Musik-Geschichte

Muddy Waters ist der König des Chicago Blues und Urvater des Rock

Muddy Waters

Muddy Waters

Muddy Waters wurde am 4. April vor 100 Jahren im Mississippi-Delta geboren. Als er 1983 starb, war er zum König des Chicago Blues und Ur-Vater des Rock avanciert.

Chicago, November 1981: In der Checkerboard Lounge spielt die Blueslegende Muddy Waters. Plötzlich, während des Konzerts, geht ein Raunen durchs Publikum. Eine Gruppe von Leuten, angeführt von Mick Jagger, Keith Richards und Ron Wood, betritt den Club. Sie setzten sich zuerst hin. Dann kommen sie nacheinander auf die kleine Bühne. Die zusammengewürfelte Band spielt «Baby Please Don't Go», «Hoochie Coochie Man» und dann «Mannish Boy» aus dem Jahr 1955. «I'm a Man», johlt der Stones-Sänger und tänzelt nervös um die lebende Legende herum. Richards und Wood spielen das uralte Gitarren-Riff, das wie kein anderes den Blues, die Rockmusik bis zum Metal geprägt hat.

(Quelle: youtube/TheRollingStones)

Muddy Waters & The Rolling Stones - Baby Please Don't Go

Country Blues: Die Urform des Blues, entstanden um die Jahrhundertwende in den Südstaaten der USA. Diese singenden Blueser hatten keine Band, sondern begleiteten sich selbst auf der akustischenGitarre.Delta Blues: Die bedeutendste regionale Version des Country-Blues aus dem Mississippidelta.Rhythm & Blues oder R&B: Sammelbezeichnung für die nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA aus der afro-amerikanischen Bluestradition entstandene professionelle Unterhaltungsmusik. Nicht zu verwechseln mit dem heutigen R'n'B.Chicago-Blues: Die elektrifizierte urbane Version des Delta-Blues. Der Chicago-Blues entstand nach dem Zweiten Weltkrieg und wurde mit Band in der Besetzung Gitarre, Bass und Schlagzeug umgesetzt. Gilt als der Vorläufer der Rockmusik. (SK)

Es ist ein Konzert von symbolischem Gehalt. Zwischen den Stones sitzt ein zufriedener Muddy Waters und ruht in sich selbst. Er lächelt: Seine Botschaft ist angekommen. Es ist das letzte bekannte Tondokument von Muddy Waters. In der Folge ging es ihm gesundheitlich immer schlechter und anderthalb Jahre danach starb er im Alter von 70 Jahren an einem Krebsleiden.

(Quelle: youtube/GtrWorkShp)

Muddy Waters spielt «Manish Boy»

Muddy Waters ist vor 100 Jahren, am 4. April, unter dem Namen McKinley Morganfield, irgendwo im Staate Mississippi geboren. Sein Geburtsort ist umstritten, unumstritten ist aber seine enorme musikhistorische Bedeutung.

Er gilt als der König und Begründer des Chicago Blues, sein Einfluss reicht aber weit über den Blues hinaus ins Rockgenre. Die bis heute übliche Verwendung von Gitarren-Riffs als Grundlage der Blues- und Rockmusik geht auf Muddy Waters zurück. Gerade die Rolling Stones haben sich immer wieder auf Muddy Waters und dessen Chicago Blues berufen. Die Textzeile «I'm A Rollin' Stone - I'm A Man» aus «Mannish Boy» inspirierte sowohl die Rolling Stones als auch das Musikmagazin «Rolling Stone» zu ihren Namen.

Country-Blues im Delta

Als Muddy Waters die Welt erblickte, war der Blues noch eine Feierabendbeschäftigung von schwarzen Landarbeitern. Sie sangen Alltagsgeschichten für ein ausschliesslich schwarzes Publikum und begleiteten sich dabei selbst auf der akustischen Gitarre oder dem Banjo. Diese Urform des Blues, der sogenannte Country-Blues, klang roh, ungeschliffen und archaisch. Waters wuchs in Clarksdale, arbeitete in den 30er Jahren, wie alle, auf den riesigen Baumwollplantagen des Südens - und machte Musik. Sein grosses Vorbild war Son House, der grosse Mann des Delta Blues.

In den 30er-Jahren, in den Zeiten der wirtschaftlichen Depression, setzte die Wanderbewegung der amerikanischen Schwarzen in den Norden ein. Die Städte lockten mit Arbeit in der Auto-Industrie. Auch Muddy Waters zog es in den Norden, wo die Plattenfirmen ihren Sitz hatten. Inzwischen galt er als einer der talentiertesten Musiker im Delta und er wollte es als Profi versuchen. Er zieht nach St. Louis, doch nach zwei Monaten brach das Landei, von Heimweh geplagt, das Abenteuer ab und heuerte in seiner Heimat als Traktorfahrer an.

