Wer die ikonische Sängerin Nana Mouskouri nur von «Weisse Rosen aus Athen» kennt, hat eine Menge verpasst. Zum Beispiel die Zusammenarbeit mit Quincy Jones oder mit Harry Belafonte («An Evening with Belafonte/Mouskouri»). Das feine Jazz-Folk-Balladen-Album «Nana – arranged & conducted by Bobby Scott» ist 1965 erschienen und nun neu veröffentlicht worden. Die 83 Jahre alte Mouskouri ist mit über 300 Millionen verkauften Tonträgern nach Madonna die zweiterfolgreichste Sängerin. Sie ist in Kreta geboren, lebt aber seit Jahren am Genfersee, wo wir sie trafen.

Frau Mouskouri, Sie leben mit Ihrem Gatten seit vielen Jahren in der Schweiz. Was ist der Grund?

Nana Mouskouri: Ich fühle mich in der Schweiz sehr wohl. Und man muss nicht um sein Leben fürchten. Im Winter wird es sehr kalt, das gefällt mir nicht so gut, doch dafür gibt es hier keine Hurricanes wie in der Karibik. Ich habe aber auch noch ein Haus in Paris.

Sie sind in den 60er-Jahren nach New York gegangen. Wie haben Sie jene Zeit in Erinnerung?

Quincy war massgeblich für meine Karriere. Er nahm 1962 mit mir das Album «The Girl from Greece Sings» auf, eine Sammlung von Broadway-Songs. Ich war 27, als ich nach New York kam. Für mich als junge Frau aus Griechenland war es klasse in Amerika, eine tolle, aufregende Zeit.

Ein Kulturschock?

Eine Welt, die ich nicht kannte. Es war so, dass ich in New York ständig abgleichen wollte, was ich schon in Filmen gesehen hatte. Ich suchte die Strassen, in denen Musik gespielt wurde. Ich war sehr durstig, alles aufzusaugen. Quincy nahm mich oft mit nach Harlem ins «Apollo Theatre», wo ich jeden Abend andere Künstler sehen konnte. Ich hatte so viel Glück.

In den 60ern wandelte sich die Gesellschaft. Wie haben Sie es erlebt?

Als einen Ruck. Bob Dylan, Joan Baez, die Beatles, die Rolling Stones. Die Zeiten waren wild, und ich war mittendrin. Zugleich passierten schrecklich traurige Dinge. Die Rassenunruhen in den USA, Martin Luther King, der beginnende Vietnamkrieg. Ich habe dagegen angesungen, ich wollte gegen den Krieg ansingen, die Menschen zum Lächeln bringen. Die Welt war hin- und hergerissen, es gab eine grosse Aufbruchsstimmung und zugleich eine grosse Traurigkeit. Mich erinnert jene Epoche stark an unsere Zeit jetzt. Die Menschen sind so traurig.

Sie singen gegen diese Traurigkeit?

Ja. Ich möchte den Menschen Hoffnung geben. Ich selbst spreche mir beim Singen Zuversicht zu, und ich hoffe, dass es allen, die mir zuhören, auch gelingt.

Wollen Sie mit Ihren Liedern ablenken und die Sorgen wegdrücken?

Nein, ich sage nicht, dass wir vergessen und verdrängen sollen, was um uns herum geschieht. Im Gegenteil. Doch grundsätzlich entspricht es meinem Wesen, Optimismus zu haben. Selbst in Amerika. Der Rassismus der Sechziger konnte ein gutes Stück zurückgedrängt werden, und auch hier in Europa wird sich vieles wieder bessern. Wir sollten nicht in Angst und Panik verfallen. Die Welt wird schon nicht kaputtgehen.

Sie haben den Zweiten Weltkrieg als Kind erlebt. Härtet eine solche Erfahrung für das restliche Leben ab?

Es macht mir Sorgen, wenn ich die damalige Zeit mit heute vergleiche. Nach dem Krieg haben wir uns zusammengerauft und zusammengehalten. Wir waren erschöpft vom Krieg, und wir wollten wirklich Frieden schaffen und bewahren. Wir suchten Liebe und Harmonie – und fanden sie. Heute ist der Krieg nicht so greifbar und klar wie seinerzeit. Er findet versteckt statt und ist überall. Er spaltet Gesellschaften, man kommt ihm nicht bei.

