Das Telefon klingelt – 25 Minuten vor dem Interviewtermin. Aufnahmegerät und Fragen sind noch in der Tasche, ich selbst im Mantel, am anderen Ende der Leitung Stardirigent Christian Thielemann, der für seinen preussischen Ordnungssinn bekannt ist. «Herr Thielemann, Sie sind zu früh», eröffne ich das Gespräch etwas anders als geplant. «Frau Kardos, ich rufe Sie in fünf Minuten nochmals an», antwortet ein äusserst freundlicher Christian Thielemann. Als es wenig später zum zweiten Mal klingelt, sind wir quasi schon mitten im Gespräch ...

Als Kind haben Sie bis Punkt sechs Uhr Glockenschlag geübt. Am Montag werden Sie 60. Pflegen Sie immer noch eine so strenge Tages-Struktur?

Christian Thielemann: Nee, das habe ich mir abgewöhnt. Das war ja auch die Zeit, als ich zur Schule ging bis vier. Damals liess sich das nicht umgehen.

Ich musste an Robert Schumann denken, der sogar seine Spaziergänge im Tagesablauf auf die Minute genau festlegte.

Ach, ich bin da nicht so genau.

Sie sind Musikdirektor in Bayreuth, haben ein Buch geschrieben, «Mein Leben mit Wagner». Wie stehen Sie zu Schumann?

Oh, Ich bin seit meiner Jugend ein wahnsinniger Schumann-Fan. Diese Fantastik der Musik hat mich so fasziniert. Ich habe immer gedacht: Schumann hat die Hysterie erfunden.

Warum die Hysterie?

Dieses himmelhoch Jauchzende – zu Tode Betrübte, wie im «Manfred», das gibt es nirgendwo zerrissener. Da geht auch der dritte Akt von Tristan nicht darüber hinaus. Ich glaube, dass Wagner Schumanns Musik sehr gut gekannt hat.

Die beiden haben sich respektiert, aber nicht gemocht.

Es gibt da eine lustige Geschichte: Sie haben sich getroffen in Dresden ...

... ich kenne die Geschichte...

... jajajaja (enthusiastisch)! Und hinterher hat man Schumann gefragt, na wie wars denn mit Wagner? Und Schumann sagte: Es war schrecklich, der redet die ganze Zeit. Und dann haben sie den Richard gefragt, na wie wars? «Entsetzlich, Schumann sagt ja nichts.» (lacht)

Ist Schumann Gift?

Gift? Nein. Ich glaube, dass Schumann immer mit dem feinen Pinsel aufträgt. Mit dem allerfeinsten. Vielleicht kommt das bei vielen gar nicht so an.

Ich frage, weil Sie sagten, Wagner gehöre in den Giftschrank ...

Wissen Sie, der Wagner greift nach Ihnen. Sie können nicht entkommen. Wenn gewisse Leute sagen, ‹Ich hasse Wagner›, kann das nicht anhören, dann wird deutlich, wie sehr er nach Ihnen greift. Das spricht wieder für ihn.

Für die Macht der Musik?

Genau. Bei Schumann ist das überhaupt nicht so gewaltsam. Den müssen Sie zu lesen verstehen.

Sie sagten, Sie müssten pingelig sein können. Sonst habe die Arbeit gar keinen Sinn.

Das habe ich bei Richard Strauss gelernt. Der ist ein Meister in feinsten Verästelungen. Das Strauss-Dirigieren hat bei mir auf Wagner abgefärbt und dann habe ich bemerkt, dass es für alles gut taugt. Wie in der Schule früher, wo einige Lehrer immer gleich brüllten. Es gab aber auch die leisen. Wenn die mit einem Mal etwas gesagt haben, dachte man: Ach, jetzt hören wir aber ganz genau hin. Es nutzte sich nicht ab.

Auch Sie sind beim Dirigieren zurückhaltender geworden.

Ich habe mich in den letzten Jahren sehr verändert. Das ist wie über Nacht gekommen – ach, vielleicht habe ich es auch ein bisschen vorangetrieben, weil ich merkte, ich kam nicht weiter. Ich war selbst nicht so zufrieden.

Trotz glanzvoller Karriere nicht?

Manchmal will man so viel, so viel! Und stellt dann fest, dass das Gegenteil richtig ist. Aber wenn man jünger ist, meint man: Wenn ich jetzt nichts will, denken die Leute, ich habe nichts zu sagen.

Schumann hat in seiner Frühlingssymphonie die programmatischen Überschriften gestrichen, weil «der feinfühlige Deutsche nicht angeleitet werden will». Wie sehr müssen Sie ein feinfühliges deutsches Orchester anleiten?

Sie müssen ein feinfühliges Orchester sowieso nicht anleiten. Bloss dadurch dass Schumann nicht so im Repertoire ist, ist es schon etwas anderes. Manchmal muss man schon sehr um Schlichtheit bitten. Der langsame Satz der Ersten ist von einer heiligen Einfachheit. Da spielen Sie mit 150-prozentigem Ausdruck, aber machen wenig. Wie bei Mozart, wo man auch nicht so viel Prätention hineindrücken will.

Sie haben soeben Schumanns Sinfonien mit der Staatskapelle Dresden eingespielt.

