Afropfingsten

Musik aus Afrika: Wo ist die nächste Revolution?

Ali Farka Touré ist der Pionier des Mali-Blues. Der Boom hält bis heute an.

Ali Farka Touré ist der Pionier des Mali-Blues. Der Boom hält bis heute an.

Einst waren sie führend in der Worldmusik. Heute ruhen sich die Afrikaner auf ihren Lorbeeren aus. Die Musik stagniert. Trotzdem macht im Westen ein Land Furore: Mali.

Eigentlich paradox: Viele Jahre lang erfreuten uns die Afrikaner mit grossartiger Musik und neuen Ideen. Ab Ende der Siebzigerjahre zeigten sie uns, wie man uralte Musiktraditionen in die Neuzeit rettet, und stiegen damit auch bald in die europäischen Pop-Charts auf.

Salif Keita, Ismael Lô, Johnny Clegg, Mory Kante, Touré Kunda, Youssou Ndour, Alpha Blondy und viele andere leisteten Pionierarbeit, füllten die grössten Hallen und waren dafür verantwortlich, dass sich das Genre «Worldmusik» ab Mitte der Achtzigerjahre überhaupt etablieren konnte.

In hundert Jahren Kolonisation hatten sie lernen müssen, wie man das eigene Wesen mit den Anforderungen Europas unter einen Hut bringt. Das war ihnen nun nützlich. Und sowieso: Wie bei uns wollte man auch in Afrika modern sein. Traditionelle Instrumente wurden mit elektrischen und akustische Klänge mit rockigem Sound getauscht.

Ismaël Lô - Dibi Dibi Rek (Original versión-1994)

Afrikanische Musik ist für viele Worldmusik-Fans der Kern der Sache. Sicher – Ende der Neunzigerjahre verliebte man sich in die kubanischen Sounds von Buena Vista Social Club und Co., zehn Jahre später rollte die Balkanwelle an, auch Orientalisches oder gar mal Indisches führt man sich gern zu Gemüte. Aber Afrika ist der gemeinsame Nenner fast aller, die Musik abseits des angloamerikanischen Pops suchen. Jedenfalls ist die Tanzfläche bei der Worldmusik-Disco immer am vollsten, wenn Afrika auf den Plattenteller kommt.

Das ändert leider nichts daran, dass seit langer Zeit nichts wirklich Interessantes mehr aus Afrika zu hören ist. Als eine in Europa stationierte Beobachterin ist mir natürlich klar, dass jede Menge Entwicklungen auf dem Kontinent niemals in Europa zu hören sind. So werden zwar gebietsweise sehr interessante Sounds entwickelt, die aber bei uns aus unerfindlichen Gründen unerhört bleiben.

In Südafrika beispielsweise gibt es seit rund 20 Jahren den Kwaïto – eine äusserst spannende Mixtur aus House, Techno, Hip-Hop und südafrikanischen Elementen. Kwaïto ist aber hier nur ein paar ganz Vergifteten überhaupt bekannt und hat es nie über diese Eingeweihten-Schwelle geschafft. Immerhin ist Kwaïto mit etwas Mühe auch bei uns beschaffbar.

Trompies - Sweety Lavo

Trompies - Sweety Lavo

Polyrhythmik verkümmert

Sonst herrscht das Immergleiche. Die alten Stars lassen sich nicht auf die Äste heraus. Die haben ihre Verdienste. Es wäre vielmehr an den jungen afrikanischen Musikern, sich endlich mal was einfallen zu lassen. Leider Fehlanzeige. Man schrummt liedermachermässig auf den Gitarren (natürlich mit «engagierten» Texten), man feilt an den Formaten, die schon vor dreissig Jahren im Repertoire standen.

Doch vor allem haut man auf die Tanzpisten-Pauke, das oberste Ziel jedes afrikanischen Popstars. Dort ist zu verfolgen, wie extrem die afrikanischen Sounds an Komplexität verlieren.

So sieht man nun junge Senegalesen – einst Meister komplexer Rhythmen und Tanzschritte – oft genauso unrhythmisch und hilflos herumstolpern wie wir Europäer. Ein elendes Trauerspiel, das mir die Tränen in die Augen treibt.

Die Musik folgt dem Phänomen: Sie wird immer simpler. Die berühmte afrikanische Polyrhythmik und Polymetrik verkümmern. Die Zeiten, wo in der nigerianische Band von 38 Mann (nur die Choristinnen sind weiblich) jeder seinen eigenen Rhythmus spielte, manche gar zwei oder drei, und das Ganze doch ein grandioses Einziges ergab – diese Zeiten sind wohl endgültig vorbei. Und wenn mal eine junge Band wie Mokoomba aus Zimbabwe mit fantastischem Sänger und interessanten Sounds für Aufregung sorgt, so serbelt sie kaum zwei Jahre danach wegen Streit und Missgunst dahin.

