Was erlebt jemand, der zum ersten Mal im Leben in die Oper geht? Wie ist es dort, wenn man die 1000. Vorstellung sieht?

Die «Nordwestschweiz» hat das Experiment gewagt und zwei völlig verschiedene Journalisten nach Zürich geschickt und so zwei unterschiedliche Blicke auf die umstrittene Zürcher «Zauberflöte» geworfen: Hier der unschuldige Blick des ersten Mals, der Oper-Novizin und Reporterin Aline Wüst – da jener durch eine Vielzahl von Inszenierungen verdorben-reflektierte des Opernkritikers Christian Berzins.

Aline Wüst: Zum ersten Mal in der Oper

Ich habe keine Ahnung von Opern. Sie auch nicht? Gut. Waren Sie schon mal dort? Nicht? Ich schon. Einmal, am Mittwoch. Wie es war? Ich erzähle es Ihnen gern. Begonnen hat der Abend eigentlich schon morgens kurz vor acht, denn wenn man nichts über Oper weiss, weiss man zumindest das: Es ist chic dort. Ich zieh einen Blazer an, das muss reichen.

Am Abend fahre ich nach Zürich, lese im Zug auf dem Handy, worum es in der «Zauberflöte» geht. Ich wollte mich eigentlich vorbereiten, wirklich. Aber irgendwie bin ich nicht dazu gekommen. Mich beruhigt der Gedanke, dass die Leute 1791 bei der Uraufführung der «Zauberflöte» wohl auch einfach hingegangen sind und sich das mal angeschaut haben.

Ich stehe kurz nach sechs Uhr vor dem Opernhaus und geh da jetzt einfach mal rein. Falls Sie auch mal hingehen wollen: Das Ticket müssen Sie im Gebäude nebenan holen. Funktioniert wie bei der Post mit Nummern ziehen und so. Mein Ticket hat 230 Franken gekostet (als Journalistin komme ich allerdings gratis rein, sorry). Es gibt aber auch Tickets für 35 Franken. Ich gehe zur Garderobe, Jacke abgeben kostet nichts – das ist hier schliesslich kein Club. Kurz vor sieben, als die Garderobe voller Jacken und die Gänge voller Menschen sind, kann ich es nicht mehr leugnen: Die Dichte an älteren Herren mit gelifteten Frauen ist höher als anderswo. Aber vielleicht gehen geliftete Frauen einfach lieber in die Oper als ungeliftete.

Ich gehe in den Saal. Und der ist wunderbar – kitschig. Wie eines dieser Häuser, bei denen die Besitzer es mit der Weihnachtsbeleuchtung masslos übertrieben haben. Aber hier mit diesem riesigen Kronleuchter, mit all den Engeln, die von der Decke auf mich hinunterschauen, mit all dem Gold – hier stört es mich nicht. Und als alle Logen voll besetzt sind, sieht es aus wie in einem Puppenhaus – aus jedem Fensterchen schauen viele Menschlein raus. Da ich aus unerklärlichen Gründen davon ausgehe, dass mein Platz jener ist, der in der Mitte meiner Reihe noch frei ist, sage ich «Tschuldigung» und die Leute erheben sich, um mich durchzulassen.

In der Mitte angekommen, merke ich, dass der freie Platz die Nummer 20 ist (ich habe die 29). Ich drehe mich um, «Tschuldigung», alle müssen wieder aufstehen. Mein Platz wäre der zweite gewesen von dort, wo ich gestartet bin. Neben mir sitzt ein älterer Herr. Er verzieht keine Miene. Ärgert er sich über etwas? Hoffentlich nicht über mich. Der Vorhang öffnet sich. Ich habe versucht, Ihnen an dieser Stelle zu beschreiben, was dann passiert ist. Aber glauben Sie mir, das ist recht schwierig. Nicht nur, weil ich bis zur Pause vergass, Notizen zu machen, so gebannt wie ich war. Auch, weil ich mich beim Schauen immer wieder in Details verloren habe, einzelnen Sätzen nachgehangen bin. Zum Beispiel diesem. Fragt der Prinz den Papageno: «Sag mir – du lustiger Freund – wer du bist?» – und der antwortet: «Wer ich bin? Dumme Frage. Ein Mensch wie du.»

Und ich kann Ihnen auch nicht sagen, wer besonders gut sang und ob der Dirigent gut dirigierte. Ich weiss, ich verstand ganz vieles nicht. Und es war überhaupt von allem sehr viel. So eine Oper ist üppig, auf eine schöne Art verschwenderisch – an Musik, Gesang, und Bühnenbild.

In der Pause an der Bar ist es vorbei mit nobler Zurückhaltung, da wird gedrängelt für drei Schorlen und drei Lachssandwiches. Ich habe keine Ahnung , wie lange eine Opernpause geht und trinke darum meine Cola so schnell, dass ich Bauchweh bekomme. Dann gehe ich wieder hinein und staune noch ein bisschen im Saal umher. Dann passiert etwas Schönes. Als die Musiker aus der Pause zurückkommen, spielt jeder für sich, vor sich hin. Üben sie besonders herausfordernde Passagen? Ich weiss es nicht. Doch dieser schön-chaotische Moment, berührt mich. Ob einer das noch bemerkt, der schon 1000-mal hier war?

Nach der Pause kommt der Mann ohne Miene nicht mehr zurück. Hoffentlich nicht wegen mir. Vorhang auf!

