Als er noch bei dieser fabelhaften Band namens The Beatles spielte, war die Sache für Paul McCartney klar. Für das Vierohrenprinzip beim Songwriting war John Lennon, sein kongenialer Sparringpartner, zuständig. Der nahm nie ein Blatt vor den Mund. Je länger sie zusammenarbeiteten, desto häufiger beklagte er sich über McCartneys gefällige «Oma-Liedchen».

Seit der Trennung der Beatles fehlt McCartney diese fadengerade Qualitätskontrolle. Immer wieder versuchte er, Lennon zu ersetzen, sei es mit dem jüngeren Songwritertalent Elvis Costello oder mit DJs – doch diese Kollaborationen erwiesen sich kaum als nachhaltig. Für sein neustes Soloalbum «New» engagierte McCartney nun zum gleichen Zweck gleich vier Produzenten, die alle seine Söhne sein könnten. Nachdem er sich auf dem Vorgänger altersgerecht als jazziger Balladensänger präsentiert hatte, suchte McCartney diesmal wieder den modernen Sound.

(Quelle: YouTube/PaulMcCartney)

Paul McCartney: New

So lobenswert dieser Kampf gegen den künstlerischen Stillstand auch ist, so durchzogen fällt das Resultat aus. Melodiösen, von sanfter Nostalgie durchwehten Pop-Kunststücken wie «On My Way To Work» stehen Ausrutscher wie das im Neo-Stadion-Folk-Stil dümpelnde «Everybody Out There» gegenüber. Die nackte Emotionalität eines John Lennon hat «Macca» schon immer gefehlt – er ist dafür der unverwüstliche Melodienlieferant, mal fröhlich, mal sentimental, und oft ziemlich distanziert.

An dieser Ausgangslage vermochte auch das neue Produzententeam nichts zu ändern. Während Amy-Winehouse-Förderer Mark Ronson und Giles Martin, der Sohn des Beatles-Produzenten George Martin, einige von McCartneys schwächeren Melodien mit allerlei modernen Sounds aufbrezelten, setzte die andere Hälfte ganz auf Reduktion.

Paul Epworth, der mit Adele grosse Erfolge feiert, und vor allem Ethan Johns, dessen Vater Glyn auch schon mit den Beatles gearbeitet hatte, stellen McCartneys Stimme in den Vordergrund – wobei diese älter und zerbrechlicher klingt als auch schon. Sie werden ihrem Kunden, dessen popkultureller Status längst surreale Dimensionen angenommen hat, besser gerecht. Und sie unterstützen Paul McCartney dann, wenn er einige seiner bisher persönlichsten Textzeilen singt und – wie in einer John Lennon gewidmeten Jugenderinnerung namens «Early Days» – antönt, was für Wunden es sind, die er hinter seinen makellosen Melodien verbirgt.

«Queenie Eye» und «Hosanna» sind zwei weitere Highlights des Albums, die auf Reduktion bauen und mit zum Besten gehören, was McCartney in seinen Solojahren geschaffen hat.

Die Gunst des Moments

Auch wenn «New» unter dem Strich nicht mehr ist als die neuste Folge einer langen Reihe von Macca-Solo-Alben, staunt man doch über den ungebremsten Schaffensdrang des 71-Jährigen. Omnipräsent ist auch der wiedergewonnene Optimismus, der McCartney seit der Hochzeit mit seiner dritten Frau Nancy Shevell antreibt.

Ein Rückzug von der Pop-Bühne steht jedenfalls nicht auf dem Programm. Er tauche immer noch gerne «im schwarzen Loch der Musik», meint McCartney in seinen Liner Notes zum Album. Nach wie vor hofft er auch auf die Gunst des Moments. «Wir arbeiten nicht an der Musik», schreibt er an die Adresse seiner Fans, «wir spielen sie.» (NCH)

Paul McCartney «New», MPL/Universal