Als Expertin fürs Zusammenbringen von Menschen – wie können Gesellschaften zueinanderfinden?

Man muss sich austauschen. Offenheit ist ganz wichtig. Man darf sich nicht abschotten, nicht zumachen. Überall, wo ich hinkam, habe ich Freunde gefunden. Udo Lindenberg ist ein alter Freund von mir, Cliff Richard, Elton John. Überall auf der Welt gibt es Menschen, die ich bewundere und die mich mögen. Anderen Leuten dabei zu helfen, sich auszutauschen, zu respektieren und mit allen Unterschieden zusammenzuleben, das treibt mich an.

Sie hatten in Athen Gesang und Klavier studiert, waren in Griechenland ein Star, als Sie 1960 das Land verliessen, um nach Deutschland zu gehen. Das war nicht üblich damals für ein junges Mädchen, oder?

Ja, aber was hätte ich denn machen sollen? Ich liebe meine griechische Heimat, ich liebe die Griechen, aber ich wollte die Welt kennen lernen. Ich war neugierig, sang unterschiedliche Stile. Als ich nach Deutschland kam, habe ich versucht, die Sprache zu lernen. Das hat aber nicht so gut geklappt.

«Weisse Rosen aus Athen» singen Sie ziemlich akzentfrei.

Ich war ehrgeizig. Und die Deutschen schlossen mich sehr schnell ins Herz. Für die Deutschen war Griechenland ein Traumland, und das nur 15 Jahre nach Ende des Krieges.

Sie haben die «Weissen Rosen» auf Englisch, Italienisch, Französisch und Spanisch gesungen. Funktioniert das Lied überall auf der Welt?

So ist es. Die griechische Musik war mein Türöffner, doch ich wollte mehr über die unterschiedlichen Länder und ihre Musik wissen. Also sang ich überall Folksongs, nur dass die in Deutschland Schlager, in Frankreich Chanson und in den USA Country heissen.

Wie geht es den Griechen aktuell?

Griechenland wird nicht untergehen. Aber es dauert, diese Krise zu überwinden. Wichtig ist, dass die Menschen wieder an sich glauben. Griechenland hat eine grossartige Kultur, eine grossartige Haltung. Ich glaube an meine Landsleute, auch wenn ich nicht immer die Ansichten der Politiker teile.

Sie waren einmal Politikerin. Für die konservative Nea Dimokratia sassen Sie 1994 bis 1999 im EU-Parlament. Wie sehen Sie das heute?

Ich würde es nicht wieder tun. Ein guter Freund von mir war damals Parteichef und hat mich gefragt. Ich wollte nicht kneifen, obwohl ich wenig von Politik verstehe. Ich habe versucht, so gut es ging, meinem Land zu helfen, das waren fünf Jahre sehr ernsthafter und konzentrierter Arbeit. Aber dann war es auch genug.

Sind Sie eigentlich stolz auf Ihren Look? Die Frisur und die Brille sind schon sehr ikonisch.

Ja, ich weiss. Aber als «Look» war das nie geplant. Im Gegenteil. Ich war ein Mädchen, das andere Prioritäten hatte als sein Äusseres. Ich wollte lernen. Da wir wenig Geld hatten, musste ich ausserdem arbeiten. Ich war dick, hatte die Brille und Komplexe. Alle lachten mich aus. Eine Brille war nicht cool in den Fünfzigern, doch ich brauchte sie nun mal. Ob im TV oder in den Clubs – immer sollte ich meine Brille absetzen. Ich sagte: Nein. Wenn ich eine Brille brauche, trage ich sie auch auf der Bühne. Ich verstelle mich nicht.

Sie wollten schon mal aufhören mit Singen.

Ich bin Sängerin und werde singen, solange ich auf meinen beiden Beinen stehen kann. Ella Fitzgerald, mein grosses Idol, sang noch, als sie schon im Rollstuhl sass. Das werde ich nicht tun. Als ich 70 wurde, dachte ich, ich höre besser bald auf, also ging ich noch einmal auf Tour, und diese Tour dauerte acht Jahre. Dann war sie zu Ende, und mir war langweilig. Und so kehrte ich drei Jahre nach meinem Abschied auf die Bühne zurück (lacht). Die Bühne ist der Ort, an den ich gehöre.