Die grösste musikalische Bewegung quer durch Afrika der letzten Zeit ist der Hip-Hop. Der Sound aus dem schwarzen Nordamerika verführt auch grosse Teile der afrikanischen Jugend. Und jung, unter 25, sind ja in Afrika weit mehr als die Hälfte. Wie bei uns dauert es aber, bis man sich vom Imitieren – womöglich mit englischen Texten – zum wirklich Eigenen vorarbeitet.

Kaum aufregende Sounds

Dies ist zum Beispiel in Ghana im Gang, wo sie aus den alten Highlife-Sounds den Hip-Life gebastelt haben, was oft originell, manchmal richtig gut kommt. Insgesamt aber gibt Hip-Hop musikalisch leider nicht wirklich viel her: Der Schwerpunkt liegt auf dem Wort; Melodie, musikalische Raffinesse und Rhythmus bleiben in engen Schemata. Wenn man dann die Texte nicht versteht, bleibt nicht viel übrig.

Aufregend sind die afrikanischen Sounds also kaum mehr. Kein Wunder, hat sogar das grösste Afrika-Festival der Schweiz, die Afropfingsten, seit Jahren Probleme, seine 3500er-Halle zu füllen. Die Einzige, die das noch halbwegs schafft, ist Angélique Kidjo. Aber die kann man ja nicht jedes Jahr einladen. Eben: die Alten hat man gesehen, neue Offenbarungen bleiben aus.

Angelique Kidjo - AGOLO

Angelique Kidjo - AGOLO

Ein Land in Afrika sticht aber an Beliebtheit im Westen heraus: Mali. Drei bis vier von zehn World-Neuerscheinungen kommen derzeit aus dem westafrikanischen Staat; er besetzt oberste Plätze in den Worldmusik-Charts. Und das, obwohl auch die Malier kaum Bäume ausreissen im Erforschen neuer Sounds. Den Maliern stehen jahrtausendalte kulturelle Traditionen zur Seite.

Mali war Zentrum des Manden-Reiches, das ab dem 12. Jahrhundert fast ganz Westafrika umfasste, vergleichbar mit jenem Karls des Grossen in Europa. Bis heute leben Sprachen, Traditionen und Gesellschaftsordnung des Manden. Vor allem die Institution der Griots ist diesen Völkern heute noch äusserst nützlich. Griots sind nämlich die professionellsten Kommunikationsleute, die man sich denken kann. Vom Mutterbauch an – das Griot-System ist erblich – werden Griots darin geschult, mit dem Einzelnen, der Gruppe und der Masse umzugehen.

Brikama Griots

Brikama Griots

Griots – schwer zu übertreffen

Ob sie dies dann in der Politik tun, in Unternehmen, bei Gesellschaftsanlässen oder eben auf Bühnen – Griots wissen, wie man etwas erreicht beim Menschen. Dass sie dies schon immer meist mit Musik taten, hat ihre Sounds zu höchster Vollendung gebracht. Manden-Musik ist an Schönheit, Raffinesse und Spannung schwer zu übertreffen, die Stimmen sind Weltklasse. Den schwierigen Spagat zwischen urchigem Afrika und digital-poppigem Europa schaffen Griots wie kaum jemand. Im Westen liebt man sie dafür.

Bombino, "Tar Hani" Live

Bombino, "Tar Hani" Live

Nicht direkt zum Manden gehören die Völker im Norden Malis, die Songhai, Tuareg und so weiter. Auch sie waren vom Manden zumindest beeinflusst und haben einiges Know-how abgeschaut. Überdies kommt ihnen ein weiterer Glücksfall zu Hilfe: Ihre Musik klingt so stark nach Blues, dass sowohl viele von ihnen selbst als auch viele Westler davon überzeugt sind, dass der Blues ursprünglich aus dem nördlichen Mali kommt, von afrikanischen Sklaven nach Amerika mitgebracht.

Ali Farka Touré war der Pionier, der schon in den Siebzigerjahren in Europa seinen Songhai-Blues veröffentlichen konnte. Als er in den Neunzigerjahren von Ry Cooder «entdeckt» wurde und mit diesem 1994 ein gemeinsames Album herausgab («Talking Timbuktur»), begann ein richtiger Mali-Blues-Boom, der bis heute anhält. Gruppen wie Tinariwen, Tourés Sohn Vieux Farka Touré oder Bombino reiten auf dieser Welle und sind immer wieder in Europa auf Bühnen zu Gast.

Ali Farka Touré & Toumani Diabaté - Debe live at Bozar

Ali Farka Touré & Toumani Diabaté - Debe live at Bozar

Schön für die Malier, dass sie im Westen so viele treue Freunde haben. Schöner wäre, deren Aufbruchstimmung würde sich auch musikalisch ausdrücken. Wir warten und hoffen gespannt auf die nächste musikalische Revolution aus Afrika.

Afrika in der Schweiz 25. Afropfingsten vom 19. bis 24. Mai in Winterthur.

Beste Bezugsquelle für afrikanische Musik ist das Portal sternsmusic

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