Mundartsänger Ritschi hatte in Art und Aussehen immer etwas Bubenhaftes. Zum Interview im Restaurant Einstein in Aarau erscheint er jetzt mit Brille, Glatze und neuen Falten. Am 7. März, einen Tag vor der Veröffentlichung seines neuen Albums «Patina», wird er 40. Ritschi thematisiert das Älterwerden offensiv.

Verarbeiten Sie in «Patina» Ihre Midlife-Crisis?

Ritschi: Ich glaube eher, dass ich sie überwunden habe. Ich habe eine wunderbare Frau, tolle Kinder und kann das machen, was ich am liebsten mache. Nach so vielen Jahren darf ich immer noch Musiker sein. Das ist nicht selbstverständlich.

Offenbar hatten Sie eine Krise.

Ja, eine Zeit lang konnte ich mein Glück einfach nicht sehen. 2014, nach dem Release meines zweiten Soloalbums «Öpfelboum u Palme» war mir alles ein bisschen «verleidet» Ich zweifelte, haderte und wusste nicht, wie weiter. Ich habe mich ernsthaft damit auseinandergesetzt, mit der Musik aufzuhören, ganz etwas anderes zu machen. Zum Glück habe ich mich anders entschieden und bin mit neuem Sound zurückgekehrt.

Trotzdem: Gut die Hälfte der Songs handelt vom Älterwerden.

Klar, auch ich kann den Prozess der Alterung nicht aufhalten. Diese Themen beschäftigen mich, beschäftigen alle. Meine Themen sollen nachdenklich sein, die Leute berühren. Aber ich habe mich beim Songschreiben gut gefühlt, weshalb jeder Song hoffnungsvoll endet. Das Positive steht im Vordergrund. Es geht aufwärts. Ich würde es jedenfalls bedauern, wenn meine Songs so rüberkämen, als hätte ich ein Problem mit dem Älterwerden.

Sagen wir es so: Die Ambivalenz zwischen Ihrem Familienglück und dem Bedauern über den Verlust der Jugend und damit der Freiheit kommen in den Texten zum Ausdruck.

In «Umami» singe ich: «I wot meh, viel meh, als es Huus u ne Hund u ne Gartehaag.» All das erreicht zu haben, macht mich zwar stolz, es ist jedoch nicht das Ende vom Lied. Mein Glück liegt nicht nur im Materialistischen. Ich suche immer wider nach neuen Herausforderungen. Die Komfortzone verlassen, etwas wagen, Grenzen suchen. Es geht darum, dass man, egal in welcher Situation man ist, das Glück ständig suchen muss. Das Glück fällt einem nicht zu. Man muss etwas dafür tun.

Also die Glatze steht Ihnen gut.

Danke, gleichfalls. Aber in einem Geschäft wie dem Musikbusiness, wo die Jugend so gefeiert wird und man sich ständig zeigen muss, fällt das Älterwerden noch schwerer.

Ach was! Endlich sehen Sie aus wie ein richtiger Mann.

Das war ich schon lange, nur wollte das niemand sehen (lacht). Ich gehöre inzwischen zu den älteren in der Musikszene, und in einigen Dingen sind die jungen Künstler natürlich fitter als ich.

Inwiefern?

Heute konsumieren die Leute Musik via Streamingplattformen. Es zählen nicht mehr Albumverkäufe, sondern gestreamte Songs und Klicks auf den sozialen Medien. Reichweite ist die Währung. Da kommt ein Künstler aus meiner Zeit oft kaum mehr mit. Mit 2800 Followern auf Instagram lässt sich da nicht viel reissen. Es zählt Visibilität und das lässt sich für Künstler, die sich primär über Musik definieren, oft schwer umsetzen. Meine Fans sind weder auf Instagram noch auf Twitter. Meine Fans sind mit mir älter geworden, sie streamen noch nicht, sie kaufen mein Album. Doch für die Radios zählt das nicht. Also finden meine neuen Songs im Radio kaum statt. Die neuen Mechanismen des Musikgeschäfts benachteiligen mich und meine Generation. Trotzdem bin ich überzeugt, dass ich es schaffen werde.

Sina und Kunz haben trotzdem die Spitze der Charts gestürmt. Das sollte für Sie auch möglich sein.

Klar, Platz 1 ist angepeilt. Ob es reicht, werden wir sehen. Aber was das Alter eben auch mit sich bringt, ist eine gewisse Nonchalance. Ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen.

Die neue Ära ist für Mundart-Künstler besonders hart, weil der Markt so klein ist. Wie reagieren Sie auf diese Situation? Wie sieht das Geschäftsmodell Ritschi 2.0 aus?

Auch Kleinvieh macht Mist. (lacht) Ich habe viele Talente und immer einen Weg gefunden. Zudem habe ich mich mehr als früher auf Nebenprojekte eingelassen, in denen mein Songwriting gefragt ist. Im Sommer starte ich mit Songwriting für ein Musical.

Aha! Was denn für ein Musical?

Ein Musical von Marco Rima. Viel kann man noch nicht sagen. Aber Marco denkt gross und will mich als Songschreiber an Bord haben.

Erhalten Sie viele Tantiemen?

Im Zeitalter vom Streaming sind auch die natürlich weniger geworden. Aber für schöne Ferien reicht es alleweil. Um beim Geschäftsmodell zu bleiben: Ich verlasse mich da lieber auf Dinge, die ich weiss. Ich mache vieles selber. Grafische Arbeiten, Videos schneiden. Daneben habe ich einen Auto-Sponsor, der mich seit Jahren unterstützt, und mache auch daheim viele Handwerksarbeiten selber. Dadurch spare ich Geld. Nur wenige Schweizer Musiker können nur vom Musikmachen leben. Ich kann das und fühle mich deshalb privilegiert. Die meisten müssen verschiedene Standbeine aufbauen.

Wie sieht Ihr Familienmodell aus?

Zwei Tage pro Woche arbeitet meine Frau, und ich bin ich für die Kinder da. Montag und Dienstag sind meine Papi-Tage. Wir sind eine moderne Familie. Statt mir den Kopf zu zerbrechen, wie ich mehr verdienen kann, arbeitet meine Frau. Sie kommt mal raus, und ich sehe die Kinder aufwachsen - eine Win-win-Situation. Deshalb schmerzt mich auch die 4 vor dem 0 nicht.

Sie haben Musical und bei Sinas Album Backing Vocals gesungen.

Das bei Sina war ein Freundschaftsdienst, und Musicalsänger ist keine wirkliche Option. Das Musicalbusiness ist noch härter als das Popgeschäft, drum: Schreiner, bleib bei deinen Leisten. :-) Das Engagement bei «Io senza te» hat mir sehr grossen Spass gemacht und wenn sich wieder mal etwas ergeben sollte, wieso nicht? Meine Prioritäten liegen aber im Moment bei meinem neuen Album «Patina» und meinen Konzerten.

Haben Sie den Entscheid, bei Plüsch aufzuhören, je bereut?

Dass es Plüsch nicht mehr gibt, ist kein Entscheid, den man bereuen könnte. Die Mitglieder haben sich auseinandergelebt. Es wäre für niemanden gut gewesen, so weiter zu machen. Und wie sagt man doch? «Wer nicht bereit ist, loszulassen, hat auch nicht die Hände frei für Neues.» Was ich in den letzten zehn Jahren mit meiner Musik erlebt habe, möchte ich nicht missen. Und wer sagt, dass es nicht wieder einmal ein Plüschkonzert geben wird? Plüsch hat sich schliesslich nie aufgelöst.