Klassik

Oper für Babys: «Diese Zuschauergruppe wird ernst genommen»

Die Regisseurin Anja Michaelis und der Komponist Christian Zehnder. Nicole Nars-Zimmer

Die Regisseurin Anja Michaelis und der Komponist Christian Zehnder. Nicole Nars-Zimmer

Die Regisseurin Ania Michaelis und der musikalische Leiter Christian Zehnder erzählen im Interview mit der bz, wie sie ihre erste Oper für Babys kreierten.

Erinnern Sie sich an Ihre eigene erste Begegnung mit Musik?

Christian Zehnder: Ich erinnere mich an einen Bauernhof, wie ich die Kühe und Schweine nachgemacht habe – das war eher eine Lautsphäre. Das erste musikalische Erlebnis war Jim Knopf als Oper.
Ania Michaelis: Bei mir ist es auch der Klang einer dörflichen Atmosphäre, und dann erinnere ich mich ziemlich bald an die Kirchenmusik, an die Orgel.

Haben Sie aus diesen Erinnerungen heraus entschieden, es bräuchte einmal eine künstlerisch inszenierte Klangerfahrung für Babys?

Zehnder: Nein, wir haben dieses Projekt im Auftrag des Theater Basels erstellt. Ich war anfangs sogar eher skeptisch. Aber mich interessiert das Wagnis.
Michaelis: Ich hatte schon für Zweijährige inszeniert und war anfangs auch etwas erstaunt über die Anfrage des Theaters Basel, Musiktheater für Babys zu inszenieren. Aber tatsächlich war es eine interessante, tolle Herausforderung.

Kannten Sie bereits andere Konzertprojekte für Babys?

Michaelis: In Deutschland gibt es recht häufig Konzerte für Babys; sie sind aber oft nicht so sorgfältig vorbereitet. Es werden Stücke aus dem Repertoire ausgewählt, zwei Tage geprobt, dann aufgeführt. Hier bei «Murmeli» wurde ein richtiger Aufwand betrieben, ein Konzept erstellt – diese sehr junge Zuschauergruppe wird genauso ernst genommen wie eine Erwachsenengruppe. Das finde ich toll.

Wie sind Sie vorgegangen bei der Konzeption der Musik und der Handlung?

Zehnder: Wir standen im leeren Raum und haben mit einer These, mit einer Bewegung, mit einem Klang angefangen. Das hat sich dann ganz langsam entwickelt. Wie wenn man in eine neue Welt geworfen wird: Wir sind jetzt die Murmelis auf diesen Flussinseln, untersuchen die Dinge, die uns umgeben – und wie klingen eigentlich die Steine, das Gras, das Wasser?

In Ihrer Musik ist viel Klang – aber es gibt kein einziges Wort darin. Warum singen die Opernsängerinnen und Sänger keine Kinderlieder?

Zehnder: Der Klang entwickelt sich stets über Zustände: Das Erwachen nach einem langen Winterschlaf, Morgenstimmung, die Murmelis kommen aus ihrem Bau und schauen sich um, erblicken Blumen, Wiesengräser, entdecken ihr eigenes Wesen, ihren eigenen Klang, und den Klang der Dinge. Und sie beginnen, mit den Steinen zu spielen, ein Steinmännli zu bauen – das ist die archaischste Form der Architektur. Sie tun all das gemeinsam. Der Gesang dazu ist Kommunikation im vorsprachlichen Bereich, in dem sich die Babys auch befinden. Sie haben noch keine Wortsprache.

Wie konnten Sie sich selbst beim Komponieren von der Sprache lösen?

Zehnder: Mein Leben als Stimmperformer und Sänger hat nichts mit Sprache zu tun. Ich habe mich der Sprache entsagt, für mich ist das schon Alltag – und ich staune immer wieder, dass das für andere schwer ist, oder ungewohnt. Aber ich finde gerade das interessant: Wenn man die Sprache im Gesang nicht benutzt, dann beginnt man zu evozieren, denkt darüber nach, was es bedeuten könnte. Und das entspricht auch den Kindern, dass sie mehr und mehr Zusammenhänge mit Klängen verbinden.
Michaelis: Ich habe mich mit Hebammen unterhalten, welchen Klang die Neugeborenen als erstes selbst produzieren. Und das ist ein Geräusch voller Atem.

Hatten Sie vorher Sorge, dass die Kinder auf das Atonale reagieren, vielleicht mit Angst?

Zehnder: Nein, im Gegenteil. Die Zuordnungen zu Dur und Moll finden erst später in den Synapsen statt. Ich glaube nicht, dass die Kinder Atonales als falsch empfinden, oder gar als bedrohlich. Das ist eine intellektuelle Zuschreibung.

Warum tragen die Sängerinnen und Sänger eigentlich keine Murmeltier-Kostüme?

Michaelis: Weil das Werk weit über das Murmeltier hinaus geht. Da ist einmal das Erwachen der Natur am frühen Morgen, dann die Reise durch einen Tag – man kann es auch als Reise durch ein ganzes Leben lesen. Die drei Sänger sind wesenhafte Figuren, die viel interagieren, mit viel menschenähnlichem – wir Menschen lesen ja immer in alles Menschenähnlichkeit rein, wir wollen uns immer in allem erkennen. Ein Murmeli-Kostüm hätte viel Deutungsspielraum genommen.

Haben Sie auch überlegt, was Sie in dieser Produktion den Eltern bieten?

Zehnder: Unsere Erzählung thematisiert die Suche nach ganz kindlichen, elementaren Dingen, die auch die Erwachsenen ansprechen. Auch Erwachsene spielen im Bachbett mit Steinen. Das ist ja das Schöne an der Begegnung mit Kindern: Es ist eigentlich eine Rückführung zu etwas Vergessenem, das man mit den Kindern wieder entdecken darf.

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