50-Jahr-Jubiläum

Montreux Jazz Festival heisst: die grössten Bands im intimen Rahmen

Besannen sich ab Konzertmitte auf ihre Stärken und zündeten ihre Party-Petarden: Muse mit Sänger und Gitarrist Matthew Bellamy.Lionel Flusin

Besannen sich ab Konzertmitte auf ihre Stärken und zündeten ihre Party-Petarden: Muse mit Sänger und Gitarrist Matthew Bellamy.Lionel Flusin

Im 50. Jahr des Montreux Jazz Festivals wird die Essenz zelebriert – reinste Musik. Zwischen Liebe und Leidenschaft, Angst und Hoffnungslosigkeit.

Die grossen Muse am feinen Festival – welche Affiche. Die britischen Stadionrocker sind die neugierigsten der Branche und besitzen eine lukullische Freude, alle nur erdenklichen Show-Gadgets und Bombast-Verstärker in den grossen Stadien der Welt abzufackeln. «Go big – or go home» lautet das Motto der Band, deren Konzert in rekordverdächtigen drei Minuten ausverkauft war.

In Montreux steht das hart, schnell und laut musizierende Trio anfangs fast verloren auf der reduzierten Bühne der geschichtsträchtigen Strawinski-Halle. Hier, wo in der Vergangenheit Charles Aznavour freundlich mit Chansons la foule charmant umarmte, Prince 4000 Huldigende toben liess oder Miles Davis den Fans schnöde den Rücken kehrte.

Grosse Worte wie «Rights», «Amen» oder «Kill» wirken bei Muse für einmal wie schale Witze – weil sie Matthew Bellamy auch mit seinem schrillen Gesang am Ende des Nervenzusammenbruchs hier nicht mit grosser Geste zur vollen Dröhnung hochstilisieren kann.

Muse - Psycho

Muse - Psycho

Kunterbunter Kindergeburtstag

Ennio Morricones wunderbare Filmmusik verwandelten Muse dann doch zum «Spiel mir das Lied vom Pomp». Zur Halbzeit besannen sie sich auf ihre Stärken und zündeten die Party-Petarden: mit Lichtorgie und Video-Speed, Tänzerinnen in schrillen Kostümen, Konfettiregen und Ballonen. Das Konzert endete als kunterbunter Kindergeburtstag. Heiter statt düster.

Das ist Montreux: Hier darf man grösste Bands in intimem Rahmen erleben. Seinen Überfluss leistet sich das Festival, das sich weit über die Grenzen des Jazz hinaus disponiert hat, in der Essenz der bestmöglichen Sounds.

Und im bunten Mix der rund 300 Gruppen und Trendsetter, die es während 17 Tagen zu erleben gibt. Oft gehen einem da Raum und Zeit abhanden. Wie schön, dieser Luxus der Kultur!

Zum 50-Jahr-Jubiläum glänzen ganz viele Perlen. Etwa Jazz-Saxer Charles Lloyd, der als Altmeister mit den drei Jungspunden Eric Harland, Jason Moran und Reuben Rogers zum Schaulaufen rief. Packend das Interplay mit viel Platz für melodiöse Improvisation und kreatives Solieren.

Der Grandseigneur war nicht zum ersten Mal in Montreux, denn er spielte schon beim ersten Durchgang 1967 auf. Cool sein Jazz, cool auch sein Stil: Béret, Sonnenbrille, Big Smile und einhertänzelnd wie einst Cassius Clay – ein Grosser wie er darf das bei so viel Elan mit 78 ... Das Alter steht dem Festival gut an – zumal im Verbund mit der Jugend.

Die erste Ausgabe des Montreux Jazz Festival im Jahr 1967

Die erste Ausgabe des Montreux Jazz Festival im Jahr 1967

Hypnotische Hoffnungslosigkeit

Auch einen Blick in die Zukunft erlebte man: Den Blues 3.0 klagt ein gesichtsloser Antony Hegarty. Der Transgender firmiert neu nicht mehr als Antony and the Johnsons, sondern als Sängerin Anohni.

Sie wirkte unter einer seidenen Druidenkutte distanziert, dafür gab’s auf Video überdimensionierte Gesichter – wie von Naomi Campbell. Sie weinten, ja verzweifelten, weil sie Anohnis wunderbar traurige Texte stumm mitsingen durften.

Es sind Hymnen von Leidenschaft und Leid, Verirrung und Terror, Trauer und Tod, versammelt auf Anohnis neuster CD «Hopelessness». Eine eindrückliche Messe mit einer Priesterin der hypnotischen Hoffnungslosigkeit.

ANOHNI - 4 DEGREES (Official Preview)

ANOHNI - 4 DEGREES (Official Preview)

Im Vergleich dazu blieben die Franzosen Air mit ihrem aus den 90ern herbeigebeamtem Space-Pop leider reichlich banal. Kindermelodien, dazu Genuschel über den Vocoder – das Motto lieferten sie gleich selbst: «They watch the Stars».

Weiss gekleidete «Sexy Boys»

Romantisches Pennäler-Gesülze von den immerhin – weiss gekleideten «Sexy Boys». Die Sternengucker haben sich nach 20 Jahren überlebt, was die junge Konkurrenz anderntags bewies.

Das Berliner Trio Moderat – ein Fusion-Projekt von Apparat und Modeselektor – baut auf simple Beats und eingängige Melodien wie Air. Wie wurde das «Next Big Thing» des Electro-Stils für seine energetische Performance gefeiert!

Der packende Mix aus Pop-Party und Techno-Fuhr lockte das Publikum zu immer neuen Freudenjuchzern – dazwischen die einnehmend hohe Stimme von Sasha Ring. Tanzbar, intelligent, zeitgemäss.

Der Jubel-Jahrgang ist also vielversprechend gestartet. Mit klarster Akustik, gut gelauntem Publikum und wie stets gerührten Musikern, weil sie am weltbesten Festival auftreten dürfen. Die Höhepunkte der nächsten Tage: engagierte Lyrics von PJ Harvey und Patti Smith, harter Rock von ZZ Top und Slayer sowie bluesiger Soul von Van Morrison und Charles Bradley.

www.montreuxjazz.com

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1