Entdeckt wurde er schliesslich 1941 von den renommierten Musikforschern Alan Lomax und John Work, die im Auftrag der amerikanischen Library of Congress die Volksmusik in den Südstaaten dokumentierten. Die faszinierenden Aufnahmen sind heute als «The Complete Plantation Recordings» erhältlich. Muddy spielt noch klassischen «Country Blues», also mit der akustischen Gitarre. Sein meisterhaftes Spiel mit dem «Bottleneck», die heulenden Verzierungen und seine kräftige Stimme sind aber schon erkennbar. «Ich hörte mich wirklich zum ersten Mal», sagte er Jahrzehnte später, «ich dachte, Mann, der Junge kann wirklich den Blues singen.»

Elektrifizierter Delta-Blues

Es war die Initialzündung für seine Karriere. Im Alter von 30 Jahren zog er in die grosse Metropole nach Chicago. Dort arbeitete er zunächst als Lastwagenfahrer, begann mit Verstärkern und Tonabnehmern zu experimentieren und wechselte bald zu einer elektrischen Gitarre der Marke Gretsch. Mit Kumpeln wie dem Gitarristen Jimmy Rogers entwickelte er eine elektrische Variante des akustischen Delta Blues. Dabei war Waters nicht der Erste, der auf die elektrische Gitarre setzte, aber niemand vor ihm hat es so konsequent gemacht.

Mit Muddy Waters begann der Siegeszug der elektrischen Gitarre in der Rock- und Popmusik, der bis heute anhält. Der Blues wurde urban und mit einer Band in der Besetzung Gitarre, Blues-Harp, Schlagzeug und Bass gespielt. Dabei wurde die elektrische Gitarre das dominierende Instrument, die Musik wurde härter, rauer, lauter und aggressiver. Einfache, auf wenigen Akkorden aufgebaute Riffs wurden zum Markenzeichen. Der Chicago-Blues wird zu einer Art Proto-Rock, zum Vorläufer der späteren Rockmusik.

Schon 1947 gehörte Muddy Waters zu den gefragtesten Musikern der Chicagoer Szene, doch sein Plattendebüt wurde erst 1948 veröffentlicht. Mit den Songs «I Can't Be Satisfied» und «Feel Like Going Home» erfolgt der grosse Durchbruch. In seiner hochkarätigen Band spielten Gitarrist Jimmy Rogers, der Blues-Harper Little Walter, der Pianist Otis Spann und der Bassist und Komponist Willie Dixon. Songs wie «Hoochie Coochie Man», «Mannish Boy», «I Just Want To Make Love to You» wurden zu Hits und Muddy Waters wurde zum Star und zum König des Chicago Blues.
Bis 1955 hielt die Hochblüte des Chicago Blues an, bis Bo Diddley, Chuck Berry & Co. mit dem Rock'n'Roll das Zepter übernahmen und damit auch ein wachsendes weisses Publikum erreichten. Der Chicago-Blues war dagegen lange eine Musik, die der afro-amerikanischen Gemeinde vorbehalten blieb.

Chicago-Blues erreicht Europa

Das änderte sich, als Ende der 50er-Jahre ein junges, weisses und gebildetes Publikum sich für den Blues zu interessieren begann. Es war in den USA vor allem ein ethnologisches Interesse. In England konnte sich die Jugend aber stärker mit dem ungehobelten, direkten, rüden und mit sexuellen Anspielungen gespickten Chicago-Blues Marke Muddy Waters identifizieren. Dazu gehörten Bands wie The Animals, The Beatles und vor allem The Rolling Stones. Die Autobiografie von Keith Richards ist aufschlussreich. «Der Rock'n'Roll der 50er-Jahre war ja inzwischen gestorben und zu Pop geworden - ausgelutscht. Rhythm and Blues war ein Begriff, auf den wir uns stürzten, denn er stand für die wirklich mitreissenden Bands aus Chicago», schreibt er im «Life», «wir wollten den Sound des Chicago Blues, so echt wie nur möglich.»

Waters erkennt die Chance und geht mit dem «American Folk Blues Festival» und Kollegen wie Memphis Slim, Sonny Boy Williamson auf Europatour. Diese ab 1962 in Europa präsentierten Festivals mit den verschiedensten Bluesgrössen lösten die erste grosse Blues-Begeisterung aus - vor allem in Grossbritannien. Das Festival beeinflusste viele Bands und gilt heute als wichtigste Inspiration und entscheidende Geburtshelferin der ersten europäischen Rock-Generation.

In den 70er-Jahren sank die Popularitätskurve von Muddy Waters markant. Die schwarze Gemeinde tanzte zum gediegenen Soul, zum schweisstreibenden Funk oder zur geschliffenen Disco-Musik.

Daneben wirkte der archaische Chicago-Blues wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Doch Muddy Waters hatte längst seine Mission erfüllt und seinen Platz in der Musikgeschichte eingenommen. Als König des Chicago-Blues und Wegbereiter der Rockmusik. Als Urvater des Rock.

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