins wieder einmal mit Philipp Morris oder Colin Farrell verwechseln - wenigstens wissen Sie jetzt, dass Collins Gitarrist ... äh, Schlagzeuger ist.

Ein halbherziger Fan

Die Band Genesis ist Ihnen ein Begriff, aber wenn dieser Tage der freundliche Kopf von Phil Collins in der Zeitung erschien, haben Sie unbehelligt weitergeblättert. Sowieso hören Sie selten Musik, und wenn, dann eher etwas Klassisches - denn für jeden Normalbürger, der vor 1990 zur Welt kam, ist Phil Collins so etwas wie eine Ikone.

Collins-Maniac

Phil Collins ist Ihr zweiter (und dritter) Vorname. Sie haben sich auf zig Konzerten VIP-Pässe erschrieen, wilde Parties im Genesis-Tourbus gefeiert und unzählige durchzechte Nächte mit Phil Collins erlebt. Collins' Musik ist für Sie keine Unterhaltung, sondern Religion und Lebensinhalt.

Das Quiz: Wie gut kennen Sie Phil Collins?

Warum haben Sie bei allen Wiederveröffentlichungs-CDs jeweils noch Live-Aufnahmen der Songs sowie einige Demoversionen hinzugefügt?

Wenn schon, denn schon. Die Demos zeigen, wie die Songs entstanden sind, die Live-Aufnahmen zeigen, was aus ihnen geworden ist. «Both Sides» habe ich ganz alleine aufgenommen, diese Stücke bekamen mit der Band ein ganz neues Leben eingehaucht.

Sie wollen zeigen, wie sich die Songs über die Jahre entwickelt haben. Wie hat sich Phil Collins über die Jahre verändert?

Deshalb hab ich die Albumcover-Fotos in denselben Posen noch einmal exakt genauso aufnehmen lassen. Das Älterwerden macht mir nichts aus, ich mag mich als älteren Mann ganz gerne. Im Kern habe ich mich nicht verändert, ich halte mich allerdings in manchen Aspekten für klüger als früher.

In welchen?

Lebenserfahrung ist die gute Begleiterscheinung des Alterns. Ich versuche das, was ich gelernt habe, was ich weiss, weiterzugeben an meine Kinder. Ich erinnere mich, wie mein Vater mir einst sagte «Jetzt lachst du mich aus für meine Ratschläge. Aber wenn ich mal nicht mehr bin, dann wirst du dich daran zurückerinnern.»

Das Verhältnis zu ihren jungen Söhnen Nicholas (14) und Matthew (11) ist sehr eng, oder?

Ja. Jeden Abend liege ich mit Matthew auf dem Bett, bevor er schlafen geht, und wir unterhalten uns ein bisschen. Ich liebe diese Zeit, nur er und ich. Und er muss keine Sorge haben, dass sein älterer Bruder die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ach, ich will nicht immer so viel über meine Familie erzählen, aber irgendwie mache ich es dann doch. Wir wohnen ja auch wieder zusammen, in Miami.

Sie sind nach Miami gezogen, wo seit ihrer Trennung 2008 ihre Ex-Frau Orianne mit den beiden Söhnen lebt. Jetzt wohnen Sie im früheren Haus von Jennifer Lopez. Wann sind Sie umgezogen?

Im Juni 2015 habe ich das Haus gekauft. Im August sind wir eingezogen. Ich bin ja wieder mit Orianne zusammen.

Oh. Wie schön. Das wusste ich nicht.

Ja. Wir sind wieder ein Paar. Das weiss irgendwie noch gar keiner. Ich muss Sie also jetzt leider erschiessen (lacht).

Soll ich das für mich behalten?

Ach, nö, ist schon in Ordnung. Wir leben ja bereits seit sechs Monaten wieder zusammen, es ist kein wirkliches Geheimnis. Ich habe es nur nicht der Öffentlichkeit erzählt.

Was ist passiert?

Wir stellten fest, dass unsere Scheidung eine dumme Idee war. Orianne und ich, wir hätten uns einfach nicht scheiden lassen sollen. Orianne hatte ja wieder geheiratet, und doch hielten wir immer ein wirklich grossartiges Verhältnis zueinander aufrecht. Tja, sie hat mich vermisst, ich habe sie vermisst, die Kids sind eh überglücklich, so war das.

Schon vor fünf Jahren meinten Sie, Sie würden Orianne nach wie vor lieben...

Da sehen Sie mal...Die menschliche Natur ist ein Rätsel. Wir hatten auch unschöne Zeiten, man trennt sich nicht einfach so, es gab gegenseitige Vorwürfe und all den üblichen dummen Kram. Aber das meinte ich damit, im Alter klüger zu werden: Wir haben eingesehen, dass wir einen Fehler gemacht haben, und wir sind uns einig, dass wir diesen Fehler korrigieren wollen.

Sie sind immer Freunde geblieben?

