Jazz Festival

Montreux ist die Party-Stadt der Schweiz

Das Montreux Jazz Festival konnte in der ersten Woche mit nahmhaften Acts locken. Stars wie Ricky Martin und Randy Crawford heizten dem Publikum kräftig ein. Aber auch die Jungsstars vermochten zu unterhalten.

«Montreux ist Party-Stadt!», sagte Dave Grusin (67) Anfang Woche, ein gestandener US-Filmmusikschreiber von mehr als 50 Soundtracks («Die Firma», «Tootsie», «Die fabelhaften Baker Boys»), der mit einem Oscar und acht Oscar-Nominationen geadelt wurde. Der sich selten auf Bühnen verirrende Studiomusiker war, wenn schon mal fern der Heimat, gleich zweimal in Montreux angetreten, seine Pianokünste zu zeigen: Einmal im Jazz-Quartett mit Lee Ritenour (59), dem ewig lächelnden Kalifornien-Gitarristen, ein anderes Mal zu Ehren einer Galanacht von Tommy LiPuma (75), einem der erfolgreichsten Produzenten Amerikas nebst Quincy Jones, diesem Schirmherrn des Festivals.

Das Schaulaufen unter den Augen des immer runder werdenden (und neben der Bühne während des vierstündigen Konzertreigens stets Häppchen fütternden) Quincy Jones war eines mit Höhen und Tiefen. Wie so oft bei den an bunte Vernissagen erinnernden Special Nights in Montreux: Es dominiert ein Kommen und Gehen, ein sich Abherzen und sich Präsentieren. Nur hier auf der öffentlichen Bühne. Bei Preisen von bis zu 280 Franken für einen Sitzplatz im Stravinski-Auditorium bleiben solche Abende wie auch die anstehenden Konzerte von Sting (11. Juli) und Deep Purple (16. Juli) mit Orchestern oder Paul Simon (14. Juli) meist der eher mittelalterlichen Mittelklasse vorbehalten.

Newcomer und Entertainer

Immerhin liefen an diesem Galaabend zu Ehren von Tommy LiPuma Diana Krall und Randy Crawford stimmlich zur Höchstform auf, während David Sanborn langweilte und Leon Russell nach fünf Minuten wieder gelangweilt von dannen trottete, weil LiPuma ihn in seiner ellenlangen Einführung fast 15 Minuten angesagt hatte. Diana Krall (46) hingegen nutzte ihre Zeit und versöhnte sich mit einer sinnlichen Solodarbietung am Piano – vor zwei Jahren hatte sie in Montreux ein unmotiviertes Konzert gegeben. Die bislang überzeugendste Vokalarbeit leistete aber Randy Crawford (59): Die Südstaaten-Amerikanerin zeigte sich versiert in «Every Kind of Mood» und trieb dem gerührten Publikum die Schauer über die Rücken. Das bedankte sich mit Standing Ovations.

«What a party – gracias!», so bedankte sich anderntags Ricky Martin (39). Der massentaugliche Latin-Pop des Puerto Ricaners, zu dessen Show Rubén Blades aus Panama mit secem Salsa angeheizt hatte, bewies: Ricky Martin ist auf dem Zenit. Er hat zwar nur drei Hits («Livin’ la Vida Loca», «She bangs», «La Copa de la Vida»), doch die werden dann nochmals als Zugabe in einem Medley vor die begeisterte Masse gekippt. Obwohl er seiner Stimme live keine grosse Bandbreite zu geben vermag, bietet er Entertainment vom Feinsten. Ricky Martin hat Robbie Wiliams darin wohl mittlerweile überholt: bestechender Hüftschwung und kokette Animation, eine Tanzriege, die selbst auf dem Catwalk gute Falle machen würde, ein bezauberndes Lächeln und ein gestählter Body, den er siebenmal in verschiedenen schwarzweissen Kleider präsentiert. Posen und Show – das ist eher selten in Montreux zu erleben, wo je länger, je mehr alte Herren sitzend musizieren.

Tanzen bis in die Morgenstunden

Aber auch Jungstars sind zu erleben: Anna Calvi (28) gar gratis im Jazz Café, die wie eine junge PJ Harvey an ihrer Gitarre so viel Energie versprühte wie eine ganze Rockband. Apropos Jazz Café und gratis: Am Off-Festival sind auf einem halben Dutzend Bühnen mehr als 200 Gratis-Konzerte zu erleben, und das tolle Wetter der ersten Woche erlaubte es den Jungscharen, oft bis in die Morgenstunden zu tanzen. Party, frank und frei – auch das ist Montreux.

Gespannt war man auf James Blake, dem aber nur knapp 800 Fans in die Miles Davis Hall folgten: Der 21-jährige Brite streichelte sein Elektropiano, umarmte seine Laptops und jagte die Stimme immer wieder durch den Sampler. Mit seinen beiden Compagnons an Gitarren und Drums entfachte er einen bislang nicht gehörten Musikmix, der die schönsten Seiten von Laurie Anderson, Rufus Wainwright, Moby und Anthony Johnson vereinigt. Sein repetitiver Elektrosoul mit tief emotionalem Klavier und wummerndem Bass entwickelte einen unglaublich hypnotischen Sog. Mit «Limit to your Love» schuf Blake zudem einen Song für die Ewigkeit.

Caipirinha auf dem Brazil-Boot

Planbare und garantierte Party-Anlässe sind die Brazil-Nächte, die in den letzten beiden Jahren allerdings mangels neuer Talente ausgefallen waren. Heute Abend tobt wieder eine Brazil-Night, es kommen die derzeit angesagtesten Sängerinnen aus Südamerika: Maria Gadu, Ana Carolina und Maria Rita. Und das Brazil-Boot, das heute und morgen um 15.30 Uhr ablegt, ist bekannt für seine Caipirinha-seligen Orgien. Nicht nur für die musikalischen. Und siehe da: Montreux bleibt weiterhin Party-Stadt.

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