Jazz

Neuer Sound für eine neue Generation des Schweizer Jazz

Pianist Stefan Rusconi (35). fotos: ho

Pianist Stefan Rusconi (35). fotos: ho

Tobias Preisig, Rusconi, Colin Vallon & Co. gehen andere Wege und definieren eine eigene Jazz-Sprache

Schrammelgitarre, ungeschulte Stimme. Ein Song, der an Pink Floyd erinnert. Hä? Falsche Musik? Falsche CD? Nein, im Player dreht sich «History Sugar Dream», das neue Album des Piano-Jazztrios Rusconi. Die Überraschung ist geglückt. Der Opener mit Schlagzeuger Claudio Strüby als Sänger und Gitarrist ist Ansage und Programm: Im neuen Werk spielen Gitarre und Gesang eine wichtige Rolle.

Die Band mit Pianist Stefan Rusconi, Schlagzeuger Claudio Strüby und Bassist Fabian Gisler hat einen weiten Weg zurückgelegt, seit sie 2001 als akustisches Piano-Trio gestartet ist. Seither hat sie das klangliche Universum kontinuierlich vergrössert. Zuerst waren es Verfremdungen der Instrumente, es folgte Elektronisches, die Zusammenarbeit mit dem englischen Gitarristen und Tüftler Fred Frith, schliesslich kam die Stimme hinzu. Insofern ist «History Sugar Dream» die logische Fortsetzung der Reise. Und doch ist der Schritt gross: Die Stimme wird nicht mehr nur als klangliche Erweiterung verstanden, sondern auch als Leadstimme verwendet. Dazu kommen neu auch Texte.

Auf «History Sugar Dream» geht das Trio so weit wie noch nie. «Wir brechen die klassische Bandstruktur auf», sagt Stefan Rusconi, «unsere Musik ist eine Spielwiese, auf der alles möglich ist.» In «Change» tauschen die Musiker die Instrumente. Rusconi spielt elektrische Gitarre, Strüby sitzt am Klavier, Gisler hinters Schlagzeug und alle singen.

Rasselbande

«Wir wollen Neues entdecken, haben Lust am Risiko», sagt Stefan Rusconi. Die Beschäftigung mit der Noise-Rock-Band Sonic Youth auf dem Album «It’s A Sonic Life» hat sie den Reiz des Dilettantischen gelehrt. Rusconi ist eine Rasselbande («Die Zeit»), die mit unverbrauchter, kindlicher Neugier die ausgetretenen Pfade des Jazz ausweitet und verlässt.

Ist das noch Jazz? «Klar», sagt Rusconi dezidiert, «wir kommen vom Jazz und sind ausgebildete Jazzmusiker. Wir lassen uns aber von allem beeinflussen.» Dabei spielt der Bandleader auf «History Sugar Dream» kein einziges «richtiges» Solo. Aber die Improvisation bleibt zentrales Element. «Ich improvisiere heute mehr denn je», sagt Rusconi. Aber es sind keine traditionellen Jazz-Soli, die Improvisation verläuft kollektiv im Bandkontext mit flacher Hierarchie und undefinierter Rollenverteilung.

Das ist entscheidend: Auch bei anderen Schweizer Jazzmusikern geht es immer weniger um die solistische Entfaltung des einzelnen Musikers. Der welsche Pianist Colin Vallon, der bei ECM sein zweites Album, «Le Vent», eingespielt hat, entwickelt seine Musik in weiten, raumgreifenden Bögen. Es geht ihm nicht um den solistischen Gestus, sondern um den Bandprozess in kollektiven Improvisationen und dabei um die Auslotung und Entwicklung einer eigenen, unverkennbaren Trio-Sprache.

Zu ähnlichen Resultaten ist Jazz-Geiger Tobias Preisig auf seinem neuen Album «Drifting» gekommen. Ihn hat der Sound schon immer mehr interessiert als Virtuosität im Sinne technischer Fingerfertigkeit. Jetzt hat er sein Spiel noch mehr reduziert. Das ist erstaunlich, denn die Geige ist das Hochleistungssport-Instrument par excellence. Auch im Jazz. Bekannt sind jene Geiger wie Stephane Grapelli, Jean-Luc Ponty, Didier Lockwood oder Zgigniew Seifert, die ihr Instrument hoch virtuos beherrschen.

Preisig geht einen komplett anderen Weg. «Die Virtuosität im technischen Sinn begann mich zu langweilen», sagt Preisig, «wenn man so viel übt wie wir, ist die Gefahr gross, dass man in Klischees fällt, sich wiederholt und die Musik banal wird.» Die Schwierigkeit ist also, diese Klischees zu vermeiden und nur gerade das Nötigste zu spielen. «Dann wird die Musik zu Poesie», sagt Preisig, «bei uns gibt es deshalb keine eigentlichen Solos mehr.» Vielmehr setzt er spannende Akzente. Entstanden ist kein Geigenalbum, sondern ein Album mit Geige.

Weniger Soli, mehr Band

Eine neue Generation von Schweizer Jazzmusikern ist daran, eine neue Jazzsprache zu definieren. Die Bands von Rusconi, Preisig und Vallon sind die Anführer und Antreiber, andere wie Pommelhorse, Bash, Domi Chansorn folgen. Die Losung: weg von der Jazztradition, weg von solistischen Exkursen, weg von Hierarchien. Umso wichtiger werden der eigenständige Bandsound und das Bandkonzept. Erhalten bleibt die Essenz des Jazz: die Improvisation, das Prinzip von Freiheit und totaler Offenheit. Bei Vallon ist der Einfluss der klassischen Musik und der Minimal Music hörbar, bei Rusconi und Preisig sind es eher Pop und Rock.

«Wir leben in einer extrem spannenden Zeit», sagt Tobias Preisig, «es gibt keine Tabus, keine Denk- und Spielverbote. Es ist die Zeit der totalen Narrenfreiheit.»

Tobias Preisig Drifting, Traumton/Musikvertrieb. Live: 5. 4. CD-Taufe Moods Zürich; 25. 4. Jazzfestival Basel;

Rusconi History Sugar Dream, Qilin/
Irascible. Live : 11. 4. CD-Taufe Moods Zürich; 14.4. Video-Premiere Basel Stadtkino; 17.4. Südpol Luzern; 18.4. Ladybar Basel; 16.5. Jazzfestival Schaffhausen.

Colin Vallon Le Vent, ECM/harmonia mundi. Live : 1., 15. und 29.4. Cafe Mocca Thun; 30.4. Be-Flat Progr Bern.

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