Was die Instrumentierung angeht, haben wir staunend entdeckt: Wenn wir die Melodie einfach führen lassen, ergibt sich sehr viel von selbst. Wir haben bloss nicht so viel Routine mit Schumann wie mit Beethoven, wo wir intuitiver ausgleichen. Als ich die Aufnahme angehört habe, war ich mit mir halbwegs zufrieden – so ganz zufrieden ist man ja nie. Aber es ist sehr schön, dass sie live ist, weil eine Ehrlichkeit dabei ist: So war es an diesem Abend.

Dirigent Simon Rattle hat gesagt, in seinem Kopf klinge immer Musik. Geht es Ihnen ähnlich?

Überhaupt nicht. Ich verbanne die Musik aus meinem Kopf, stelle die richtig ab.

Wie stellt man die ab?

Das weiss ich auch nicht. Wenn ich mal weg bin und nichts studiere, ist es schön, eine gute Bibliothek zu geniessen und nicht nur ein Glas Wein zu trinken – dann kann ich gar nicht mehr studieren. Ohne das fände ich das Leben einseitig. Je älter ich wurde, desto mehr habe ich auch meine andere Seiten zugelassen.

Viele Musiker sagen, die Musik sei wie ein Vampir, der einen aussauge.

Sie haben recht, mich macht diese Intensität fix und fertig, sodass ich vor der Musik flüchten muss. Es ist ein Selbsterhaltungstrieb.

Sie exponieren sich aber auch. In der «Zeit» schrieben Sie einen Essay, man müsse den Pegida-Demonstranten zuhören.

Ha! Das hätte ich besser nicht getan! Das wurde falsch verstanden. Aber wenn man zu diesen Themen Stellung nimmt, gerät man sehr schnell ins Fegefeuer.

Wie war der Text gemeint?

Ich habe versucht, wiederzugeben, was ich erlebt habe. Auf dem Theaterplatz vor der Dresdner Oper bin ich von Demonstranten angesprochen worden. Ich fragte: «Warum sind Sie hier?» Sie sagten, sie würden sich über tagespolitische Dinge aufregen und dass an ihrem Haus eine Sickergrube nicht funktioniere. Da habe ich gefragt: «Aber wissen Sie denn, was hier noch geredet wird?» Sie sagten, ja, das täte nichts zur Sache. Denn man müsste generell mal protestieren. Das meinte ich mit: Hört den Leuten zu, die da hingehen. Und dann hat man gesagt, ich hätte Verständnis für Pegida. Das stimmt nicht.

Wurde Ihre Aussage von aussen vereinnahmt?

Wenn Sie in meinem Beruf so eine Meinung wirklich vertreten würden, dann würden Sie armselig dastehen. Es sind so viele Menschen aus aller Herren Ländern in einem Theater. Wir spielen von Luigi Nono bis Debussy alle Komponisten. Man würde sich ja den Ast absägen, auf dem man sitzt. Ich kenne am Theater keinen Einzigen, der solche Meinungen vertreten würde. Aber vielleicht habe ich daraus gelernt, dass es nicht gut ist, wenn Sie als Musiker zu solchen Fragen Stellung nehmen.

Muss man Kunst und Politik trennen?

Eigentlich nicht. Aber Sie sehen ja ... (lacht) dann kriegen Sie eins übergebraten. Wir können es oft nicht trennen und würden so gerne.

Sie gelten auch sonst als Dirigent, der keine Konflikte scheut.

Das ist auch eine Altersfrage. Es wäre ja schlimm, wenn Sie mit 20 oder 30 nicht mal daneben hauen könnten. Ich selbst habe auch Fehler gemacht, bin mit der Berliner Schnauze aufgewachsen. Da sagt man schnell etwas, was in südländischeren Landesteilen missverstanden wird. Als Schweizerin denken Sie in Berlin: «Mein Gott, diese Leute». Aber wenn man jünger ist, denkt man: Ich bin ich und ich mache das so. Man überlegt sich nicht, dass andere Leute das vielleicht in den falschen Hals kriegen könnten.

Sie gastieren kaum in der Schweiz.

Das ist traurig. Ich habe an der Oper Zürich einiges dirigiert. Es war traumhaft, dort zu sein. Aber dann entwickelte sich die Karriere anderswo hin. Und ich bin achtsam, mein Privatleben zu haben. Also muss ich irgendwas opfern. Ich habe die Staatskapelle, die mich sehr fordert, dann mache ich Bayreuth und mit den Wiener Philharmonikern eine Menge, bin regelmässig in Berlin und dann ist das Jahr voll.

Stichwort Jahr: Sie werden am 1. April 60. Als Dirigent hat man da gut noch 20, 30, 35 Jahre vor sich.

Aber ja!

Was möchten Sie unbedingt noch machen?

Sie meinen: Was ich vorhabe? (lacht lange) Vielleicht müsste ich mein Repertoire erweitern. Andererseits ist es auch gut, sich das aufzuheben. Man muss mit 50, 60 doch nicht durchs gängige und nicht gängige Repertoire sein. Warum denn? Man kann gelassen sagen: Jetzt suche ich mir das aus und dann jenes. Das Wichtigste ist die Gesundheit. Toi, toi, toi, die ist bei mir tipptopp.

Obwohl Sie, wie in einer TV-Doku zu sehen, gerne Currywurst essen.

Man muss dankbar sein, dass die Gesundheit mitmacht. Das Allerwichtigste, was man sich wünscht, ist geistige Gesundheit, körperliche Gesundheit. Der Rest kommt dann schon.