Künzlis Playlist (37)

Neue, unerhörte Welten abseits des Einerlei: Die besten Songs 2018

Deva Mahal bei der Aufführung von «Run Deep».

Deva Mahal bei der Aufführung von «Run Deep».

Gehören Sie auch zu den Zeitgenossen, die Ohrensausen kriegen, wenn Sie Schweizer Radio hören müssen? Ärgern Sie sich grün und blau über die sogenannten Hits in der aktuellen Schweizer Hitparade? Ja? Dann sind Sie hier richtig.

Es gibt keinen Grund, in Kulturpessimismus zu verfallen und den Untergang des Abendlands zu beschwören. Denn es gibt sie, die aufregenden, abenteuerlichen und berührenden Songs. Auch in diesem Jahr.

Zu finden sind sie nicht in den Hitparaden dieser Welt, nicht in den Format-Radios, aber in den Streaming-Diensten von Spotify, Apple Music und Co. Hier, in der Schatzkiste der Musikgeschichten, eröffnen sich dem Musikfreund neue, unerhörte Welten abseits des Einerlei. Hier entdecken Sie eine Vielfalt, einen Reichtum an Musik wie sonst nirgends. Das ist die gute Botschaft – über die ärgerliche Vergütungspraxis an Musikern ärgern wir uns das nächste Mal wieder.

Hier finden wir mutige Frauen wie U.S. Girls, Julia Holter oder Sophie, die eine Musik schaffen, die jenen subversiven Geist atmen, den wir heute zu oft vermissen. Wir finden die katalanische Sängerin Rosalía, die daran ist, den ollen Flamenco aufzufrischen. Oder den Saxofonisten Donny McCaslin, der, inspiriert von David Bowie, sich mit Lust zwischen alle stilistischen Stühle setzt.

Wer es traditioneller mag, warm, berührend und groovy, dem sei die ausdrucksstarke 72-jährige Bettye Lavette empfohlen, die lange untendurch musste und jetzt neu entdeckt wird. Oder Marcia Ball, die grosse Dame des New-Orleans-Pianos, die, bald 70-jährig, noch groovt, dass es eine Freude ist. Weiter die stimmgewaltige Deva Mahal, die sich aus dem Schatten ihres Vaters Taj Mahal löst, oder die gebürtigen Briten James Hunter und Jon Cleary, die uns in diesem Jahr den besten amerikanischen Soul serviert haben.

Und kennen die die Punch Brothers oder die Frauenband I’m With Her? Beide pflegen den konzertanten, progressiven Blue Grass. Ein Genre, das hier kaum beachtet wird, weitgehend unbekannt ist. Ein Genre, das durch die akustische Instrumentierung der Tradition verpflichtet ist, aber die ausgetretenen Pfade des Hillbilly längst verlassen hat und nach neuen Ausdrucksformen sucht. Neugierig, überraschend und hochvirtuos. Grosse Kunst. Zum Heulen schön.

Künzlis Playlist

U.S. Girls: Time

Sophie: Ponyboy

Rosalia: Malamente

Julia Holter: Chaitius

Donny McCaslin: Club Kidd

Bettye Lavette: Things Have Changed

Marcia Ball: Shine Bright

Deva Mahal: Run Deep

Jon Cleary: Dyna-Mite

James Hunter: I Don’t Wanna Be Without You

I’m With Her: See You Around

Punch Brothers: All Ashore

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Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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