Im Sommer 1993 ging im Basler Sommercasino ein denkwürdiger Abend über die Bühne: Regionale Musikerinnen und Musiker massen sich beim Sprungbrett, dem damals bedeutendsten Nachwuchs-Wettbewerb der Nordwestschweiz. Mit dabei: Eine neue Band, die bis zu diesem Abend erst im Kopf des jungen Songwriters Adrian Sieber existiert hatte. Lovebugs hatte er sie genannt, das grosse Krabbeln, verbunden mit gefühlvollem Kribbeln. Eine Mischung, die ins Herz traf, wie sich bei der Feuertaufe zeigte: Das charmant uneingespielte Trio setzte sich durch.

25 Jahre und weit über tausend Konzerte später steht Adrian Sieber wieder auf der Bühne im Sommercasino, wirkt dabei kaum älter, ja, er passt sogar noch ins selbe Elvis-T-Shirt, das er 1998 im Videoclip zu «Angel Heart» trug. Am auffälligsten hat sich Keyboarder Stefan Wagner verändert: Mit seinem dichten, langen Bart könnte er sofort bei einer isländischen Postrock-Band anheuern.

Heisse Nacht im «Whirlpool»

Die Lovebugs also sind zurück im Wohnzimmer des alten Jugendhauses, dort, wo alles begann. Sie verlieren sich in den zwei folgenden Stunden nicht in grossen Worten, sondern laden musikalisch zur Zeitreise, streifen dabei die Vergangenheit jedes einzelnen, denn machen wir uns nichts vor: Zu diesen Jubiläumskonzerten bringt jeder seine eigene Geschichte mit. Die Band liefert den Soundtrack zu einem Film, den keiner mehr objektiv beurteilen kann, schon gar nicht der Schreibende.

Für einen objektiven Eindruck ist es am Samstag auch viel zu heiss. Brätschvolles Haus, 450 Körper, dicht gedrängt, Luftfeuchtigkeit 70 Prozent (verbriefte Zahl, das Soca hat gemessen).

Zusätzlich schweisstreibend sind die Uptempo-Nummern, die das Quintett zum Besten gibt. «Whirlpool» oder «Fantastic» etwa, zwei fast vergessene Nummern aus den Anfangsjahren, als die Band noch wunderbar ungeschliffen auftrat. Pop mit Punkanleihen, man erinnert sich fast schon wehmütig an den juvenilen Übermut zurück. Da ist auch ein Wiederhören mit dem flockigen «Flavour of the Day» aus dem Jahr 2002, der ersten Single in der bis heute gültigen Besetzung. Einer Besetzung, die wie gewohnt souverän agiert. Nebst Wagner und Sieber treten auch Simon Ramseier (Drums) Florian Senn (Bass) und Thomas Rechberger (Gitarre) professionell, locker und elektrisiert auf. Man spürt die Freude nach langer Konzertpause.

Mit Ausnahme der beiden Singles, die das soeben erschienene Live-Album «At The Plaza» ankündigten, kennt man jedes Stück und staunt, wie viele Evergreens das Repertoire der Lovebugs mittlerweile beinhaltet. Welche Schweizer Band, die nicht Mundart singt, hat eigentlich ebenso viele Ohrwürmer hervorgebracht?

Freigelegte Kerne

Ganz besonders beglückend sind an diesem Abend jene Arrangements, in denen die Band die dicken Produktionsschichten der Studioversionen abstreift, den Kern eines Songs freilegt und diesen neu garniert: «Avalon» etwa, von den Radios längst durchgenudelt, berührt in einer runtergestrippten Fassung. «Music Makes My World Go Round» mutiert gar zum überraschenden Höhepunkt, aufgrund einer sensationellen, fast schon mystischen Version voller schwebender Gitarrensounds.

Das steht den Lovebugs sehr gut, in diesem Club-Ambiente sowieso viel besser als der Stadionpop, den sie mit «Land Ho!» forcieren. Ein Song, der verglichen zu den berührenden Klassikern eher wie eine musikalische Funktionsjacke wirkt und an der Hülle abperlt.

Viel tiefer gehen da «’72» oder, eine schöne Überraschung, «Transatlantic Flight». Ein Lied, das von der Band selber live jahrelang verschmäht wurde. Warum? So Zeug wie «Baby I’m a Star» schreibe man, wenn man zwanzig sei, sagt Adrian Sieber auf der Bühne entschuldigend.

Ach, eine Zeile macht noch keine Melodie kaputt. Und diese Melodien, sie berühren bei den Lovebugs noch immer. Weil Sehnsüchte kein Verfallsdatum haben.