Sie waren einer der besten Freunde von Udo Jürgens. Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?

Pepe Lienhard: Am Abend vor seinem Tod. Wir gingen zusammen Essen.

Hat er auf der Tour irgendwelche Anzeichen von Schwäche gezeigt?

Nein, nie. Für einen 80-jährigen Mann war er topfit, hatte aber Respekt vor den grossen Hallen. Je grösser die Halle, desto anstrengender ist es. Eine 12000er-Halle saugt dich auf, braucht deine ganze Energie. Das ist etwas ganz anderes als eine 1000er-Halle. Aber es lief auf Tournee je länger je besser. Nach dem zehnten Konzert konnte er seine Auftritte immer mehr geniessen. Er konnte es selbst kaum glauben, dass auf Tour alles so problemlos ablief. Auch seine Stimme war bis zuletzt makellos. Kein Kratzer, nichts und überhaupt nicht zittrig oder tattrig. Unglaublich, was dieser Mann geleistet hatte und zu leisten im Stande war.

Sein Tod kam überraschend?

Für alle völlig unerwartet. Wenn jemand krank ist oder im Alter merklich abbaut, dann kann man sich mit dem Gedanken befassen, dass diese Person mal nicht mehr da ist. Aber nicht bei Udo, er war noch voll da. «Mitten im Leben» hiess sein aktuelles Programm und es war nicht übertrieben.

Wann war sein letztes Konzert?

Am 7. Dezember im Zürcher Hallenstadion. Das verrückte ist: Es wurde alles aufgezeichnet für eine Fernsehsendung und ein Album. Es ist wahnsinnig…wenn wir das gewusst hätten: Udos letzte Töne, sein absoluter letzter Ton ist aufgenommen worden.

Wann wird das Konzert am Fernsehen ausgestrahlt?

Geplant war es für die Zeit nach dem zweiten Teil der Tournee, die im Februar hätte starten sollen. Jetzt wird die Sendung möglicherweise vorgezogen.

Udo Jürgens war auf einem Spaziergang in Gottlieben (TG). War er allein?

Nein, sein Fahrer und Freund Billy Kudjoe Todzo (63) war dabei. Er ist der Perkussionist, der bei mir seit Jahren in der Band spielt. Udos Lebenspartnerin Corinna war auch in der Nähe. Die beiden lebten dort am Bodensee während des Umbaus seines Hauses in Meilen. Udo erlitt plötzlich und völlig unvorbereitet einen Schwächeanfall, musste sich bei seinem Auto aufstützen, Billy konnte ihn gerade noch auffangen und die Ambulanz rufen. Sie kam sofort und versuchte ihn wiederzubeleben.

Wie geht es jetzt weiter?

Der zweite Teil der Jubiläumstour, rund zwanzig Konzerte, war auch schon ausverkauft. Wir gehen natürlich alle unseren anderen Beschäftigungen nach. Was das für die Band heisst, kann ich nicht sagen, das ist noch viel zu früh.

Was war noch geplant?

Er wollte sein grosses Werk «Die Krone der Schöpfung» wieder aufführen. Diese sinfonische Trilogie, die er 1999 mit den Berliner Philharmonikern aufnahm. Eine neue Tour war noch nicht geplant, aber die laufende Tour war alles andere als eine Abschiedstour. Wir wollten einfach weiter machen.

Hätte Udo Jürgens sich mehr schonen müssen?

Die Tour war seinem Alter angepasst. Es sah vielleicht heavy aus, aber wir haben nie mehr als zwei Konzerte nacheinander gegeben. Wir hatten zwischen den Konzerten so viele freie Tage wie noch nie. Die Regel war: ein Konzert, ein Tag frei. Zwei Konzerte, zwei Tage frei. Er konnte heimgehen, relaxen, sich ausruhen und neue Kraft tanken. Früher hatten wir neun Konzerte hintereinander und dann erst einen Tag frei. Das hätten wir mit einem 80-Jährigen nicht mehr machen können. Es war auch sein ausdrücklicher Wunsch, dass er genügend Luft kriegt und Zeit zur Regeneration. Diesem Wunsch haben wir natürlich Rechnung getragen. Es ist also nicht so, dass er vom Management um die Welt gehetzt wurde. Da war gar kein Druck. Ein allfälliger Vorwurf «böses Management, armer Udo» würde in keiner Weise zutreffen.

