In Zeiten der Globalisierung, Klimaerwärmung und unsicheren Wirtschaftslage gibt es noch Auswege für die von «bad news» geschundene Seele: Zum 14. Mal fand am Donnerstag das Volksschlager Open Air, das Volksfest der anspruchslosen Wohlfühl-Musik, auf dem Zofinger Heitere statt. Und zum fünften Mal in Folge war der Anlass mit 7500 Schlager-Fans restlos ausverkauft. Nicht etwa erst am Donnerstag, sondern bereits eine Woche im Voraus.

Es soll ja Leute geben, die waren noch nie an einem Schlager-Fest. Wer Donnerstagnacht zum ersten Mal an einem solchen Anlass zugegen war, der rieb sich verdutzt die Augen. Was da auf dem Zofinger Hausberg los war, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Da wurde getanzt, geküsst, sich umarmt und frivol gewitzelt. Völlig losgelöste Grossmütter, die einen in der Hitze des Gefechtes anrempeln, Kinder, die lachend Kreise drehen, Jugendliche, die lauthals zu Stefan Mross und «Ein Stern» mitsingen. Das war die in ihrer Mischung selten anzutreffende Szenerie, die sich einem Schlager-Neuling auf dem Heitere bot.

«Immer wieder besonderes Erlebnis»

Rosario Galliker, der Chef der Veranstaltung, hat sie wieder alle gekriegt. Laura Wilde, Allessa, Stefan Mross, Paldauer, Marc Pircher & Band: Das sind die Namen, die dem gemeinen Schlager-Fan wie ein Stück Zucker auf der Zunge zergehen. Insbesondere, wenn diese Namen «nur» das klingende Rahmenprogramm für die ganz Grossen der Szene bilden. Francine Jordi, im silbernen, hautengen Pailletten-Kleid, fühlte sich sichtlich wohl auf der Lindenbühne, es sei «immer wieder ein besonderes Erlebnis auf dem Heitere», kicherte das Berner Schlager-Schätzchen. Das «Feuer der Sehnsucht» war längst entfacht, als Jordi zum Wiegenlied «Guten Abend, gut’ Nacht» ansetzte. Ans Schlafen dachte allerdings niemand, kurz nach 21 Uhr.

Denn nach den Geschwistern Hofmann, die eine völlig überdrehte Show mit weisser Panflöte und diversen Blechblasinstrumenten hinlegten, kam endlich der, auf den alle sehnlichst gewartet hatten: Semino Rossi! der Superstar des Schlager-Milieus. Fast schwebend, im schwarzen Anzug und mit Glitzerkrawatte glitt Rossi auf die Bühne. Musik wie aus den Lautsprechern eines Jahrmarkt-Karussells ertönte. «Sie haben phantastisch getschunken», säuselte der Argentinier mit italienischen Wurzeln nach dem dritten Lied ins Publikum. Gemeint war natürlich «geschunkelt».

Charmant und aalglatt, mit seinem völlig widerhakenlosen Tenor, schaukelte Rossi die Stimmung vor der Lindenbühne hoch in rauschartige Sphären. Bei «Bella Romantica», «Besame Mucho» oder – dem grössten aller Semino-Hits – «Rot sind die Rosen» war die Entzückung total. Selbst Sascha Ruefer, der Moderator des Abends, war sprachlos nach Rossis Auftritt – wer ihn kennt, der weiss: Das heisst etwas.

Vom Tellerwäscher zum Superstar

Eine der Mittsechzigerinnen, die beim Autogrammzelt ihre Ellbogen ausgefahren und eben eine Foto mit ihrem Superstar ergattert hatte, versuchte das Phänomen Semino Rossi mit rosaroten Backen und glänzenden Augen zu erklären: «Es ist sein Werdegang, der mich fasziniert. Er war mal Strassenmusiker in Zürich!» Semino sei auf dem Boden geblieben. «Das liebe ich an ihm», schwärmt die Dame. Tellerwäscher-Karriere, gutes Aussehen, naive Musik und Authentizität: Das ist der Stoff, aus dem die Schlager-Träume gemacht sind. Da störte es auch niemanden, dass die Musik zur grossen One-Man-Show ab Konserve spielte.

Marc Pircher und seine Band konnten nach der Semino-Mania nichts mehr falsch machen. Mit viel «Zigge-Zagge-Hoi-Hoi» gaben die Zillertaler dem Publikum, was es noch brauchte: Tanzmusik ohne Kompromisse und schlüpfrige Witze zwischen den Gassenhauern. Beim Schlussbouquet, sämtliche Künstler des Abends auf der Bühne versammelt, wogte die Menge zu «Sierra Madre», wie aus einer Kehle klang der Hit. Die grosse Schlagerfamilie, vereint in einer Parallelwelt der Glückseligkeit.