Wie ist Ihr ungewöhnliches neues Projekt Noti Wümié entstanden?

Greis: Die Musikchefin von Radio Basilisk fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, mit einem Gitarristen zu rappen. So kam es im Basler Veloladen «Obst & Gemüse» zur ersten, spontanen Begegnung mit Benjamin Noti, dem Gitarristen von Featherlike und Pentatonic. Als Rapper bin ich es gewohnt, über Beats zu freestylen und zu improvisieren. Zum ersten Mal rappte ich über die Begleitung einer akustischen Gitarre. Es war eine tolle Erfahrung und es het gfägt.

Das war der Startschuss?

Ja, danach haben wir unter dem Namen Noti Wümié Konzerte in kleinen Clubs und Bars gegeben, bei denen die Improvisation eine zentrale Rolle einnahm. Das war einerseits Freestyle-Rap, andererseits das, was ich unter Blues verstehe. Blues im Stil von Chlöisu Friedli.

Wer?

Chlöisu Friedli. Ein Bluessänger, der 1981 starb, in Bern Kultstatus geniesst, aber über Bern hinaus kaum bekannt ist. Er hat über Blues-Harmonien Geschichten erzählt. Mit Noti Wümié mache ich das ähnlich. Spontan haben wir am Konzert Lieder gedichtet. Einmalig und exklusiv für diesen Abend und dieses Publikum. Dazu, als Grundgerüst und Rahmen, dienten Songs von Noti, die ich mit bestehenden Greis-Raps versah. Noti wollte daraus schon immer ein Album machen, doch ich machte stattdessen den Vorschlag, dazu neue Texte zu schreiben. Dabei gelang es mir, aus diesem Rap-Schema auszubrechen. Das vorliegende Album ist also das Ergebnis eines glücklichen Zufalls.

Auffällig bei Ihnen ist, dass der gerappte Teil immer kleiner, der melodische Teil grösser wird. Zufall oder bewusster Prozess?

Dank dieser Plattform von Beni habe ich mich getraut. Ich habe aber immer noch mehr Ehrfurcht vor dem Songwriting als vor dem Rap. Denn beim Rap weiss ich, dass ich bei Schlag 1 anfange und ungefähr beim Schlag 4 aufhöre. Beim Songwriting ist das viel offener. Pausen spielen eine ungleich wichtigere Rolle. Das sind Herausforderungen, die ich gerne annehme. Im nächsten Album von Greis werde ich aber wieder darauf zurückgreifen, was ich am besten kann, und das ist Rappen. Der Lehrgang Noti Wümié ist aber sehr wertvoll und wird auch einfliessen ins nächste Greis-Album, das ich im nächsten Jahr in New York aufnehmen werde.

New York? Werden Sie Gangsta-Rapper?

Nein nein, das wird im Rahmen der üblichen Greis-Idee bleiben. New York, weil ich ein Stipendium der Stadt Bern erhalten habe und ich ein halbes Jahr im Big Apple am Broadway verbringen darf.

Im Februar ist Ihr französisches Album «Greis Anatomy» erschienen. In der Hitparade ist es nicht aufgetaucht. Ein Flop?

Es war der erste Release auf meinem eigenen Label. Ich musste meine Energien bündeln. Meine Promo-Anstrengungen haben sich auf Deutschland und Welschland konzentriert.

Und wie sind Sie im Welschland angekommen?

Beim Publikum besser als bei den Journalisten. Ich hatte ein paar tolle Konzerte und wurde auf Couleur 3 gespielt. Doch es ist schwierig. Obwohl ich in Lausanne geboren, bilingue aufgewachsen bin und einen französischen Namen habe, werde ich als Deutschschweizer wahrgenommen. Das ist ein Problem, denn die Deutschschweiz ist für das Welschland wie Deutschland für die Deutschschweiz. Stellen Sie sich vor, wenn ein deutscher Rapper ein Album in Schweizerdeutsch machen würde.

(Quelle: youtube/notiwuemie)

Noti Wümié mit Marianne

Und in Deutschland?

In Deutschland ging es besser. Als ich mit dem französischen Rapper Soprano auf Tour war, habe ich gemerkt, dass die Deutschen auf Französisch besser ansprechen als auf Schweizerdeutsch. Das Interesse der deutschen Medien war erfreulich und noch nie so gross. Dank des französischen Albums können wir im März auf eine China-Tour gehen, 13 Konzerte in
15 Tagen.

Auf der EP von Noti Wümié beschreiben Sie vor allem Beziehungskisten. Ist das Politische in den Hintergrund gerückt?

Ich weiss, ich werde als politischer Rapper wahrgenommen. Meine politische Seite reflektiert jetzt einfach nicht in der Musik. Aber ich war im Abstimmungskampf für 1:12 involviert und engagiere mit für Syrien.

Bei den Juso?

Überhaupt nicht. Ich bin in keiner politischen Organisation. Ich kann als Einzelperson auftreten und engagiere mich nur dort, wo es mir wirklich ein Anliegen ist.