Aber es gibt Leute, die permanente Anspannung und Stress brauchen und gar nicht bremsen können.

So war Udo nicht. Er hat für seine Musik gelebt, sie war sein Leben. Das schon. Aber er hat keinen Raubbau an sich selbst betrieben und sich nicht für seine Musik geopfert. Früher hatte er in den Pausen noch VIPs empfangen oder Interviews gegeben. Das gab es schon lange nicht mehr. Alles, was neben den Konzerten Energie brauchte, wurde gestrichen. Udo war völlig abgeschottet.

Hatten Sie mit Freddy Burger, Udos Manager und Freund, Kontakt?

Ja, wir sind am Sonntag sofort zu Udo ins Spital nach Münsterlingen gerast. Für mich und meine Frau Christine war es von Frauenfeld aus sehr nahe. Freddy hat seine Ferien abgebrochen. Wir konnten zunächst nicht zu ihm, denn zu dritt hatten die Ärzte noch versucht, Udo wieder zu beleben. Wir hofften, wussten aber, dass es schlecht aussah. Nach zwei Stunden gaben die Ärzte auf und mussten einsehen, dass es einfach vorbei ist. Wir konnten dann zu ihm ans Bett und sind noch ein paar Stunden an seiner Seite geblieben. Es war emotional sehr bewegend.

Udo Jürgens wurde am 21. Dezember um 16.25 Uhr für tot erklärt. Um 18.01 meldete die Schweizerische Depeschenagentur seinen Tod. Das ist sehr schnell.

Ja, in Gottlieben sahen Passanten ihn umfallen. Sie beobachteten, wie die Ambulanz kam. Deshalb wollte man Spekulationen vorbeugen und schnell und professionell kommunizieren. Zuerst wurden die Familie und nahe Freunde informiert. Viele kamen sofort, um Udo die letzte Ehre zu erweisen. Die Familie muss jetzt entscheiden, in welchem Rahmen endgültig von Udo Abschied genommen wird.

Welche Bedeutung hatte Udo Jürgens künstlerisch?

Udo Jürgens hat sich vom deutschen Schlagersänger zu einem ganz grossen deutschen Chansonier entwickelt. Das Niveau seiner Lieder ist im Laufe der Jahre immer besser geworden. Er hat immer vorausgeschaut und war nicht einer, der sein bekanntes, immer gleiches Programm abgespult hat, sondern bis zuletzt an sich und seiner Musik gearbeitet hat. Seine wachsende Weisheit hat er im Alter in die Musik integriert und ist dabei auch inhaltlich topaktuell geblieben, wie zum Beispiel sein Lied «Der gläserne Mensch» beweist. Udo war auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Es war die bestverkaufte, erfolgreichste Tour in seiner ganzen Karriere.

Wie war er auf der Bühne?

Er war ein Bühnentier, das um jeden Zuschauer kämpfte. Auch wenn es zuerst nicht so lief, am Schluss schaffte er es immer, dass die Leute auf den Stühlen standen. Ich habe es nie anders erlebt. Dabei kennzeichnete ihn eine eiserne Disziplin. In all den Jahren, 37 Jahre lang, haben wir die Konzerte stets auf die Minute genau begonnen. Er hat das Publikum ernst genommen, war ein sehr gut erzogener Mensch und hat das auch auf der Bühne so gelebt. Ein richtiger Gentleman und Perfektionist. Auch nach 150 Konzerten suchte er beim Soundcheck stets den optimalsten Klang.

Was ist der Unterschied zu Helene Fischer?

Helene Fischer ist eine fantastische Sängerin, eine gute Tänzerin, Performerin und sieht erst noch toll aus. Vorbildlich und professionell. Ihr Erfolg kommt nicht von ungefähr. Aber Udo singt seine eigenen Lieder, er ist mehr als ein Interpret. Ein Künstler mit einer aufsteigenden Kurve bis zu seinem Tod. Das ist absolut einmalig. Ein Monument wie Frank Sinatra. Im deutschsprachigen Raum hatte Udo für sich eine eigene Liga geschaffen.

Fans trauern vor dem Haus von Udo Jürgens

Fans trauern vor dem Haus von Udo Jürgens