Immer dabei: Seine Hitmaker-Gitarre. Im Interview erklärt er, weshalb er als Musikproduzent immer Innenarchitekt war und warum es ihm hilft, über seine Krebserkrankung zu bloggen.

Good Times mit Chic und Nile Rodgers beim Lovebox-Festival in London

Good Times mit Chic und Nile Rodgers beim Lovebox-Festival in London

Nile Rodgers, wissen Sie, was Ihre vor kurzem erschienene Biografie «Le Freak» im Vergleich zu anderen Musikern so angenehm macht?

Nile Rodgers: Nein.

Sie könnte doppelt so lang sein.

Rodgers: Ursprünglich war das Buch auch doppelt so lang (lacht schallend).

Ausserdem geht es nicht nur um Stars wie Madonna, David Bowie oder Diana Ross. Mindestens genauso spannend sind Ihre Familie und Typen wie Bang-Bang.

Rodgers: Sie haben ja mein Buch gelesen!

Aber sicher. Vor allem der Gangster und Auftragskiller, der ihre Mutter stalkte, hat sich mir eingeprägt: «Mein Name ist Bang-Bang. Freunde nennen mich Bang.» Ein Typ wie aus einem Tarantino-Film.

Rodgers: Im Unterschied zu einem Film hat er mir aber echt Angst gemacht. Wir dachten, Bang-Bang sässe lebenslänglich irgendwo in einem Gefängnis. Und dann erfahren wir kurz nach Erscheinen des Buchs, dass sie ihn rausgelassen haben. Ich kann froh sein, dass er noch nicht aufgekreuzt ist.

Sie sind unter Junkies aufgewachsen, wurden von einer Grossmutter zur nächsten weitergereicht, bis Sie mit 15 mehr oder weniger für sich selbst gesorgt haben. Ein Rezensent schrieb: «Seltsam, dass aus einem so chaotischen Leben so wunderbar geordnete Musik wie die von Chic entstehen kann.»

Rodgers: Mein Leben war wirklich chaotisch. Mein Denken dafür umso geordneter und logischer. Wenn Sie in mein Haus kämen, würden Sie sich wundern, wie aufgeräumt es bei mir aussieht. Ob geschäftlich oder privat: Ich war schon immer derjenige, von dem alle erwarten, dass er die Probleme löst. Wie ich denke, so mache ich auch Musik. Sehr, sehr logisch. Aber immer als Fan.

Das müssen Sie genauer erklären.

Rodgers: Nehmen wir einmal an, Sie wären Sänger. Ich soll Ihr nächstes Album komponieren und produzieren. Dann würde ich alles studieren, was Sie vorher gemacht haben. Ich würde versuchen, mir einen Spannungsbogen für Ihre bisherige und künftige Karriere vorzustellen. Meine Aufgabe wäre es dann, den Bogen weiterzuspannen. Das ist fast wie eine Mathematikaufgabe: Wenn bis jetzt dieses und jenes passiert ist, dann sollte das nächste Album logischerweise auch so klingen.

Sehr wissenschaftlich – dafür, dass es um Pop geht.

Rodgers: Ich spreche ja nicht von wissenschaftlicher Logik, sondern von meiner Pop-Logik. Die funktioniert künstlerisch, auch wenn ich so tue, als wäre es eine Wissenschaft. Wir haben sie auch angewendet, als wir das Konzept für Chic entwickelt haben: eine Fusion aus Roxy Music und Kiss. Wir haben den Kunstwerks-Glamour der einen mit der anonymen Maskenhaftigkeit der anderen kombiniert. So ist Chic entstanden.

Klingt, als ob Sie Pop-Musik wie ein Designer entworfen hätten.

Rodgers: Ein bisschen war das auch so.

Waren Logik und Rationalität eine Strategie, um dem Chaos Ihrer Kindheit entgegenzuwirken?

Rodgers: Eher ein Nebenprodukt, eine natürliche, aber unbewusste Reaktion auf das Chaos, dem ich als kleines Kind ausgesetzt war. Wie wenn einem, der gefesselt ist und eine Binde auf den Augen hat, ins Gesicht geschlagen wird. Dann weicht sein Kopf in die andere Richtung aus – ohne, dass er das will oder steuern kann. Aktion und Reaktion. Bei mir war die Reaktion auf das Chaos die Ordnung.

Bewegend, aber ebenso überraschend fand ich die Dankbarkeit, mit der Sie über Ihre Junkie-Eltern schreiben. Hat sich die mit dem Buch eingestellt?