Naja, immer nicht. Am Anfang war es nicht so nett zwischen uns, das kann man sich ja vorstellen. Wir wurden erst dann wieder richtig gute Freunde, nachdem all der miese Scheidungsstaub sich gelegt hatte.

Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Sie wieder zusammengebracht hat? Ein romantisches Abendessen oder so?

Nein, das geschah nach und nach.

Kann man sagen, dass Nicholas und Matthew dafür verantwortlich sind, dass ihre Eltern wieder ein Paar sind?

Womöglich. Bei mir war es ja so, dass ich die Jungs irrsinnig vermisst hatte, ich wollte unbedingt wieder bei ihnen sein, ich hatte schon so viel verpasst. Also setzte ich mich zur Ruhe, und wenig später zogen sie nach Miami. Das war schrecklich hart. Sie waren nicht mehr zehn Minuten von mir entfernt, sondern zehn Stunden. Das war die Zeit, in der ich anfing, ein bisschen zu viel zu trinken.

Eine Scheisszeit muss das gewesen sein. Plötzlich sassen Sie dort, einsam und zurückgelassen in der Schweiz.

Ja, das stimmt. Ich hatte so viel Zeit zum Nachdenken, und es waren, naja, keine angenehmen Gedanken. Wenn du zum dritten Mal eine Scheidung erlebst, dann fängst du dich an zu fragen, ob es nicht wirklich an dir liegt. Ob irgendetwas mit dir nicht stimmt, dass diese Art von Handlung hervorruft.

Sie haben sich selbst pensioniert, die Familie war weg, Sie gammelten nur noch in den Tag hinein?

Anfangs war ich froh, mich zur Ruhe gesetzt zu haben. Ich fand wirklich, dass ich mir eine ausgiebige Pause verdient hatte. Aber dann kam die Traurigkeit über das, was passiert war, und dann fiel ich in ein grosses Loch. Ich bin nicht der gesellige Typ, ich gehe nicht gerne in die Kneipe. Also hockte ich vor dem Fernseher. Plötzlich trinkst du dann deutlich zu viel.

Sind Sie einigermassen leicht wieder vom Alkohol losgekommen?

Leicht war es anfangs nicht, weil ich keinen Grund sah, damit aufzuhören. Aber dann kam heraus, dass ich dabei war, mich mit dem Saufen umzubringen. Mein Arzt in New York sagte mir, ich hätte es fast nicht geschafft, weil sich meine Organe abzuschalten begannen. Ich trank auch harte Sachen, wissen Sie. Das gefällt dem Körper leider überhaupt nicht. Aber gut jetzt, Schluss mit der Heulerei.

Ihr Leben hat sich deutlich zum Besseren gedreht: Sie sind wieder mit ihrer Familie vereint – und auch mit ihrer Musik.

Ich könnte kaum glücklicher sein. Ich kann nicht adäquat beschreiben, wie herrlich es ist, wenn die Kinder von der Schule kommen, und du bist zuhause. Nick ist jetzt 14, ist auch Schlagzeuger und hat eine Band. Ich habe ihm ein kleines Studio eingerichtet, direkt neben seinem Schlafzimmer, und da probt er jetzt immer mit seiner Band.

Was machen die Jungs für Musik?

Die schreiben ihre eigenen Songs und spielen schon kleine Konzerte in Miami und Umgebung. Nach den Interviews fliege ich nach Hause, wo eine Geburtstagsparty für mich stattfindet.

Sind Sie wieder verheiratet?

Nein, wir sind nicht verheiratet. Ich glaube auch nicht, dass wir wieder heiraten werden. Aber ich sage trotzdem immer «meine Frau». Jedenfalls, sie zwingt mich zu dieser Party, und die Jungs werden live spielen.

Ist Matthew auch so musikbegeistert?

Matt liebt Musik, aber noch mehr liebt er Fussball. Er ist sich sicher, dass er Fussballprofi wird.

Wie gefällt ihnen Miami, mit der Hitze und so?

Och, im Sommer wird es echt zu heiss. Gerade jetzt ist es etwas frischer, aber immer noch warm, das mag ich. Ich muss zugeben, dass es echt nett ist, draussen zu sitzen und sich die Sonne auf die Glatze scheinen zu lassen. Ich habe das früher nie gemacht. Also, Miami ist nicht mein Lieblingsort auf der ganzen Welt. Selbst Nicholas ist es zu sonnig. Er mochte das Wetter in der Schweiz lieber. Wussten Sie übrigens, dass Barry Gibb von den Bee Gees direkt nebenan wohnt?

Ach was. Dann können Sie ja mal Musik zusammen machen.

Absolut. Seine Frau kam an Neujahr vorbei und hat ein paar Kekse gebracht und sich vorgestellt. Ich wohne schon seit sechs Monaten dort und hatte die Gibbs noch nie getroffen. Ich gab ihr meine Nummer und meinte, Barry könne sich ja mal melden. Wenig später rief er tatsächlich an und war total nett. Also, wer weiss. Es würde perfekt Sinn ergeben für uns, ein gemeinsames Album zu machen.

