Frau Jones, was hat Sie nach dem eher kantigen, von Danger Mouse produzierten Album «Little Broken Hearts» dazu bewogen, sich nun wieder stärker auf sanften Jazz und auf Ihr Pianospiel zu fokussieren?

Norah Jones: Hinter dieser Entscheidung steckt kein Kalkül. Nach dem Blue-Note-Konzert fühlte ich mich einfach irrsinnig beseelt. Der Ideenknopf in meinem Kopf schaltete sich an, das Rad begann sich zu drehen, und mir fielen Songs in dieser klassischen Richtung ein.

Haben Sie eine Automatik im Kopf?

Ich kann das nicht steuern. Als ich mit diesem Album begann, war ich kurz zuvor zum ersten Mal Mutter geworden, ich hatte wirklich genug andere Dinge um die Ohren, und doch sass ich immer wieder am Klavier. Songschreiben ist bei mir übrigens keine schnelle Angelegenheit. Ich brauche Zeit und könnte niemals ein Lied innerhalb eines Tages komponieren.

Ist es wahr, dass Sie einige der neuen Songs in Ihrer Küche komponiert haben?

Ja. Das ist tatsächlich so. Auf dem Küchenklavier (lacht).

Andere Leute haben einen Herd und einen Kühlschrank in der Küche. Sie haben ein Klavier?

Herd und Kühlschrank haben wir auch (lacht). Es ist ja nur ein kleines Klavier. Oben im Haus habe ich mein Musikzimmer, in dem ein grosses Piano steht. Das Küchenklavier ist halt so wahnsinnig praktisch. «Carry On» habe ich zum Beispiel fast komplett in der Küche geschrieben.

Im Mai sind Sie zum zweiten Mal Mutter geworden, Sie sind glücklich verheiratet mit einem Musikerkollegen. Ein Trennungsalbum wie «Little Broken Hearts» könnten Sie aktuell wohl nicht schreiben, oder?

Niemals! Ein Glück! Trennungslieder gibt es fürs Erste genug von mir. Ich bin verdammt froh, dass diese üble Phase vorbei ist und ich privat nicht länger durch die Hölle gehen muss.

Jetzt schreiben Sie über die Liebe. «And Then There Was You» klingt wie ein alter Standard, den es schon ewig gibt, der Song ist aber neu. Geht es um Sie und Ihren Mann?

Ja, klar. Das ist ziemlich eindeutig. Sicher, die Liebe und damit auch Songs über die Liebe, das sind auf der einen Seite Klischees. Aber wenn das Klischee in deinem Leben zur Wirklichkeit wird, dann ist es doch aufrichtig und ehrlich, wenn du auch darüber singst. Ich begann den Song vor vier Jahren, als ich gerade mit meinem Mann zusammengekommen war.

Ihr Mann bleibt anonym, Sie sagen nur, dass er auch Musiker ist. Von Ihren Kindern kennt man weder die Namen noch Fotos. Haben Sie keine Lust, Babyfotos auf Instagram zu posten wie die meisten Ihrer Kolleginnen?

Es ist eine grosse Versuchung, das können Sie mir glauben. Ich habe ungefähr eine Milliarde Fotos. Aber mir käme das unpassend und eigenartig vor, wenn alle wissen, wie meine Kinder aussehen.

Warum schotten Sie Ihr Privatleben eigentlich so ab?

Ich fühle mich einfach wohler so. Ich bin kein Mensch, der – abgesehen von seiner Musik – die Öffentlichkeit sucht. Mein Leben ist im Grunde nicht sehr aufregend. Dazu kommt, dass die Leute auch nicht scharf sind auf Details aus meinem Privatleben.

Sie wirken wie die Ruhe selbst. Kann eine Norah Jones eigentlich auch mal laut und gestresst sein?

Oh, ich bin oft viel zu müde, um Stress zu machen. Ich versuche auch in der Regel, ruhig zu bleiben und nicht an die Decke zu gehen. Meistens schaffe ich das auch. Doch keine Sorge, auch ich flippe manchmal aus, wenn ich besonders sauer oder besonders erschöpft bin.

Haben Sie «Day Breaks» während Ihrer zweiten Schwangerschaft aufgenommen?

Ungefähr zur Hälfte. Aber ich muss wirklich alle enttäuschen, die davon ausgehen, dass meine Schwangerschaft die Musik oder meine Stimme beeinflusst hat. Ich selbst merke da keinen Unterschied.

Sie sprechen auf «Day Breaks» einige gesellschaftliche und politische Themen an. «Flipside» ist eine Kritik am Waffenwahn in den USA, «It’s A Wonderful Time For Love» ruft dazu auf, innezuhalten und sich nicht verrückt machen zu lassen.

«A Wonderful Time For Love» ist eine Reaktion auf den ganzen Scheiss, der in der Welt passiert. Die Nachrichten sind ständig so aufwühlend, ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll. Der Song sollte bewusst möglichst «throwback», also nach den guten alten Zeiten des Jazz klingen.

Engagieren Sie sich politisch?

Ich bin keine Aktivistin. Mein Engagement besteht darin, dass ich wählen gehe.

Würden Sie in einem Land leben wollen, in dem Donald Trump Präsident ist?

Das ist ein wirklich beängstigender Gedanke. Für mich und meine Freunde in New York ist dieser Mensch mit seinem Gedankengut und allem, für das er steht, so unglaublich weit weg, niemand von uns kann sich ein solches Horrorszenario tatsächlich vorstellen.

Norah Jones Day Breaks, Blue Note Records 2016