Rodgers: Das Buch hat uns sicher nähergebracht. Allerdings fand ich meine Mutter, meinen Stiefvater und meinen biologischen Vater schon immer toll. Sie waren alle Junkies. Aber sie waren auch richtig coole Hipster und Beatniks. Als Kind habe ich sie wie Filmstars verehrt. Mein Stiefvater Bobby Glanzrock etwa konnte unglaublich gut zaubern. Der war so gut wie Houdini.

Vor gut einem Jahr haben Sie erfahren, dass Sie an Krebs erkrankt sind. Wie geht jemand, der so rational tickt, mit einer solchen Diagnose um?

Rodgers: Ich weiss noch genau, wie ich mich am Abend danach gefühlt habe: Alles, was ich gehört und gesehen habe, schien auf einmal mit Krebs zu tun zu haben. Krebs hier, Krebs da, im Fernsehen, im Radio, überall! Deshalb habe ich begonnen, in einem Blog über meine Krankheit zu schreiben, von der ich noch immer nicht weiss, wie sie mal enden wird. Wenn ich über meinen Krebs, meine Therapie oder einfach den Tag blogge, geht es mir besser.

Wie reagieren die Leute auf Ihren Blog?

Rodgers: Zuerst ging es vor allem darum, mir selbst zu helfen. Mittlerweile hilft mir das Bloggen, anderen zu helfen, die in einer ähnlichen Situation stecken. Jeden Tag gilt mein erster Gedanke dem Blog. Jeden Morgen wartet mindestens eine Mail, in der jemand schreibt, dass letzte Nacht der Vater, die Schwester oder der Freund gestorben ist. Und dass sie kurz davor noch gemeinsam meinen Blog gelesen haben. Es haut mich jedes Mal aufs Neue um, wenn ich so was lese. Vielleicht verhält es sich mit meinem Blog wie mit einem unserer grössten Hits: «We Are Family». Man spielt ihn bei Familienfesten, in der Disco, als Hymne der Schwulenbewegung, sogar als Erkennungsmelodie von Baseballmannschaften.

In letzter Zeit liest man öfter Sachen über Sie wie ‹Der Erfinder der 80er-Jahre›. Wie finden Sie das?

Rodgers: Schmeichelhaft, dass viele Chic für so bedeutsam halten. Es spricht auch immer noch einiges dafür, Musik so produzieren, wie wir das damals gemacht haben.

Wie denn?

Rodgers: Als Produzenten und als Musiker, bei denen alles zusammenläuft. Bis zu den Beatles war es im Prinzip doch so, dass Songschreiber, Produzenten und Labelbosse entschieden haben, wer welchen Song aufnehmen durfte. So lief das mit uns nicht mehr. Ich habe die Musik immer erst geschrieben, nachdem jemand auf mich zugegangen war, bei dem ich das Gefühl hatte: Der glaubt an dich.

Alle Hits, die Sie jemals geschrieben oder produziert haben, sind auf dieser Gitarre entstanden?

Rodgers: Wenn die Gitarre so viel wert wäre wie die Musik, die darauf entstanden ist, müsste sie um die drei Milliarden Dollar kosten.

Sie haben einmal gesagt: Man ist niemals einsam, wenn man Gitarre spielen kann.

Rodgers: Das ist wahr.

Haben Sie also viel Gitarre spielt, als Sie in den 90er-Jahren monatelang auf Entzug waren, um von Kokain und Alkohol loszukommen?

Rodgers: Nein. Ich hatte zwar meine Gitarre dabei, was die Klinik nicht gern gesehen hat. Weil man sich mit Gitarrensaiten so gut erhängen kann. Deswegen wurde sie weggesperrt. Aber ich hatte sowieso keine Lust zu spielen. Ich wollte nur nüchtern werden. Und nüchtern bleiben. Das Gitarrenspiel konnte warten. Das war mir ohnehin in Fleisch und Blut übergegangen.

Was bedeutet Ihnen das Gitarrenspiel seit Ihrer Krebsdiagnose?

Rodgers: Ich nehme meinen Hitmacher jeden Abend mit nach Hause oder ins Hotel. Wenn ich meine Gitarre in meiner Nähe habe, fürchte ich mich vor nichts. Mein ganzes Leben dreht sich darum. Jedes Mal, wenn ich ein Konzert spiele, denke ich mir: Du bist wirklich der einzige Typ, der nach dir klingt.

Konzert Am 13. Juli tritt Nile Rodgers zusammen mit dem Amy-Winehouse-Produzenten Mark Ronson beim Montreux Jazz Festival auf. Mit Alison Moyet, Groove Armada und vielen anderen mehr. www.montreuxjazzfestival.com