Sie können so viel jetzt machen, wo der Ruhestand vorbei ist: Solo-Album, Solo-Tour, Album mit Barry Gibb, vielleicht sogar ein Comeback mit Genesis...

Langsam, langsam. Warte mal (lacht).

Nun gut, aber Sie sind ja wieder im Spiel.

Richtig, richtig. Ich will allerdings auch nicht auf einen Schlag zu viel anfangen, mir zu viel aufhalsen. Ich muss erst Mal wieder reinkommen. Aber die Möglichkeiten sind wieder vorhanden, da gebe ich ihnen Recht. Vor drei oder vier Jahren hätte ich sicher geantwortet «Ich mache gar nichts mehr». Jetzt im Moment denke ich über die Projekte nach, die ich angehen könnte. Ich sage aber noch immer nicht «Ja, dieses oder das mache ich auf alle Fälle.»

Was lässt Sie zögern?

Ich will nicht mehr so lange am Stück von zu Hause weg sein. Wobei Tourneen heute auch anders organisiert werden können als früher. Du kannst zwei Wochen spielen, und zwei Wochen pausieren. Oder du machst es so wie Billy Joel und spielst einmal im Monat im Madison Square Garden. Und klar, die Kids drängeln mich. Die wollen, dass ich rausgehe und spiele. Sie wollen ausserdem, dass ich endlich mal wieder ein paar neue Songs aufnehme. Weil sie verdammt stolz auf ihren Vater sind. Sie können es kaum erwarten, dass ich live auftrete, damit sie das sehen und alle ihre Freunde mitbringen können. Allein deshalb lohnt es sich, wieder Konzerte zu spielen.

Ihr Sohn Simon ist Musiker, ihre Tochter Lily eine inzwischen weltbekannte Schauspielerin. Würde es Sie freuen, wenn auch die beiden Jüngsten ins Unterhaltungsgeschäft drängen?

Ich glaube, das lässt sich kaum noch aufhalten oder vermeiden. Nicholas ist ein wirklich toller Drummer. Er hat Sachen drauf, die sind für einen 14-Jährigen unglaublich.

Das wäre doch die Lösung für Genesis. Sie sagen ja, wegen ihres Nervenleidens können Sie kein Schlagzeug mehr spielen. Wenn aber Nicholas am Schlagzeug sitzt, können Sie sich aufs Singen konzentrieren.

Oh, dann würde Simon aber nie wieder ein Wort mit mir sprechen, wenn ich statt ihm den jüngeren Bruder nehme (lacht). Das muss ich sehr diplomatisch regeln.

Wird das mit dem Rücken wieder was?

Ja, es wird. Wenn ich lange stehe, tut er noch weh. Die Operation im September war eine ziemlich ernste Sache. Ich habe den ganzen Rücken voller Schrauben. Da war echt alles krass verbogen, Nerven wurden eingeklemmt, ich hatte schon länger dieses Taubheitsgefühl in der rechten Seite, also der Körper hat durch das ganze Schlagzeugspielen schon echt viel mitgemacht. Aber ich habe das Glück, dass einer der führenden Rückenchirurgen in Miami lebt, mich behandelt und inzwischen ein toller Freund von mir geworden ist. Orianne geht auch zu ihm. Sie hatte es ja auch krass erwischt, war Weihnachten 2014 plötzlich am ganzen Körper gelähmt nach einer Operation in der Schweiz, die schiefgelaufen ist. Sie hat sich aber wundervoll erholt und will in diesem Jahr aufs Matterhorn klettern. Dafür trainiert sie gerade.

Klettern Sie mit aufs Matterhorn?

Nein! Ich setze mich lieber ins Café und schaue mir den Gipfel gemütlich von unten an (lacht).

Sie schreiben auch an einer Autobiografie. Wie geht diese Arbeit voran?

Das ist eine Sache, über die ich hier besser noch nichts erzähle, darum hat mich mein Verleger gebeten. Ich mache die Autobiografie mit jemandem zusammen, der mich quasi interviewt. Er spricht mich auf bestimmte Ereignisse oder Jahre an, und ich erzähle.

Was fällt ihnen auf, wenn Sie aus ihrem Leben erzählen?

Wie unfassbar fleissig ich früher war. Eine Show nach der anderen, Genesis, ich solo, immer war irgendwas. Anfang, Mitte der Achtziger habe ich so gut wie jedes Jahr ein Album rausgebracht, das war schon Wahnsinn. Aber damals fühlte sich das gar nicht wie harte Arbeit an, ich hatte halt diesen Lauf und habe das auch genossen. 

Phil Collins - In The Air Tonight

Phil Collins Welthit: In The Air Tonight