Auch im zweiten Teil geht es um Liebe, Trauer, Masslosigkeit – auch darum, im Leben keinen Sinn mehr zu sehen. Bedrückend, als Papageno sich erhängen will und nach einem Grund sucht, um es nicht zu tun. Zum Schluss gibt es dann aber ein üppiges Happy End. Sogar der Papageno findet eine Frau und tanzt mit ihr von der Bühne. Also ich kann sie Ihnen empfehlen, die Oper.

Christian Berzins: Zum tausendsten Mal in der Oper

Schwarz, blau, grau? Immerhin ists die B-Premiere und immerhin mein gut 1000. Opernabend. Ich greife zum blauen Anzug, binde die dunkle Krawatte, setze mich wie immer ins Tram 15 und denke an meine «Zauberflöten»-Abende der letzten 35 Jahre: in Zürich, Mailand, Salzburg, Luzern, Avenches, Genf, Aix-en-Provence, Bregenz, Wien – was weiss ich noch wo. Wilma Lipp erklingt fern im Ohr, wie sie auf der Herbert-von-Karajan-Aufnahme von 1950 die Arie der Königin der Nacht unvergleichlich naiv ins Opernrund schmettert. 

Zu viel Verklärung, zu viel Nostalgie, zu viele Mozartträume? Auf den Knien liegt das Opernhausmagazin, worin die Regisseurin ihr Konzept erklärt. Vorbei sind die Zeiten, in denen Tamino loszog, um Pamina zu befreien, um dann im Sarastro-Land auf weise Leute zu treffen, die ihn schliesslich zum Herrscher ihrer Welt des Lichts machten. Die 41-jährige Tatjana Gürbaca will viel mehr. Nichts weniger als um die letzten Fragen geht es ihr: «Was ist der Mensch?» «Wie sollen wir leben?» Wir ahnen es bereits: Hier wird jemand heftig gegen alte Konventionen anspielen. Dumm, sehen wir schon wieder Vergangenes vor Augen: wie 2007 in Martin Kusejs Zürcher Inszenierung die Königin der Nacht aus dem Kühlschrank auftauchte und die drei Damen blind herumtappten … «Ihre Kritik war gar nicht im Blatt, Herr Berzins!», sagt mir ein netter Herr im Foyer. Vielleicht besser so? 

Der Vorhang geht schon zur Ouvertüre auf, Pamina knutscht mit Monostatos. Die drei Damen tragen Schnauz und Bart wie Conchita Wurst, Papageno hingegen lange Zöpfe, Monostatos ist nicht schwarz, sondern ein behaarter Intellektueller (oder Spinner), die Zauberflöte und das Glockenspiel sind ein dürrer Ast. Die Hässlichkeit der Szenerie wirkt bedrohlich – der Auftritt der Königin der Nacht mit Zauberwolke darin als ironisches Zitat.

Kann jemand das alles verstehen, der dieses Werk zum ersten Mal sieht? Sarastro – ein Freimaurer! – ist der unbändigen Natur der Königinnen-Welt entwachsen und bereits so schlau, dass er sich zusammen mit seiner Gemeinschaft ein Haus bauen kann. Chapeau! Wichtiger als Pamina sind ihm seine Baupläne.

Damit dieses krude Spiel einigermassen aufgeht und die «Zauberflöten»-Novizen nicht denken, Mozart und sein Textdichter hätten einen Knall, hat Gürbaca neue Dialoge geschrieben. Harmlos – und unnötig: Der Abend, angereichert mit tausend Formen von Schnickschnack, wohlerzogenen lebenden Hühnern, viel Video und Thesenquatsch taumelt chaotisch dem Finale zu. Diese Regie ist eine Kopfgeburt, die allen Figuren Charme und Charakter raubt.

Wie schön doch die Opernwelt vorgestern noch war … Jedes Kind – ob gross oder klein – konnte erahnen, um welch grosse Dinge es in der «Zauberflöte» ging – und doch darüber rätseln. Jeder begriff, dass es nicht so einfach ist, Gut und Böse zu trennen, verstand gleichzeitig, dass die hohen Herren und Damen nicht immer nur Kluges sagen. Magie und Poesie durften dennoch mit im Spiel sein. Und das war gut so: «Die Zauberflöte» wurde zum meistgespielten Werk der Operngeschichte.
Dass nun in Zürich eine ermüdend langweilige «Zauberflöte» fern jeden Zaubers und jeder Magie gezeigt wird, ist schade. Dass diese «Zauberflöte» hingegen musikalisch weit unter dem Niveau von früheren Zürcher Produktionen über die Bühne geht, ist tragisch.

Die «Drei Knaben» (aus Tölz) sind die besten Sänger des Abends. Das sagt alles. Einst – lange ists her –, da sangen weltberühmte Mozarttenöre wie Gösta Winbergh oder Deon van der Walt den Tamino – heute ein junger Schweizer namens Mauro Peter, der ohne Glanz und Charme seine Töne korrekt aneinanderreiht. Sen Guo ist eine blasse Königin, die durch Koloraturen schlurft und der das Feuer in der Stimme fehlt, Christof Fischesser ein passend zur Inszenierung salbungsfrei singender Sarastro, Ruben Dole ein quirliger, aber immer wieder mal Vokale verschluckender Papageno. Deanna Breiwick gibt eine tapfere Pamina, die drei Damen hingegen singen so unausgeglichen, dass man sich Sorgen um das Ensemble macht. Dirigent Cornelius Meister buchstabiert mit dem «La Scintilla»-Orchester die Partitur historisch informiert – Zauber ist etwas anderes. So ist denn der Applaus brav – jedes Buh, das anlässlich der Premiere am Sonntag ertönte, bestens verständlich. Traurig – der schwarze Anzug wäre passender gewesen.